Kritik zu The American

© Ascot Elite

Es war einmal in den Abruzzen: Anton Corbijn inszeniert George Clooney als in ein italienisches Bergdorf flüchtenden Agenten wie den einsamen, namenlosen Helden eines Italo-Westerns

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Zu den schönsten Dingen im Kino gehört ja immer wieder die Ungewissheit: Man sieht einen Mann und eine Frau beim Spaziergang in einer tief verschneiten Landschaft; man hört ihre vom Schnee abgedämpften Schritte, ihren Atem, irgendwo knacken ein paar Äste – und hat keine Ahnung, was passieren wird. Man weiß nur, dass etwas passieren wird, und zwar bald. Mit so einer Szene lässt Anton Corbijn The American beginnen, und man erlebt als Zuschauer, wie die eigenen Sinne geschärft werden, nicht nur für die Spuren, die Geräusche, die Bewegungen auf der Leinwand, sondern vor allem für die zentrale Figur, den von George Clooney verkörperten Mann und seine blitzschnellen Reaktionen. Man weiß nicht das Geringste über ihn, nicht ob er Agent oder Verbrecher ist, auf der Jagd oder ein Gejagter. Das Einzige, worüber diese Szene mit einem schließlich ziemlich schockierenden Ende Gewissheit verschafft, ist, dass es sich hier um einen Mann handelt, der ganz nach der John Wayne zugesprochenen Maxime (die dieser aber nachweislich so nie gesagt hat) handelt: »A man's got to do what a man's got to do.«

George Clooney in einer John-Wayne-Rolle? Auf den ersten Blick will das nicht zusammenpassen. Schließlich ist jener »smooth operator«, der raffiniert, smart und stets ein wenig herzlos agierende Spieler, auf dessen Darstellung Clooney abonniert scheint, das genaue Gegenteil des die zentralen Werte des amerikanischen Mannes verkörpernden John Wayne. Doch tatsächlich, obwohl die »Jack« genannte Figur hier dem zweifelhaften Beruf des Auftragsmörders und Waffenbeschaffers nachgeht, eine Profession, für die eine Wayne-Figur allenfalls Verachtung übrighätte, verleiht Clooney ihr etwas von der trotzigen Melancholie jenes alternden Cowboys oder Soldaten, den Wayne mit gleichermaßen Autorität und Würde gab. Dass Jack in dem Abruzzendorf, in das er sich nach dem Vorfall im Schnee zu Beginn zurückzieht, bald als »The American« identifiziert wird, tut sein Übriges hinzu. Das Wichtigste aber ist, dass Clooney sich hier nicht scheut, tatsächlich alt zu wirken. Die vielen Szenen, in denen man ihn alleine agieren sieht, in denen er sich in seiner ad hoc eingerichteten Werkstatt zu schaffen macht, einsam durch das Dorf streift oder einfach nur in einem uneingerichteten Zimmer herumsitzt, sind atmosphärisch verdichtet von der Lebenserfahrung eines älteren, resignierenden Mannes, der keine große Zukunft mehr vor sich sieht. Auch die anderthalb Jahrzehnte, die er der Frau voraus hat, die ihn ein letztes Mal von der Flucht in ein anderes Leben träumen lässt, sind hier einmal nicht unsichtbar gemacht. Im Gegenteil, als sie sich zum ersten Mal vor ihm auszieht, lässt sein Blick ihre Jugend genau hervortreten.

Ein ganz ähnlicher Kontrast wie der zwischen Clooneys Raffinesse und Waynes Direktheit macht den eigentümlichen Reiz von Corbijns Film aus: Der Geschichte nach – ein Agent auf der Flucht, der einen letzten Auftrag erfüllen muss und nicht mehr weiß, wer seine Freunde und wer seine Feinde sind – würde man einen schnell geschnittenen, atemlosen Jason-Bourne-Thriller erwarten, in dem sich die Protagonisten modernster Technik bedienen. Corbijn aber inszeniert seinen Helden wie Sergio Leone es in seinen Western getan hat: mit viel Zeit und einer Menge stummer Blicke. Als Jack zum ersten Mal in das Dorf in den Bergen bei Pescara einfährt, macht er auf einem kleinen Platz halt. Dort fegt eine alte Frau gleichgültig vor ihrem Hauseingang, nebenan sitzt ein alter Mann, im Schatten gegenüber noch einer. Die Kamera sieht sich um, Jack bleibt im Auto sitzen, niemand regt sich, Jack fährt wieder davon – die Szene wirkt wie die Rekonstruktion eines Italowesterns, bei dem einzig das Pferd durch ein Auto ersetzt wurde.

Den Western-Charakter seines Films unterstreicht Corbijn auch dadurch, dass sein Held ganz ohne die üblichen Agenten-Gadgets auskommen muss. Jack ist ein Mann, der niemals E-Mails checkt, er besitzt noch nicht einmal einen iPod; sein Handy wirft er in einer der ersten Szenen weg, damit ihn sein Auftraggeber, der vielleicht auch sein Feind ist, nicht orten kann. Von da an telefoniert er nur noch aus altmodischen, verfallenden Zellen heraus, die erstaunlicherweise noch zu funktionieren scheinen. Das Bild der stillen, existenziellen Verzweiflung, das Clooneys Held hier abgibt, wird durch diese Askese den modernen Medien gegenüber noch betont.

Für die ambivalente Atmosphäre zwischen Thriller und Western findet Corbijn oft Bilder, die am Manierismus nur knapp vorbeischlittern. Wenn in einer schmucklos eingerichteten Bar als einzige Dekoration ein Flachbildschirm hängt, geht das noch als prägnante Kadrierung der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen in der verlassenen Abruzzenlandschaft durch. Dass es aber dann prompt ein Sergio-Leone-Western sein muss, der darauf zu sehen ist, wirkt tautologisch. Und wenn es dann noch einer ausspricht, hat Corbijn seine eigene Methode entlarvt, bevor sie wirken kann.

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