Kritik zu Achterbahn

© Rohfilm

2009
Original-Titel: 
Achterbahn
Filmstart in Deutschland: 
02.07.2009
L: 
89 Min
FSK: 
12

Die Geschichte eines Mannes, der hoch hinauswill: Peter Dörfler hat einen bewegenden und gleichzeitig analytischen Dokumentarfilm über den »Rummelplatzkönig« Norbert Witte gedreht

Bewertung: 4
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Wer einmal vom Treptower Park im Osten Berlins aus am Ufer der Spree hinabgeht, dem bietet sich hinter einem mittlerweile ziemlich lädierten Zaun ein surrealer Anblick: auf der Seite liegende Saurier, abgestellte Vergnügungsparkwagen, im Hintergrund ein stillstehendes, vor sich hinrostendes Riesenrad. Und wer nicht direkt aus Berlin stammt und einen anderen Spaziergänger fragen muss, erfährt, dass es sich hier um den ehemaligen Spreepark im Plänterwald handelt. Den gab es schon zu DDR-Zeiten. Nach der Wende hat ihn der Fahrgeschäftsunternehmer Norbert Witte übernommen. Und der ist 2001 spektakulär pleite gegangen.

Über diesen Witte hat der Regisseur Peter Dörfler einen bewunderswert ruhigen Dokumentarfilm gedreht. Was nicht so einfach erscheint angesichts der Achterbahn dieses Lebens und der Spur, die Witte und seine Pleite zumindest in der Berliner Presse hinterließ. Denn nach der Pleite versuchte Witte mit seiner Familie einen neuen Anfang, ausgerechnet in Peru, weil er vermutete, dass die Peruaner Rummelplätze und Fahrgeschäfte im europäischen Stil nicht kennen.

Doch auch der Neuanfang ging gründlich schief, und Witte, mittlerweile wieder in Deutschland, ließ sich auf einen Kokainschmuggel mit der peruanischen Drogenmafia ein, der an die peruanische Polizei verraten wurde. Seitdem sitzt Wittes Sohn Marcel in Lima im Gefängnis, verurteilt zu 20 Jahren in einer der härtesten Strafanstalten der Welt. Witte, in Deutschland verhaftet, ist mittlerweile Freigänger, im offenen Vollzug.

Eine solche Schuld ist eine arge Hypothek für einen Dokumentarfilm. Aber Dörfler geht es nicht um Verurteilungen, sondern um das Psychogramm eines ewigen Entrepreneurs, eines Draufgängers, der auch dann noch weitermacht, wenn es keinen Sinn mehr macht. Der Dokumentarfilmer rekonstruiert die Vorgänge aus Gesprächen mit Witte selbst, mit seiner Frau Pia, seiner Tochter Sabrina, dem Insolvenzverwalter. Witte spricht wenig über sich, sucht sein Scheitern mit dem Entzug von Parkplätzen durch die Stadt Berlin oder dem Hängenbleiben seiner Fahrgeschäfte im peruanischen Zoll zu begründen. Pia Witte ist da ausführlicher, und »Achterbahn« wird auch zu einem Stück Familiengeschichte, in der Witte die Vision und seine Frau das Organisationstalent hatte. Das klingt symbiotisch, und die Wittes konnten auch einen Rückschlag – ein Unfall mit einem von Wittes Fahrgeschäften kostete sieben Menschen das Leben – wegstecken.

Dörfler und sein Team folgen auch Mutter und Tochter nach Lima, doch die Hoffnungen auf eine baldige Entlassung von Marcel zerschlagen sich und die beiden bekommen sogar einen Giftanschlag auf Marcel mit. Es gelingt dem Film sehr gut, die Fremdheit der Wittes damals in Bilder von heute zu übersetzen, etwa in einer Taxifahrt, in der die Außenwelt wie unwirklich vorbeizieht.

Aber man kann auch Witte ein gewisses Charisma nicht absprechen. Der Mann will hoch hinaus. Er hat einen Traum. Dörflers Film beginnt und endet mit einer Aufnahme von Witte auf einer Achterbahn, nur sein Gesicht, hinter dem die Welt zerfließt, unterlegt mit dem Song »Elephant Gun« von Beirut: »If I was young, I'd flee this town.« Das ist melancholisch und pathetisch zugleich, ein schönes filmisches Kondensat. Und in seinen besten Momenten wird »Achterbahn« zu einer Parabel auf einen Menschen, der den Versprechungen des Kapitalismus folgte, im volles Risiko ging und hoch pokert. Als »Achterbahn« gedreht wurde, gab es die Finanzkrise noch nicht, aber in ihrem Licht sieht man auch die unglaubliche Biografie des Norbert Witte anders.

Am Ende des Films erzählt Norbert Witte von seinen Plänen, am Rande des Regierungsviertels auf einer Brache eine Riesendisko wieder aufzumachen. Witte is back in business, denkt man da. Während des Frankfurter Filmfestivals »Lichter«, wo »Achterbahn« im Anschluss an die Berlinale lief, erzählte Regisseur Peter Dörfler, dass es auch mit diesem Traum nicht geklappt hat: aus der Disko ist nichts geworden. Jetzt lebt Witte wieder auf dem Spreepark-Gelände, als eine Art Hausmeister bis zur endgültigen Abwicklung. Und ein neues Geschäft hat er auch schon: eine Firma, die Buden für Märkte herstellt.

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