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Ein junger Mann, der Gebärdensprache spricht, verliebt sich in eine gehörlose Frau. Die koreanische Romanze erzählt feinfühlig von ihrer Annäherung.
Das Motiv der Gehörlosen ist im Kino gar nicht so selten. Schon 1949 wurde Jane Wyman für ihre Darstellung einer Taubstummen in »Johnny Belinda« mit dem Oscar ausgezeichnet. 2021 erhielt »Coda« sogar den Oscar als bester Film für das Porträt einer gehörlosen Familie. In seinem zweiten Spielfilm greift nun der Koreaner Sun-ho Cho dieses Motiv im Rahmen eines romantischen Liebesdramas auf. Erzählt wird die Geschichte des Tagträumers Yong-jun, der Gebärdensprache studiert hat, als Nichtbehinderter aber nicht so genau weiß, was er nun damit anfangen soll. Da er sich für keinen Berufsweg entscheiden kann und auch mit seinen Berufungen hadert, lebt der 26-Jährige erst einmal in den Tag hinein.
Mit seiner sanftmütigen Verweigerungshaltung ist dieser Yong-jun – der im Lunchbox-Imbiss seiner Eltern als Auslieferer jobbt – von Anfang an ein Sympathieträger. Bei seiner Ankunft in einer Schwimmhalle, wo er eine Bestellung abliefern soll, erlebt er einen magischen Moment – das Herz steht still: Wie Kontakt aufnehmen mit dieser atemberaubenden Frau, die mit einer Stoppuhr am Beckenrand steht? Um keinen Fehler zu machen, spricht er eine Schwimmerin an, die von der Frau am Beckenrand trainiert wird. Zufälligerweise ist diese gehörlos und kann nur mittels Gebärdensprache kommunizieren. Yong-jun ist in seinem Element...
Diese konstruierte Situation nimmt man hin, denn das Sprechen mit Händen und Gesten eröffnet eine neue Dimension. Als Yong-jun sich dank der Vermittlung der Schwimmerin mit deren Schwester Yeo-reum trifft, taucht der Film tief ein in die Welt der Gebärdensprache. So ist in Korea die Kommunikation zwischen den Geschlechtern, insbesondere im Dating-Kontext, durch einen nuancierten Kanon von Ausdrucksformen geregelt. Als Yong-jun gemäß diesen Konventionen beim ersten Treffen vorsichtig anfragt, ob sie beide »Freunde sein« können, erklärt Yeo-reum überraschend, dass sie doch längst Freunde sind. Gebärdensprache, so zeigt der Film subtil, kennt all die fein ziselierten Höflichkeitsformen nicht. Es ist also, als hielten beide längst schon Händchen – und zwar ohne sich zu berühren. Mit differenziertem Blick für derartige Feinheiten zeigt die schönste Szene, wie Yong-jun mit seiner neuen Freundin und deren Schwester eine Disco besucht. Um sich der Wahrnehmung der Gehörlosen anzupassen, verstummt die Musik. Als der junge Mann seine Begleiterinnen an die Lautsprecherbox führt, wo sie mit den Fingern an der Membran die Töne fühlen, wird der Sound wieder laut. Ein ergreifender Moment, in dem der Film das Thema Inklusion ohne erhobenen Zeigefinger vermittelt.
»Hear me: Our Summer«, ein Remake des gleichnamigen taiwanesischen Films von 2009, lebt von den beiden Hauptdarstellern. Leider hat die zuweilen märchenhafte Romanze auch Durchhänger. Der Plot ist dünn, und die Musik klingt zuweilen monoton. Vor allem aber hat der Film einen haarsträubenden Plot-Twist, der die sensibel aufgebaute Atmosphäre empfindlich stört. Schade, denn das hätte eine mitreißende Liebesromanze werden können.



