Chardonnay für Zombies

Das 72. Filmfestival von Cannes eröffnet mit der Komödie »The Dead Don't Die«

Eigentlich ist Centerville, der Schauplatz von Jim Jarmuschs »The Dead Don't Die«, der Inbegriff des friedlichen, des gemütlichen, des »guten« Amerika. Da gibt es die beiden Cops Cliff Robertson (Bill Murray) und Ronnie Peterson (Adam Driver), die nach dem Rechten sehen. Da gibt es das altmodische Diner-Restaurant, wo Fern und Lily den besten Kaffee der Gegend ausschenken, und ein erlesenes Sortiment an Gestalten, die über ihre Popkulturvorlieben vorgestellt werden.

Tankstellenverkäufer Bobby (Caleb Laundry Jones) mag den Country-Sänger Sturgill Simpson, besonders dessen Song »The Dead Don't Die«. Der Song komme ihm so bekannt vor, stutzt Bill Murray, als er ihn hört. »Es ist ja auch unser Themen-Song«, antwortet ihm Adam Driver. Und spätestens da merkt der Zuschauer, dass Regisseur Jarmusch in dieser Zombi-Komödie auch das eigene Werk wie eine Art Untoten behandelt: Geradezu lüstern geistern Anspielungen darauf durch den ganzen Film.

Kein Geheimnis macht Jarmusch auch aus der Tatsache, dass das Motiv der Zombi-Apokalypse, die über sein »gutes Amerika« hereinbricht, eine Metapher sein soll: für die Klimakatastrophe, vor der die Menschen die Augen verschließen, und für den Konsumwahn. Aus den Radios in Centerville hört man Nachrichten über »Polar-Fracking", das die Erde aus der Achse geworfen habe – was aber Experten als Eliten-Fake-News abtun.

Adam Driver als Cop bemerkt nach kurzem Studium des Zombi-Verhaltens, dass es sie zu den Dingen zieht, die sie einst liebten. Prompt beginnt Carol Kane ihre Untoten-Existenz mit dem Ruf nach Chardonnay. Und für alle, die es bis dahin immer noch nicht begriffen haben, wiederholt am Schluss die Stimme von Tom Waits, der einen Walderemiten namens Bob spielt und durchs Fernglas betrachtet, wie in Centerville einer nach dem anderen ein Zombi-Opfer wird, noch mal die Lektion: Die Menschen seien zu gierig gewesen, zu konsumorientiert.

Zwar konterkariert Jarmusch die Belehrungen durch die ihm typische Vorliebe für staubtrockenen Humor. Aber so schön es auch ist, wenn Bill Murray und Adam Driver sich gekonnt ausdruckslos Sätze hin und herschieben wie: »Was denkst du?« – »Ich denke: Zombies!« und »Es wird nicht gut ausgehen«, verliert sich »The Dead Don't Die« doch ziemlich in seinen selbstgefälligen Witzeleien und hinterlässt schließlich wenig Eindruck. Was angesichts seines ernsten Themas fast einem Eigentor gleichkommt.

Das Publikum in Cannes zeigte sich dennoch wie gewohnt äußerst zufrieden. Wobei die Zufriedenheit sich wohl vor allem auf die Anwesenheit so vieler Stars bezog, wurde Jim Jarmusch doch von Bill Murray, Adam Driver, Tilda Swinton und Chloe Sevigny begleitet. In Cannes, so hob der Conferencier der Eröffnung, der französische Komiker Edouard Baer hervor, sei es ja oft so, dass das Publikum so illuster sei, dass manchmal der Film anhalten müsste, um in den Saal zu sehen, weil es dort mehr Stars zu bewundern gebe als auf der Leinwand.

Für die Eröffnungsfeier, zu der neben der von Oscar-Gewinner Alejandro Iñárritu angeführten prominenten Jury auch französische Stars in großer Anzahl erschienen war, mag das im guten Sinne stimmen. Für den Verlauf des Festivals, dem es in diesem Jahr abgesehen von einem Quentin-Tarantino-Film vor allem an großen amerikanischen Namen mangelt, könnte sich das noch als »self own«, als Eigentor erweisen.

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