Berlinale Nr. 70: Aufgeräumt

Die alte Dame Berlinale wird einer umsichtigen Renovierung unterzogen
»My Salinger Year« (2020). © micro_scope

Selten waren die Rahmenbedingungen für ein Festival so schlecht wie ausgerechnet bei dieser Jubiläumsausgabe der Internationalen Filmfestspiele Berlin. Damit ist nicht die finanzielle Ausstattung der 70. Berlinale gemeint – da hat Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) sogar noch etwas draufgelegt. Es sind eher organisatorische Knüppel zwischen die Beine: Ende vergangenen Jahres schloss das Cinestar-Multiplex im Sony-Center am Potsdamer Platz, zehn Kinos fielen der Berlinale dadurch weg. Die Berlinale musste ihre Präsenz in den Cubix-Kinos am Alexanderplatz erhöhen. Im Keller des Berlinale-Palastes gastiert das Musical »Magic Mike« – der Raum kann nicht, zum Beispiel für Empfänge, genutzt werden.

Der Potsdamer Platz selbst ist gastronomisch so gut wie tot. Die Potsdamer-Platz-Arkaden, die jahrelang als ultima ratio einer Shopping Mall galten und immer für einen Snack der Festivalbesucher gut waren, werden umgebaut und müssen sich durch eine nahe gelegene Konkurrenz neu orientieren. Die meisten Kneipen auf der Alten Potsdamer Straße haben auch zu. Und über alldem schwebt natürlich der Corona-Virus, gegen den die Berlinale überall Spender mit Desinfektionslösung aufstellen lassen will. Dass die U-Bahn-Linie Linie U2 Richtung Ruhleben vorübergehend nicht am Potsdamer Platz hält, scheint da nur ein Lappalie.

Aber das alles wird für das Berliner wie für das Fachpublikum wie weggewischt sein, wenn sich zum ersten Mal der Vorhang im Berlinale-Palast hebt – und sich zeigt, dass die Mischung und Qualität der Filme stimmen. Denn gerade der Wettbewerb erschien in den letzten Jahren des Festivalleiters Dieter Kosslick, der die Berlinale von 2001 bis 2019 verantwortete, ziemlich beliebig und eintönig und hat unter Journalisten vehemente Kritik hervorgerufen. Der Druck auf das neue Leitungs-Duo mit Carlo Chatrian als künstlerischem Leiter und Mariette Rissenbeek als Geschäftsführerin ist also hoch.

Eine Einschätzung wird man erst am Ende des Festivals ziehen können, aber die beiden scheinen die Renovierung der alten Dame Berlinale umsichtig angegangen zu sein. Den Charakter der Berlinale als Publikumsfestival jedenfalls wollen sie nicht antasten. Ihre größte Neuerung ist sicherlich die Einführung einer zweiten Wettbewerbsreihe namens »Encounters« (wie es sie auch bei den beiden anderen größeren europäischen Festivals Cannes und Venedig gibt), die stilistisch innovativen, vielleicht auch niedrig budgetierten Filmen Raum geben soll. Die genaue Abgrenzung zum »Internationalen Forum des jungen Films«, der bisherigen Innovativsektion, die in diesem Jahr auch 50 wird, ist allerdings nicht klar definiert.

Der Wettbewerb besteht aus 18 Filmen. Eine Kategorie »außer Konkurrenz« gibt es nicht mehr, solche Filme werden in der Sektion »Berlinale Special« gezeigt, die es auch vorher schon gab, und die quasi für den Glamour-Faktor zuständig ist. Hier läuft auch der Film, mit dem das Festival am Donnerstag eröffnen wird: »My Salinger Year« von Philippe Falardeau. Darin spielt Sigourney Weaver eine Literaturagentin, die den Autor des Kultromans »Der Fänger im Roggen« vertritt. Die drei Sektionen des »offiziellen Programms« sollen stärker als bisher eine Einheit bilden.

Der Wettbewerb, in dem sich kein klassischer Hollywood-Film findet, setzt auf bekannte Namen des Autoren- und Independentkinos wie Abel Ferrara, Hong Sang-soo, Tsai Ming-Liang oder Kelly Reichardt. Da kennt Carlo Chatrian sich aus, hat er doch jahrelang das Festival von Locarno geleitet. Prognostiziert hat er, dass sein Wettbewerb durchaus düster werden könnte. Da freut man sich doch auf das neue Werk von Sally Potter, »The Roads Not Taken«: Die britische Regisseurin war vor drei Jahren mit ihrer turbulenten Komödie »The Party« vertreten.

Sozialen Humor, vielleicht eher der gröberen Sorte versprechen die beiden Regisseure Benoît Delépine und Gustave Kervern (»Mammuth«), die im Wettbewerb ihre Social-Media-Komödie »Effacer l'historique« zeigen. Zwei deutsche Filme gibt es im Wettbewerb: »Undine« von Christian Petzold (quasi Wettbewerbs-Urgestein) und die dreistündige Neuadaption des Romans »Berlin Alexanderplatz« durch Burhan Qurbani. Aus dem Kriegsheimkehrer Franz Biberkopf ist diesmal ein Flüchtling aus Westafrika geworden. Man darf gespannt sein.

Meinung zum Thema

Ihre Meinung ist gefragt, Schreiben Sie uns