Verwunderbar!

»Transit« (2018). © Schramm Film / Marco Krüger

Man kann der 68. Berlinale einiges vorwerfen, es gab zu wenig große Filme, zu wenig Stars und vielleicht auch zu wenig Qualität. Eines aber war dieses Filmfestival sicher nicht: vorhersehbar oder gar langweilig. Und so sind auch die Preise in diesem Jahr, ob nun verdient oder nicht, vor allem überraschend. Der goldene Bär geht an »Touch Me Not«, einen erotischen Experimentalfilm aus Rumänien. In ihrem Kinodebüt sucht Adina Pintilie nach den unterschiedlichen Spielarten menschlicher Sexualität und vermischt dabei dokumentarische und gespielte Szenen. Im Zentrum steht eine vielleicht asexuelle Frau, jemand, der nicht berührt werden will, und trotzdem Erfüllung sucht. Sie bestellt sich Stricher, hört zu wie Behinderte über ihre Sexualität sprechen und besucht einen BDSM-Club. Zum Schluß teilt sie das Bett mit einem nackten Mann. Adina Pintilies Film ist mutig, selbstbewußt anders und doch kein überzeugender Preisträger. Zu vage bleibt die Trennung zwischen wirklichen und inszenierten Szenen, man weiß selten wo man sich befindet und eine Geschichte erzählt sie ohnehin nicht. Damit wird die Aussage diffus. Es ist nicht klar, was Pintilie mit ihrem Film eigentlich sagen will, außer dass Sexualität ebenso vielfältig ist, wie die menschliche Phantasie. Vielleicht ist dieser Film ja eine Reaktion auf die #Metoo-Debatte, ein Plädoyer für gelebte Lust jenseits der Täter/Opfer Diskussion. Wer weiß.

Dass Wes Anderson hingegen für seinen grandiosen Animationsfilm »Isle of Dogs« den silbernen Bären für die beste Regie bekam, ist mehr als verdient. Er erzählt nicht nur eine groteske Hundegeschichte, sondern führt auch sämtliche Spielarten der Animation gekonnt vor. Małgorzata Szumowskas Farce um einen übergroße Jesusstatue und einen Mann mit einer entstellenden Gesichtsoperation ist auch kein schlechter Film, doch für den großen Preis der Jury definitiv zu klein und zu belanglos. Und auch die beiden Dartstellerpreise für Ana Brun aus Paraguay in dem bewegenden Film »Die Erbinnen« und den französische Newcomer Anthony Bajon in dem Drogen-Entzugsfilm »Das Gebet« sind etwas übertrieben. Beide sind Teil eines Ensembles, das jeweils einen guten Film hervorgebracht hat, aber es gab durchaus größere darstellerische Einzelleistungen in diesem Jahr. Und dass alle deutschen Film leer ausgingen, ist nicht nur erstaunlich, es ist grundfalsch. Christian Petzolds »Transit« ist überaus gelungen und Thomas Stubers »In den Gängen«, der in einem Großmarkt spielt, tatsächlich innovativ. Es mag daran gelegen haben, dass der Jury-Vorsitzende selbst ein  Deutscher war. Im eigenen Lande zählt der Prophet nichts. Tom Tykwer aber betonte, die Jury habe nicht würdigen wollen, was Kino kann, sondern wo es noch hingehen kann. Mit Ausnahme von Wes Andersons »Isle of Dogs« findet man bei den Preisträgern in diesem Jahr jedenfalls keine Spuren einer wie auch immer gearteten Zukunft des Films.

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