Ein Rausch
„Zwillingsschwesternhaft“ nennt Dietmar Kanthak die Art, wie sich Zoey Deutch in die Rolle der Jean Seberg einfühlt. Allein schon wegen dieses Adjektivs liebe ich seine Kritik zu „Nouvelle Vague“. Der Verstärkung durch „magische Weise“ hätte es da eigentlich gar nicht mehr bedurft, obwohl damit natürlich ein Schlüsselwort über Richard Linklaters Film fällt.
Er soll die Liebe zum Kino ins Kino zurückbringen. Das scheint eine ausgemachte Sache zu sein. Jeder schaut auf der Leinwand gern einer Liebeserklärung zu. Und wenn sie sich an das Medium selbst richtet, darf sich auch jede Zuschauerin und jeder Zuschauer gemeint fühlen. „Nouvelle Vague“ trägt leicht an diesem Mandat, das ihm die Kritiker, die Cinéphilen und nicht zuletzt seine Produzenten aufgebürdet habe. Auch der hiesige Verleih spielt wunderbar mit. Er hat zum Start eine kleine Broschüre drucken lassen, die den „Cahiers du Cinéma“ ähneln soll und ein Manifest dieser Euphorie sein will. Der Liebhaber im Regiestuhl kommt darin zu Wort, das Personal des Films wird vorgestellt und einige der federführenden Mitwirkenden (Kamera, Masken- und Kostümbild) berichten davon, wie es ist, heute einen Film in Schwarzweiß zu machen. Die zeitgenössische Werbung auf den Seiten des Heftes ist bunt und macht Lust, einen Pastis oder eine Orangina zu trinken oder eine Gitanes zu rauchen. Nicht nur an orale Genüsse ist gedacht, auch das Ohr kommt zu seinem Recht: Francoise Hardy steuert, sacht verfrüht, das musikalische Lebensgefühl der Generation bei, die 1960 Godards „Außer Atem“ entdeckte und umarmte. Bei jedem Kinobesuch schnappe ich mir ein, zwei der Broschüren, um sie in meinem Umfeld zu verteilen. Ein Exemplar habe ich schon bei mir ins Regal gesteckt.
Als ich im November in Athen war, lief Linklaters Film im anderen Saal des Kinos, in dem wir die Wettbewerbsfilme sahen. Die Angestellten trugen allesamt T-Shirts mit dem „Nouvelle Vague“-Logo, um das ich sie sehr beneidete. Ich mache also fröhlich mit beim Marketing. Das dürfte ganz im Sinne von Godard sein, der in seinem knappen Drehbuch die Handlung seines Films nur skizzierte und die Dialoge nachträglich hineinschrieb, aber auf fünf Seiten detailliert fixierte, wie der Trailer auszusehen habe. Ich habe ihn vor ein paar Wochen gesehen und festgestellt, dass in ihm jede Menge Bilder vorkommen, die im Film gar nicht zu sehen sind. Am Ende hört man Godard selbst, wie er verkündet, dies sei „le meilleur film actuel“. In diesem besten Film, der gerade läuft, setzte er seinem Genie ein erstes Denkmal. Den habe ich vor einige Wochen auch wiedergesehen und war erstaunt, dass es so viele Dinge in ihm gab, an die ich mich überhaupt nicht mehr erinnerte. Er fängt zum Beispiel nicht in Paris an, sondern im Vieux Port von Marseille, wo Belmondo brüsk eine Liebesgeschichte beendet.An die Helikopteraufnahmen vom Louvre, die später zwischendrin auftauchen, hatte ich auch keine Erinnerung mehr. Das war gewiss Archivmaterial, denn das Budget war klamm. Sie haben keinen erkennbarer Nutzen, nicht einmal einen rhythmischen. Auch den angeblichen Staatsbesuch von Eisenhower in Paris hatte ich komplett vergessen. Dasselbe gilt für die Straßenverkäuferin, die auf den Champs-Elysées die „Cahiers du cinéma“ feilbietet, die Belmondo aber nicht haben will („Sie haben doch nichts gegen die Jugend?“ - „Alte Leute sind mir lieber!“) Die Redaktion saß damals gerade dort, in der Hausnummer 146. Was mir natürlich im Gedächtnis geblieben war, ist die sprunghafte Romanze von Belmondo und Jean Seberg, de gleichermaßen bezaubert und genervt voneinander sind. Godard suchte sich dafür das „Hotel de Suede“ am Seineufer gegenüber von Notre Dame aus, weil es die kleinsten Zimmer in ganz Paris hatte.
Ist Linklaters Film eine Zeitreise oder eine quirlige Vergegenwärtigung? Mir gefällt, dass er so gar nicht nostalgisch wirkt. Seine Charaktere springen uns an, verstricken uns unmittelbar in den Tumult der Dreharbeiten, die immer eine Wetter gegen den Drehplan sind und mit Godards fahrlässiger Zuversicht. Eigentlich ein großer Abenteuerfilm. An diesem Hasardspiel gefällt mir auch, dass es keine Hagiographie ist. Der junge Schurke Godard ist bereits so verschlagen wie der alte Schurke Godard: eigentlich unausstehlich, aber charmant, wenn es nötig ist – und er bleibt immer auf Spur. Linklater setzt nachdrücklich auch die Anderen ins Recht, die Darsteller und den Stab, die sich in den Taumel der Kreativität begeben. Der Einzige, den ich von ihnen noch persönlich kennengelernt habe, ist Pierre Rissient. (Mehr über ihn im Eintrag "Ein Fährmann" vom 6.5. 2018) Damals war er der jüngste Regieassistent im französischen Film. Ich kannte ihn nur mit kahlem Schädel, aber sein Darsteller Benjamin Clery hat einen wenngleich kurzgeschorenen, sp doch dichten Haarschopf. Er spielt Pierre als einen Filou, der manchmal ratlos ist, sich jedoch nie anmerken lassen würde, in welch arge Bedrängnis ihn der unberechenbare Regisseur bringt. Dieser Assistent ist allen Problemen gewachsen: ein Fels in der Brandung, und mit viel Humor. Auch später, als Pierre davon weniger hatte, erzählte er stets, der Drehplan sei trotz allem akribisch ausgearbeitet gewesen. Seinen großen heroischen Moment hat er in der Szene, als er auf die Sekunde genau voraussagt, wann die Straßenlaternen auf den Champs-Elysées angehen. Tatsächlich hatte er bei den Elektrizitätswerken nachgefragt. Als es dann passiert, ist das ein magischer Augenblick - bei Linklater übrigens noch viel stärker als im Original.




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