Das unbekannte Vertraute

Man täte der Provinz gewiss Unrecht, wenn man behauptete, sie sei überall gleich. Aber die weltweiten Ähnlichkeiten überwiegen dann doch. Im Kino wird sie meist mit Enge assoziiert und gebiert Träume vom Anderswo. Da ist es relativ egal, ob diese nun in Richtung Buenos Aires, Moskau, Paris, New York oder Sydney weisen. Der Impuls ist gleichermaßen stark.

Aber ist er es wirklich? Während die Titelheldin von Milos Formans „Die Liebe einer Blondine“ noch nach Prag flüchten konnte, steht diese Hoffnung dem Figurenensemble aus seinem nächsten Film „Der Feuerwehrball“ schon nicht mehr nicht offen. Hier gibt es kein Entkommen aus dem in Konventionen und Heuchelei erstarrten Milieu. Eingangs werden die Feuerwehrleute selbst zu Brandstiftern. Und den Hof eines greisen Bauern können sie am Ende auch nicht vor den Flammen retten. Der Ertrag der Tombola, den sie dem armen Mann aus Nächstenliebe (das Wort „Solidarität“ fällt dem Festredner partout nicht ein) überlassen wollen, bleibt ein leeres Versprechen, denn der Gabentisch ist längst geplündert worden. Forman seziert die Doppelmoral der Gegenwartsgesellschaft mit so scharfem Instrument, dass der Alltag zu heillosem Chaos eskaliert. Nach diesem furios anarchischen Sittengemälde wurde es höchste Zeit für den Regisseur, dem Ruf nach Hollywood zu folgen.

Mit dem „Feuerwehrball“ wird morgen Abend (4.7.) eine umfangreiche Retrospektive des tschechoslowakische Kino eröffnet. Sie trägt einen Titel, der mir nicht nur wegen seiner wendersschen Herkunft missfällt („In weiter Ferne, so nah!“), ist aber ansonsten eine erfreulich kapitale Unternehmung. Sie wird bis zum Jahresende an gleich zwei Orten in Berlin gezeigt, im Zeughaus (https://www.dhm.de/zeughauskino/filmreihe/in-weiter-ferne-so-nah/) und im Kino Krokodil (https://kino-krokodil.de/), wo am 8. 7. zum Auftakt „Saxophon Susi“ läuft, Karl Lamac' beschwingte späte Stummfilmkomödie über einen Identitätstausch. Kuratiert haben die Reihe Ralph Eue, Brigitte Mayr und Michael Omasta, die in den nächsten Tagen in einige der Filme einführen werden; weitere Einführungen halten u.a. Heleen Gerritsen sowie Tereza Nekulová. Ich finde diese Kinematographie nicht so fern, aber das Programm stellt eine ganz besondere Nähe her.

Ralph Eue berichtete mir bereits vor einigen Wochen von dem Vorhaben, als wir uns zufällig in der kühlen Amerikagedenkbibliothek trafen, wo wir Zuflucht vor der vorletzten Hitzewelle suchten. Er hat bereits die Frantisek-Vlacil-Retro kuratiert, über die ich an dieser Stelle vor zwei Jahren schrieb (https://www.epd-film.de/blogs/autorenblogs/2024/wiederkehr-der-visionen). Er warf eine Frage auf, die mir seither immer wieder durch den Kopf geht: Ob es nicht erstaunlich sei, dass man bei dieser Kinematographie augenblicklich und fast ausschließlich an die 1960er Jahre denken würde? In der Tat, Mit der tschechoslowakischen Neuen Welle trat damals eine ganz eigenwillige Spielart der Tragikomik ins Weltkino ein. Vera Chytlilová, Milos Forman, Jan Nemec, Ivan Passer und andere verstanden sich darauf, behände Tonfall und Register zu wechseln. Leichtfüßig spielten ihre Komödien ins Dramatische hinüber und schafften es, das Alltägliche im Kino in etwas Außerordentliches zu verwandeln. Von Menzel läuft zwar der berühmte „Liebe nach Fahrplan/ Scharf beobachtete Züge“, aber darüber hinaus schürft die Reihe tiefer und jenseits der bekannten Klassiker. Aus Chytilovás Werk sind beispielsweise „Auf der Suche nach Ester“ sowie „Panel Story“ zu sehen; von Karel Zeman läuft offenbar keiner seiner bekannteren, zauberisch animierten Abenteuer- und Science-Fiction-Filme, dafür aber das Schelmenstück „Die Hofnarrenchronik“. Darüber hinaus werden lauter eher unbesungene Filmemacher vorgestellt wie Martin Fric und Peter Solan. Ich komme später noch einmal auf die Reihe zurück, zu der im Herbst auch ein Band bei Synema in Wien erscheint.

Heute will ich hingegen noch auf eine andere Filmreihe hinweisen, die ebenfalls von Leuten konzipiert wurde, die aufmerksamen Lesern dieses Blogs nicht unbekannt sein werden. Die Filmschau wird heute Abend (3.7.) in Frankfurt mit „Le Choix des armes“ (Wahl der Waffen) von Alain Corneau eröffnet und widmet sich den vielgestaltigen französischen Genrekino der letzten sechs Jahrzehnte (https://filmkollektiv-frankfurt.de/cinema-bis/). Auch in Frankfurt sind unbekanntere Regisseure zu entdecken und lassen sich berühmte mit anderen Augen betrachten. Die Ränder haben hier einen ebenso stolzen Platz wie das Zentrum („Le Vieux Fusil“ /“Das alte Gewehr“ führte Jahrzehnte lang die Liste der Lieblingsfilme der Franzosen an). Als besonderer Clou läuft parallel dazu bzw. mit Überschneidungen eine Hommage an den Komponisten Philippe Sarde (https://www.epd-film.de/blogs/autorenblogs/2018/im-kleinen-reich-grosser-musik). Damit beweisen die wackeren Frankfurter Kollektivisten erneut, dass sie nicht nur einen besonderen Blick, sondern auch ein besonderes Ohr für die Filmgeschichte haben.

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