Familiengeheimnisse

Dieses Jahr war reich an Filmen, deren Ende das Publikum beschäftigte, entweder brennend, nachhaltig oder beides. Nichts beflügelt die Unterhaltung während des Heimwegs vom Kino so sehr wie ein Schluss, auf den man sich nicht augenblicklich einen Reim machen kann.

2021 gab es Filmenden, die man erst einmal verkraften musste („Keine Zeit zu sterben“) und anständigerweise vorerst nicht verriet (dito) oder solche, die zu abrupt waren, um die Fangemeinde zufriedenzustellen („Eternals“). Am reizvollsten ist es natürlich, wenn man glaubt, das Rätsel gelöst zu haben, aber ein unergründliches Geheimnis (die menschliche Natur) bleibt. Das war bei „The Power of the Dog“ der Fall, an dem mir ohnehin gefiel, dass ich partout nicht wusste, worauf das alles hinausläuft und wer in wessen Falle tappen würde.

Einen nicht ganz so kniffligen, aber nicht weniger vieldeutigen Ausgang nimmt „The Hand of God“ (Die Hand Gottes), in dem Paolo Sorrentino seine neapolitanischen Kindheitserinnerungen verarbeitet. Es ist der sachte, diskrete Ausklang eines wunderbar großspurigen Films. Sorrentinos Alter ego Fabietto verlässt seine Heimatstadt in Richtung Rom, was bei diesem Regisseur zweifellos eine Anspielung auf das Finale von Fellinis „Müßiggänger“ ist. An einem Bahnhof, an dem der Zug hält, hört er ein Pfeifen, das ihm vertraut ist. Sodann erblickt er den „kleinen Mönch“, jene sagenhafte neapolitanische Gestalt, die der Legende nach manch menschenfreundlichen Schabernack treibt und zu Beginn des Films einen denkwürdigen Auftritt hatte. Er lüpft seine Kapuze und entpuppt sich als ein Junge von etwa acht Jahren, der Fabietto zulächelt. Ich hielt den Moment für einen Abschied von seiner Herkunft, für eine prägnante Metapher. Meine Begleiterin hingegen war überzeugt, es handle sich um Toni Servillos unehelichen Sohn, dessen Existenz der Vater lange Zeit verschwiegen hatte. Vom Alter her konnte es passen, aber was machte er auf einem Bahnhof weit außerhalb Neapels?

Es wäre viel zu umständlich, diesen erzählerischen Zusammenhang zu erklären. „Es ist kompliziert“, wie der Vater sagte. Ich will ohnehin auf das Pfeifen hinaus. Es ist melodiös und auch dem Publikum wohlvertraut. Es fungiert als eine Geheimsprache der Familie Schisa. Anfangs diente es womöglich dem Liebeswerben der Eltern, wobei man nicht sagen kann, wer es zuerst zu diesem Zweck einsetze, Saverio (Servillo) oder seine erfreulich leichtfertige Frau Maria (Teresa Saponangelo, zauberhaft). Gleichviel, die Eltern lassen ihre Kinder an ihrer Geheimbotschaft teilhaben. Als Ritual gehört es fest zur intimen, privaten Mythologie der Familie.

„The Lost Daughter“ (Frau im Dunkeln), Maggie Gyllenhaals Verfilmung von Elena Ferrantes Roman, kann nicht mit einem ähnlich bemerkenswerten Ende aufwarten. (Der Einstieg dieses Blogeintrags war sowieso wohl eher als Köder gedacht.) Aber auch dies ist ein Film, bei dem man nicht ahnt, was sich aus den Figurenkonstellationen, die sich am Badestrand und anderswo ergeben, entwickeln wird. Der Originaltitel des Films lenkt die Erwartungen in Richtung eines tragischen Ereignisses, das sich dann aber anders zuträgt, als erwartet. Keine falsche Spur, sondern wiederum ein Rätsel der menschlichen Natur. Hier gibt es ebenfalls ein Familienritual, das alltäglich und zugleich exklusiv ist. Leda ((Olivia Colman, in den Rückblenden Jessie Buckley) wird regelmäßig von ihren zwei Töchtern dazu aufgefordert. Sie soll Orangen so schälen, dass deren Schale in einem Stück abgetrennt wird und nun die Form einer Schlange annimmt. Dieses Ritual mutet wie eine liebevolle Verschwörung zwischen den Dreien an, wie die Besiegelung einer Eintracht. Das ist umso berührender, als das Verhältnis zwischen ihr und den Töchtern kompliziert ist. Leda fällt es schwer, die Mutterrolle anzunehmen. Das Schälen der Orangen ist ein Liebesbeweis, der zwischen Erfindung und Erlebtem schillert (vielleicht hat sich Sorrentino das Pfeifen ja ebenfalls ausgedacht, sein Vorbild Fellini war schließlich ein Meister der Neuerfindung seiner Kindheitserinnerungen). Es bekräftigt den Alltag auf magische Weise, es wertet ihn poetisch auf. Es braucht Geschick, eine Orange so zu schälen.

Wie kommen Kinder auf eine solche Idee, oder wie kommt ihre Erfinderin darauf? Sie steckt voller Erwartungen, unter anderem auf die Verwandlung des Alltäglichen. Eine Eucharistie? Natürlich stellen die Töchter ihre Mutter auf die Probe. Sie hoffen, dass sie die Dinge des Lebens beherrscht. Bestimmt ist es auch ein Appell an die Gründlichkeit, es geht darum, bis zum Ende zu gehen, etwas abzurunden. Womit wir beim Anfang dieses Eintrags wären, für den mir kein Ende einfiel, der nun aber eines hat.

 

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