Die im Hellen sieht man nicht

Die Friseursalons haben es vor einigen Monaten vorgemacht. Morgen, am letzten Februartag, werden bundesweit 300 Kinos um 19 Uhr wieder hell er- bzw. beleuchtet sein. Sie wollen ein Zeichen setzen am Vorabend der virtuellen Berlinale, ein Lebenszeichen.

Der Aktionstag steht unter dem Motto "Kino leuchtet. Für dich." Für einmal lasse ich es mir gern gefallen, von Wildfremden geduzt zu werden. Eine gute Idee, denn sie macht sich eine Stärke des Mediums zunutze: Sie lässt etwas sichtbar werden, das man erahnt. Wenn auch nur für Passanten. Einige Kinos werden Kurzfilme auf ihre Fassaden projizieren (unter dem Hashtag #kinoliebe erfahren Sie Genaueres) und es wäre gut, wenn Ton dazu liefe. Denn im Augenblick, so scheint es, wird erhört, wer am lautesten schreit. Ein Video, das viral geht, wäre natürlich noch aussichtsreicher. Auch da hatte die Haarkunst die Nase vorn, wie der niederschmetternder Klageruf jener Friseurin zeigt, die ihre Lage nicht mehr ertragen will. So übt man emotionalen Druck aus. Nun sprechen die Politiker mit einem Mal von der Würde, die wir mit längeren Haaren zu verlieren drohen. Ab Übermorgen erhalten wir sie zurück; sobald wir einen Termin bekommen.

Ob der Vorabend der Berlinale, die im digitalen Dunkel stattfindet, wiederum ein Termin mit Signalwirkung ist, darf man bezweifeln. Emotionale Strahlkraft hat die Veranstaltung unter Ausschluss der Öffentlichkeit mitnichten. Selbst die Enttäuschung über das Fehlen dieses Leuchtturms hält sich ja in Grenzen. Ebenso fraglich ist, ob man von den Coiffeuren tatsächlich siegen lernen kann. Wohl doch eher, weniger zu verlieren, wenn man irgendwann auch wieder seine Türen öffnen darf. Unter diesen Umständen finde ich es erstaunlich, dass die Zahl der Kinobetreiber, die infolge der Shutdowns aufgegeben haben, hier zu Lande bislang einstellig ist.

Vielleicht bringt die Aktion ja etwas mehr Licht ins Dunkel der Prioritäten, die unsere und andere Regierungen momentan setzen. Selbst wenn man von Natur aus geduldig und besonnen ist, muss man an ihnen verzweifeln. Da braucht es nicht erst die dreisten Eskapaden von Bayern München. Dennoch: Deutschland im üblen Katar "vertreten", seinen unzüchtig hoch dotierten "Job machen", das Nachtflugverbot als Majestätsbeleidigung auffassen und dann ohne Quarantäne wieder einreisen – da zeigt die Systemrelevanz ihr schäbigstes Gesicht.  

In dem Fahrplan der Lockerungen, den die Bundesregierung für die nächsten Monate in Aussicht stellt (und jeden Augenblick revidieren könnte), stehen Gastronomie und Kultur an letzter Stelle. Das ist übrigens auch in der großen Kulturnation Frankreich der Fall, dem Neoliberalismus' Macrons sei es gedankt. Dieser Tage verfolgte ich (nicht live, aber lebhaft) eine Diskussion unter dortigen Kinobesitzern, in der das Ergebnis einer Studie zitiert wurde, welche die französische Regierung in Auftrag gegeben hat. Ihr zufolge haben Kulturveranstaltungen weltweit zu 0,46 Prozent aller bisherigen Infektionen geführt. Es wäre aufschlussreich zu sehen, wie sich die demonstrative Öffnung von Theatern, Museen und Kinos in Spanien auf das dortige Infektionsgeschehen ausgewirkt hat. 

Im Konzert hiesiger Maßnahmenverkünder gibt Markus Söder inzwischen zwar nicht mehr ganz so scharf den Ton an, aber eine seiner Äußerungen ließ mich in den letzten Tagen aufhorchen. Auch Floristen und Gartencenter sollen zeitnah im Freistaat Bayern wiedereröffnen (anderswo haben sie es schon getan), da sie mit verderblicher Ware handeln. Das hört jeder gern, den der grüne Daumen juckt. Aber viel mehr noch begeistert mich der Umkehrschluss: Die Kunst ist keine Ware mit Verfallsdatum. Ich wünschte, Warner Bros/HBO Max, Disney, Paramount und Co hätten das vernommen. Filme verlieren nicht an Wert mit der Zeit, in der wir auf ihre Rückkehr warten.

 

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