Nacheilig

Jean-Pierre Melville sah das Ende des Kinos für 2020 voraus. Worauf sich diese Prognose stützte, ist rätselhaft wie vieles bei diesem Regisseur. Fest steht nur, dass er sie vor 1973 getroffen haben muss, seinem Todesjahr. Wirklich belastbar war die These seinerzeit nicht; nehmen wir sie als seinen einzigen Ausflug ins Genre der Science Fiction.

Laut Jean-Luc Godard ereignete sich dieses Ende bereits 1967, natürlich in einem seiner eigenen Filme: Mit dem eitlen Schlusstitel von „Weekend“ findet nicht nur das bis dahin längste Travelling der Filmgeschichte ihren Abschluss, sondern diese gleich mit. Das war etwas voreilig, auch im Hinblick auf seine eigene Karriere. Aber vielleicht auch schlau, denn der Film ist seither ja immer wieder aufgeführt worden und das „Fin de cinéma“ hat so eine Vorbehaltlichkeit gewonnen, die irgendwann einmal in einen zutreffenden Befund umgemünzt werden kann. Aber wünscht man sich ernstlich, in der letzten Kinovorstellung würde ein Godard-Film laufen?

Nach Ansicht von Louis Lumière hatte die Erfindung, die er gemeinsam mit seinem Bruder Auguste gemacht hatte, ohnehin keine Zukunft. Er war der jüngere der Zwei, was ihm aber nicht unbedingt ein Vorrecht auf Pessimismus gab. Vor drei Tagen jährte sich die erste Vorführung ihres „Cinématographe“ zum 125. Mal. Seitdem hat sich ihre Erfindung wacker geschlagen. Louis wäre bass erstaunt zu erfahren, dass die „Schneeballschlacht“, die sie ein Jahr später drehten, 2020 zu einer kleinen Internetsensation werden sollte, insbesondere in den USA. Dabei gibt die Wiederentdeckung ihres Klassikers und dessen modische Aufbereitung für „Youtube“ ihm nicht einmal Unrecht. Er lebt nicht in seiner ureigenen Form wieder auf, als Film, der auf eine Leinwand projiziert wird, sondern im Heimkino. Die Laufzeit von etwa 50 Sekunden, welche die frühen Lumière-Filme hatten, entspricht laut John Boorman (um einmal einen Nicht-Franzosen als Zeugen der Filmgeschichte zu zitieren) exakt der Länge der meisten „Youtube“-Clips. Bei „TikTok“ kommen noch ein paar Sekunden hinzu. Derzeit scheint es, als würde Thomas Alva Edison nachträglich das Wettrennen um die Erfindung des Kinos gewinnen. Die Nachfolger seines „Kinetescope“, dem Guckkasten der Bewegtbilder, sind aktuell der geläufigere Modus. Das Kino erreicht uns unweigerlich, und vielleicht nicht nur notgedrungen, daheim. 

Mithin war der 125. Jahrestag der ersten Filmvorführung im Salon Indien nahe der Pariser Oper für diverse Feuilletonisten kein Anlass zur Rückschau, sondern der bekümmerten Bilanz dieses Jahres und eines ebensolchen Ausblicks auf 2021ff. Es beruhigt auch mich nicht, dass es Nachrufe so lange gibt wie das Kino selbst. Aber mir gefällt der Dialog, mit dem „Black Waters –Vergiftete Wahrheit“ endet. „Still here?“ fragt ein Richter den unermüdlichen Mark Ruffalo, und er antwortet: „Still here.“

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