Lebenslänglich Frackträger

Bei seinen Figuren konnte man immer sicher sein, dass sie die gescheitesten im Raum waren. Nicht die smartesten, sondern die lebensklügsten. Schon ganz früh schien er alle Verlockungen zu durchschauen, die das Leben bereithält. Als Adolf Wohlbrück ins Exil ging, verlor das deutsch-österreichische Kino eine Weltläufigkeit, die es nie wiederfand; allenfalls noch, wenn er selbst nach dem Weltkrieg gelegentlich zu ihm zurückkehrte.

Nachdem er sich Anton Walbrook nannte, schien er aus raffinierteren Gefilden in die Filme hinab zu schweben. Der Umgang mit dem Gewöhnlichen, dem Banalen bereitete ihm köstliches Ennui; die Torheiten der Welt stellten seine Duldsamkeit auf eine harte Probe. Er war ein Souverän der Herablassung, allein schon physisch, denn er war hochgewachsen und hielt sich gerade. Diese Herablassung galt dem falschen Leben, scheute sich aber nicht, Menschen zu treffen. „Er konnte einen zerfetzen, mit zwei, drei wohlerwogenen Worten“, heißt es in der Publikation, die ich Ihnen heute nahelegen möchte und aus der ich meine Überschrift stibitzt habe: „Wohlbrück & Walbrook – Schauspieler, Gentleman, Emigrant“, erschienen bei „Synema“ anlässlich der Retrospektive, die bis September im Zeughauskino läuft.

Seine untilgbare Würde verdankte sich nicht allein gesellschaftlichem Stand, sondern einer agilen Intelligenz und Nonchalance. Seine Eleganz war soziale Tugend. Viele seiner großen Rollen absolvierte er in historischem Kostüm, man denke nur an seinen Auftritt als bayrischer König in „Lola Montez“, den es amüsiert, wie gebieterisch sein eigenes Gebaren wirkt und der seine Schwerhörigkeit strategisch einzusetzen weiß. (Verzeihen Sie übrigens, dass ich ihn in meinem Eintrag „Felix Austria!“ vom 18. 4. 2014 zum Kaiser beförderte.) Aber er trug die Aristokratie ebenso in eine demokratische Gegenwart, ganz ohne Abnutzung.

Wohlbück/Walbrook gab sich die Ehre, stellte sich dabei jedoch stets in den Dienst des Films und seiner Mitspieler. Er muss ein großzügiger Partner gewesen sein. Er war ein Meister des süffisanten Aparté – er kam ja von der Bühne, was man auch auf der Leinwand gelegentlich und nie zum Schaden des Kinos merkt -, aber dieses Beiseitesprechen war kommunikativ. Er war keiner jener Darsteller, die vorzugsweise sich selbst Gesellschaft leisten. Seine urbane Distanz wahrte er mit dem Einverständnis der Regisseure und des Publikums. Es lag eben auch immer eine tiefempfundene Melancholie darin. Ich bekomme regelmäßig eine Gänsehaut, wenn ich an seine Intonation des „Somehow, rather foolishly,I was thinking of the english countryside“ aus „Leben und Sterben des Colonel Blimp“ denke. So spricht ein Exilant auf eigene Rechnung.

War er eigentlich je schlecht? Wenn ja, erinnert man sich nicht daran. In „Der Fall Maurizius“ übertreibt er ziemlich, wenn er den dubiosen Kunstkritiker Waremme als alten Mann spielt - zumal das Zittern der Hände, wenn er zum Cognac greift. Vielleicht ein Abwehrreflex, 1953 war er fast sechzig. Er verbirgt sich hinter einem absurden Vollbart und einer törichten Sonnenbrille, aber gibt doch so viel von sich preis: Kaum je ließ er es zu, dass seine Homosexualität so deutlich aufschien wie in den Momenten, wo er die körperlichen Nähe des jungen Anwaltssohn sucht. Wenn er danach auf die Fesseln der Kellnerin schaut, spricht daraus nicht eigenes Begehren, sondern der Großmut des Mentors, der den Blick seines Schützlings lenkt.

Seine Figuren sind schillernd, undurchsichtig. Sie stellen hohe Ansprüche, an sich, die Welt, ihr Gegenüber. Wohlbrück/Walbrook ist eine Herausforderung, die inspiriert. Die Autoren dieser von Frederik Lang, Brigitte Mayr und Michael Omasta herausgegebenen Anthologie beflügelt sie. Sie ist, vom Umfang und gedanklichen Radius her, eher ein Buch als eine Broschüre. Großspurig gibt sie sich nicht. Sie ist fasziniert von ihrem Gegenstand - wie könnte es anders sein bei dieser Gestalt? -, erwägt ihn aber mit präzisem Blick. Nicht alle Beiträge sind von gleicher Güte. Schade etwa, dass das Panorama seiner Auftritte als „guter Deutscher“ im britischen Kino fast nur aus Dialog- oder Pressezitaten besteht (erstere evozieren allerdings Schlüsselmomente des Filmexils); der Text über „Saint Joan“ und „I Accuse!“ entfaltet zwar verdienstvoll und bündig den historischen Hintergrund der McCarthy-Ära, aber darob kommt der Schauspieler zu kurz. Missen möchte ich diese Facetten im Buch jedoch nicht, zu dessen Stärken die Vielfalt der Perspektiven gehört.

Für Leute wie mich, die mit Walbrook vertrauter als mit Wohlbrück sind, ist beispielsweise Michael Peklers Betrachtung seiner deutschen Karriere eine kleine Schatztruhe. Die Beiträge über Wohlbrück als Fotomotiv (Daniela Sannwald) und die Musikalität von Wohlbrück/Walbrook (Regina Schlagnitweit) sind schöne Mosaiksteine. Dominik Graf untersucht vor allem sein Körperspiel, den Wandel filmischer Körper überhaupt, und plädiert dafür, dass Darstellungsstile nicht zusammenpassen müssen. Beim Lesen der Beiträge hatte ich stets die Stimme des Schauspielers im Ohr. Sie machen Lust, ihn in Aktion zu sehen. Felix Austria goes Berlin: Wenn Sie können, folgen Sie!

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