Der Adaptionskünstler

Einmal stand er vor einem Drehbuchproblem, das zu lösen ihm auch nach etlichen, langen Monaten unmöglich erschien. Die Buchvorlage entzog sich hartnäckig einer tragfähigen filmischen Form. Schweren Herzens überlegte er, den Vorschuss an seine Produzentin zurückzuzahlen. Aber dann fand er plötzlich doch einen Zugang - und »Schmetterling und Taucherglocke« wurde zur schönsten Filmarbeit von Ronald Harwood.

Vor drei Tagen ist der britische, in Südafrika geborene Dramatiker, Schauspieler, Buchautor und Szenarist im Alter von 85 Jahren gestorben. In Deutschland hat man davon kaum Notiz genommen, auf Anhieb fand ich nur eine Meldung in der verdienstvollen "nachtkritik". Einige seiner Stücke sind erfolgreich auf deutschen Bühnen gelaufen, »The Dresser« (Der Garderobier), »Quartett« und natürlich »Der Fall Furtwängler«. Er hat einen Oscar gewonnen für die Adaption von »Der Pianist«. Ein Asteroid ist nach Ronald Harwood benannt. Von seinem Tod erfuhr ich jedoch nur zufällig auf der Filmseite des Pariser "Figaro": Natürlich ruft auch die britische Presse ihm nach, vornehmlich in den Theaterspalten. Das hätte ihm genügt, er erhoffte sich keinen Nachruhm, wünschte sich aber ein Nachleben für seine Stücke. Da war er ganz Brite: Ein Dramatiker leiht sein Werk nur aus, ein Drehbuchautor verkauft es.

Das Problem, vor dem er bei »Schmetterling und Taucherglocke« stand, war: Wie bringt man das Publikum dazu, zwei Stunden einem reglosen Mann zuzuschauen? Jean Dominique Bauby (den Mathieu Amalric spielt) hat einen Schlaganfall erlitten, der den Rest seines Lebens auf ein trostloses Danach zu reduzieren scheint. Der klinische Ausdruck für seinen Zustand lautet "Locked-in-Syndrome". Der Verstand des gerade einmal Vierzigjährigen ist wach und agil, aber er ist gefangen in einem Körper, der fast vollständig gelähmt ist. Nur die Lider seines linken Auges kann er noch bewegen. Sie sind sein einziges Mittel, um mit seiner Umwelt zu kommunizieren.

Nirgendwo fand Harwood einen Schlüssel für die Adaption des Buchs, weder im Gespräch mit Neurologen noch in der Begegnung mit den Frauen in Jean-Dos Leben. Erst die Aussicht, auf den Vorschuss verzichten zu müssen, löste seine Schreibblockade: Wie wäre es, wenn sich der Zuschauer in Jean-Dos Position versetzt? So ist der erste Teil des Films konsequent aus dessen Perspektive gefilmt; fast ein Experimentalfilm, gerade so, wie Michael Powell ans Erzählkino heranging. Erst nach einer halben Stunde zeigt Regisseur Julian Schnabel sein vom Schlaganfall verzerrtes Gesicht. Im Audiokommentar der DVD schreibt er diesen Kunstgriff ganz seinem eigenen Genie zu; ich brach ihn nach einer Stunde, weil er bis dahin immer noch nicht den Drehbuchautor erwähnt hatte.

Das Metier hatte Harwood ganz jung, in seinen Zwanzigern, bei Alexander Mackendrick gelernt, für den er den Roman "Sturm über Jamaika" adaptierte. Der Regisseur war ein harter Zuchtmeister - "Ist das wirklich das Beste, das Du aus der Szene herausholen kannst?" -, er lehrte ihn, freier in der Konstruktion zu sein, die Reihenfolge der Szenen oder die Perspektive zu wechseln. Vor allem brachte er ihm bei, visuell zu denken. Harwoods Drehbuch wurde von anderen Autoren überarbeitet (20th Century Fox wollte ein amerikanischeres Flair) und der Film um eine halbe Stunde gekürzt. Dennoch ist er eine Perle des Abenteuerkinos der 60er.

Endgültig aufmerksam wurde man in Hollywood zwei Jahrzehnte später auf ihn, dank seiner Adaption von »The Dresser« (Ein ungleiches Paar), die Albert Finney und Tom Courteney Glanzrollen bescherte. Harwood griff auf eigene Erfahrungen zurück, die er als Assistent des Schauspielers Donald Wolfit gesammelt hatte. Viele seiner Drehbücher beruhten auf wahren Ereignissen; »Quartett« wurde inspiriert von »Der Kuss der Tosca«, Daniel Schmids Dokumentarfilm über ein Altenheim für Opernsänger. Harwood hatte auch als Journalist gearbeitet, er kannte den Wert von Recherchen.

Er besaß jene Versiertheit britischer Szenaristen, die ihre Arbeit irgendwie immer als eine Dienstleistung betrachten: am Stoff, an den Darstellern, als Sprungbrett für Regisseure. Er konnte literarische und Bühnenvorlagen vorzüglich adaptieren. Sein "Oliver Twist" ist erstaunlich klaustrophobisch; seine Bearbeitung von »The Browning Version« (Schrei in die Vergangenheit) wunderbar wehmütig und »Being Julia« höchst vergnüglich. Er muss ein Kollaborateur ohne Eitelkeit gewesen sein, dafür mit enormer Einfühlung. Bei »Der Pianist« waren nicht nur Wladylaw Szilmans Erinnerungen seine Leitlinie – ganz frisch nach dem Überleben im Warschauer Ghetto geschrieben, und doch in verblüffend distanziertem Ton gehalten -, sondern Roman Polanskis Erzählungen über seine Kindheit im Krakauer Ghetto. Die Szene, in der Adrien Brody sich in letzter Minute vor dem Todeszug rettet, ist so ein unvergleichlich lebensgesättigter Moment. Der Kapo, der ihn entkommen ließ, sagte nicht "Renn' los!" zu dem kleinen Roman, sondern riet ihm das genaue Gegenteil, um nicht aufzufallen.

Das zentrale Drehbuchproblem bei »Der Pianist« bestand darin, dass die Hauptfigur die meiste Zeit allein ist. Also wieder eine tour de force. Harwood löste es, in dem er eine Figur hinzuerfand, Dorota. Sie ist jedoch kein klassischer, banaler love interest, sondern eine verheiratete, überdies schwangere Frau. Eine warme, auch romantische Präsenz im Film, die für den Pianisten eine Verbindung ist zur Vergangenheit und zur Kunst. Gewiss, sie ist eine Erfindung, aber eine authentische. Ich glaube, Ronald Harwood studierte einfach fürs Leben gern die Wirklichkeit.

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