Mexikaner ganz besonders

In »The Mule« spielt Clint Eastwood vielleicht nicht seine erste Altersrolle, aber doch beinahe Zumindest ist es die erste, bei der man sich Sorgen um seine Gesundheit machen könnte. Und nicht einmal die scheinen wirklich berechtigt. Es sterben, mit Marcel Duchamp gesprochen, immer nur die anderen. Mittlerweile hat der Schauspieler wenigstens drei Synchronsprecher überlebt. 

Gewiss, er geht heute gebeugter. Seine Haut erinnert, noch mehr als ohnehin schon, an raues Pergament. Die Falten haben sich noch tiefer in seine Züge geschnitten. Die Arme wirken länger, seit sie nicht mehr so muskulös sind. Wirkt er deshalb gebrechlich? Vor den unberechenbar waffenstarrenden Kartellsoldaten aus Mexiko würde auch ein Jüngerer mächtigen Respekt haben. Das alles ist vielleicht ohnehin nur Tarnung - und Eastwood ebenso so gerissen wie Earl Stone, der sich schlau den Anschein von Langsamkeit gibt. Aber während der als greiser Drogenkurier gut damit fährt, dass man alte Menschen chronisch unterschätzt, kann sich Eastwood das als Darsteller und Regisseur natürlich nicht leisten.

Das ist nicht nur eine Frage der Eitelkeit, die er als Hürde, mal und mal weniger hoch, vor seinen Filmen errichtet. Obwohl Earl entschieden zu häufig applaudiert wird im Film und es erstaunlich ist, dass Earls zwei Stelldichein mit Prostituierten, und gleich noch als Duo, nicht lautstärkere Empörung hervorgerufen haben. Vielmehr ist „The Mule“ auf seine geruhsam agile Art ein blitzgescheiter Film, der neuerlich die Frage aufwirft, was an Eastwoods Regiearbeiten nun reflektiert und was dem Instinkt geschuldet ist. Ich vermute, dieses reizvolle Problem wird sich auch in Zukunft stellen, denn sein aktueller Film kommt mir wie eine Zwischenbilanz vor, nicht wie ein Vermächtnis.

Das Drehbuch von Nick Schenk, von dem schon »Gran Torino« stammte, liest sich wie ein Register der bisherigen Karriere Eastwoods. Dabei hat er es ursprünglich wohl gar nicht für ihn geschrieben. Lauter vertraute Motive kehren wieder. Wie seine letzten Filme beruht auch dieser auf einer wahren Begebenheit. Die lyrische Freude an der Vielgestaltigkeit amerikanischer Landschaften, die Eastwoods Western beflügelte, gibt die wechselnden Routen vor, die Earl zum Leidwesen seiner Auftraggeber nimmt. Sie spiegelt sich auch in dem verblüffend heterogenen Soundtrack, auf dem nicht nur Jazz, sondern auch Country&Western und Polka erklingen. (Dean Martins "Ain't that a kick in the head" ist unschlagbar in seiner ansteckenden Wirkung: als hätte Sammy Cahn die Zeile "How lucky can one guy be?" nur für Earls neues Lebensgefühl geschrieben). Earl ist ein Korea-Veteran wie Walt Kowalski in »Gran Torino« (und Eastwood selbst). Wiederum steht die Autarkie von Eastwoods Leinwandpersona auf dem Prüfstein: Das Motiv der entfremdeten Familie taucht schon in »Die Brücken am Fluss« auf, die Enttäuschung seiner Tochter war schon die Triebfeder in »Absolute Power«. Erneut schafft der Regisseur sich ein jüngeres Alter ego; wenngleich auch Bradley Cooper vorerst ein Nachfolger im Wartestand bleiben muss. Selbst der Titel weckt Assoziationen zu einem früheren Film, »Two Mules for Sister Sara«, der ebenfalls von einem amerikanisch-mexikanischen Kulturkampf handelt. Im Gegenzug wird es wohl nur Zufall sein, dass der Score von »The Mule« vom Exilkubaner Arturo Sandoval komponiert wurde, den Andy Garcia (wunderbar als beklemmend jovialer Drogenlord) früher einmal in einem Film verkörpert hat.

Weit aufschlussreicher als diese womöglich unfreiwilligen, in jedem Fall aber in Kauf genommenen Selbstbezüge, sind die ideologischen Resonanzräume, die Eastwood hier öffnet. Die Leute, denen Earl auf seinen Kurierfahrten durch ein schleichend, aber grundlegend gewandeltes Amerika begegnet, sind moderne Wiedergänger der Partner, die einst der Dienstplan seinem bigotten Cop Dirty Harry zumutete. Von ihm heißt es im ersten Film, er hasse alle Welt, woraufhin er Reni Santoni sarkastisch versichert: "Mexikaner ganz besonders." Earl arbeitet nun auf deren Geheiß. Des weiteren trifft er auf schwarze Mittelständler (die sich gern beim Reifenwechseln helfen lassen, aber ungern hören, dass er sie "Neger" nennt) und lesbische Bikergangs (gut, Tyne Daly war im zweiten oder dritten »Dirty Harry« nur eine Frau, aber das war damals schon kompliziert genug). Die Szene hingegen, in der ein Verdächtiger von Bradley Cooper und Konsorten auf dem Highway angehalten wird ("Das sind die fünf gefährlichsten Minuten meines Lebens!"), zeigt unmissverständlich, dass die fortschreitende Militarisierung der amerikanischen Polizeigewalt auch den Konservativen Clint Eastwood empört.

Die forsche Hoffnung seines Films besteht darin, dass dieses neue zwar nie Earls Amerika werden wird, er dies aber hinnehmen kann. Die Einsicht von Eastwoods Figuren wächst an den Anfechtungen, mit denen sie konfrontiert werden. Earl ist ein Opportunist, er ergreift die Möglichkeiten, die sich bieten. Er lernt dazu. Dass seine Lebensweise politisch unkorrekt ist, würde er nicht mal bestreiten. Er nimmt sie sich als eine Freiheit heraus, die ihm die neue Toleranz zugestehen muss. Darüber muss er nicht lange nachdenken, sie ist vielleicht nur eine Spielart der Gleichgültigkeit. Earl mag die fleischgewordene Umkehrung der Identitätspolitik sein, aber deren Albtraum ist er nicht.

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