Geraubte Jahre

»Olympus Has Fallen« (2013). © Universum Film

Als »Olympus Has Fallen« 2013 herauskam, lebten wir noch in einer anderen Welt. Sie war gewiss nicht unschuldiger, aber vielleicht einen Hauch argloser. Dabei denke ich weniger an die geopolitischen Phantasien, die den Weißes-Haus-Kracher umtreiben, sondern an Ashley Judd.

Ich war seinerzeit verblüfft und schockiert, dass ihre Rolle als Präsidentengattin mit Ende des Prologs jäh vorüber war. Jemand wie sie spielte doch Haupt- oder zumindest tragende Nebenrollen! Ein darstellerisches Gnadenbrot musste sie hier doch schwerlich fristen. War der Kurzauftritt vielleicht nur eine Gefälligkeit, ein Augenzwinkern? Beim Blick in ihre Filmographie fiel mir allerdings auf, dass sie lange keine großen Parts mehr übernommen hatte, praktisch seit William Friedkins Verfilmung von »Bug« nicht mehr, die damals schon sieben Jahre zurücklag und eine kleine, unabhängige Produktion gewesen war.

Nun gibt es viele Variablen, die über den Verlauf von Schauspielerinnen-Karrieren bestimmen: Talent, Ehrgeiz, Verfügbarkeit, das Geschick des Agenten, Zweifel, Schwangerschaften, Wandel des Publikumsgeschmacks, der Oscar-Fluch (Faye Dunaway, Halle Berry) oder schlicht der Zufall. Judd war prächtig in einer Reihe von Thrillern, die um die Jahrtausendwende ordentlich Kasse machten und hatte danach charismatische Auftritte, etwa als Tina Modotti in »Frida«. Sollte sie mit dem schauderhaftem Cole-Porter-Biopic »De-Lovely« ihren Kredit verspielt haben? Oder nahmen ihre politischen Ambitionen zu viel Zeit in Anspruch?

Seit dem Oktober letzten Jahres wissen wir, dass die Delle in ihrer Filmographie einen anderen Grund hat. Sie gehörte zu den weiblichen Hollywoodstars, die an die Öffentlichkeit traten, um das System Harvey Weinstein endlich zu erschüttern. Sie warf dem Produzenten vor, sie während der Dreharbeiten zu »Kiss the Girls« 1997 sexuell belästigt zu haben. Als sie sich seinen Avancen widersetzte, verlegte er sich auf Drohungen. Weinstein bestreitet zwar, sie auf seine persönliche Schwarze Liste gesetzt zu haben. Aber inzwischen hat Peter Jackson bestätigt, dass der Produzent ihn nötigte, Judd und Mira Sorvino auf keinen Fall in seiner »Herr der Ringe«-Trilogie zu besetzen. Nun verklagt die Schauspielerin ihn wegen Rufschädigung und dem Schaden, den er ihrer Karriere zugefügt hat. Ich glaube nicht, dass es bisher viele solcher Klagen gab und bin auf den juristischen Ausgang gespannt.

Seit die Vorwürfe gegen Weinstein laut wurden, scheint mir ein Aspekt in der öffentlichen Empörung zu kurz zu kommen; der traurige Konjunktiv, in dem wir die Laufbahn vieler Schauspielerinnen seither betrachten müssen. Für gewöhnlich ist es ja ein vergnüglicher Zeitvertreib, über Phantom-Filmographien zu spekulieren. Das ist jetzt anders. Statt der Versprechen werden nun Wunden sichtbar. Nun verdrängt das Wissen um die Wunden das Versprechen. Ich denke, die Kaskade der vereitelten Chancen ist in allem Umfang noch gar nicht ans Licht gekommen, wird es wohl auch nie. Anständigerweise müsste nun eigentlich die Zeit der Comebacks für die Opfer anbrechen. Die klaffenden biographischen Lücken, Schmerz und Demütigungen wird das nicht lindern. Aber die Filmbranche könnte sich zumindest ansatzweise rehabilitieren.

Jemand, dem unbedingt eine Renaissance zu wünschen wäre, ist Annabella Sciorra. Erinnern Sie sich noch, wie hell sie Anfang der 90er leuchtete, in »Jungle Fever«, »Die Hand an der Wiege« und »Mr. Wonderful«? Fanden Sie nicht auch, dass schon davor ihre Auftritte in »Internal Affairs«, »Die Affäre der Sunny von B.« und »Cadillac Man« jeweils eine enorme Bereicherung gewesen waren? Und wundern Sie sich nicht auch, wie rasch sie dem Kino danach abhanden kam?

Auch dafür haben wir im letzten Oktober eine Erklärung erhalten. Gegenüber Ronan Farrow beschuldigte sie im "New Yorker" Weinstein, sie vergewaltigt zu haben. Auch danach hörte er offenbar nicht auf, sie zu bedrängen und terrorisieren. Der Schaden, den er ihrer Person und Karriere zugefügt hat, ist unermesslich. Sciorras Freundin und Kollegin Rosie Perez wird in Farrows Artikel mit folgenden Worten zitiert: "Then she started acting weird and getting reclusive. Why did this woman, who was so talented, and riding so high, doing hit after hit, then all of a sudden fall of the map? It hurts me as a fellow actress to see her career not flourish the way it should have," Etwas muss in ihr zersprungen, ihr Mut erloschen sein. Damit war ihre Karriere nicht vorüber, aber es nun ging nicht mehr darum, sich hoch zu kämpfen, sondern zurückzukehren. Sie ist eine working actress. Aber meist hat sie fürs Fernsehen gearbeitet, was seinerzeit noch nicht als Aufstieg galt. Ihre Kinoauftritte wurden sporadischer und nur wenige von ihnen sind mir im Gedächtnis geblieben. Ihre Zusammenarbeit mit Abel Ferrara wäre bestimmt eine Neubesichtigung wert. Sie muss intensiv gewesen sein; bei »The Funeral« tritt sie auch als Produzentin in Erscheinung.

Ich mag mich nicht damit abfinden, dass sie ihren Zenith als Schauspielerin schon vor mehr als einem Vierteljahrhundert erreicht hat. Gewiss, in »Jungle Fever« ist ihre Darstellung von immenser Reife. Ich bin überzeugt, sie verstand ihre Figur besser, als es ihr Regisseur Spike Lee tat. Schon davor war Sciorra mehr als eine unterstützende Darstellerin, stellte ein romantisches und moralisches Gegengewicht dar. Sie war eine kluge Verteidigerin ihrer Figuren, nahbar auf wachsame und schön auf intelligente Weise. Sie hatte sich rasch Familiarität erspielt. Ihr Name war ebenso einprägsam, nicht exotisch, sondern ethnisch. Man brauchte einen Moment, um seine richtige Aussprache zu erlernen. Sie heißt übrigens wirklich so, zuzüglich ein, zwei weiterer Vornamen.

Damals habe ich sie einmal interviewt, auf dem Festival von Deauville. Das war kein Anlass zum Schwärmen, sondern eine reiche Begegnung. Es lag eine tastende, und überlegte Klarheit darin, wie sie über ihre Figuren sprach. Sie bewies Humor, obwohl es wahrscheinlich nicht unbedingt ihrer Natur entsprach, witzig zu sein. Auf dem Festival stellte sie »Die Nacht mit meinem Traummann« vor. Natürlich ahnten wir Interviewer nicht, was mit ihr geschehen war und dass sich ihre Karriere bereits im Niedergang befand. Sie wirkte sehr professionell.

Wie viele große Auftritte ihr und uns seither vorenthalten wurden, ist schwer abzuschätzen. In substanziellen Rollen habe ich sie seither nur in »The Sopranos« gesehen, wo sie in sieben Folgen James Gandolfinis wehrhafte Geliebte spielt. Am Wochenende schalte ich manchmal "Vox" ein, in der Hoffnung, sie in einer Wiederholung von »Criminal Intent« zu sehen. Da ist sie die Partnerin von Chris Noth, leider nur eine Staffel lang. Die eigensinnige Ballonmütze, die sie oft trägt, steht ihr wider Erwarten gut. Mich begeistert, dass ihre Carolyn Barek nicht nur das einfühlsame, sondern zudem das kultivierte (sie kann sich in mehreren Sprachen mit Zeugen, Verbrechern und Mitwissern verständigen) Korrektiv des Instinktpolizisten Mike Logan ist. Sie passen gut zusammen und man ist neugierig, was in ihr vorgeht, wie ihr Leben jenseits der Kriminalfälle wohl aussehen mag.

Manchmal ahnt man in ihren zwölf Episoden, was Sciorra auch im Kino hätte möglich sein müssen: sich den Raum zu erobern, eine Persona zu entwickeln, die immer stärkere Konturen und Facetten erhält und sich unterschiedliche Rollen erarbeiten zu können, die aufeinander antworten. Weinstein hat ihr zwei Jahrzehnte gestohlen. Nun ist sie in einem Alter, das großartig sein kann für eine Schauspielerin wie sie.

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