Buch-Tipp: Michael Winner

Das weltweit erst vierte Buch zum Werk des britischen Regisseurs Michael Winner (»Ein Mann sieht rot«) bietet Texte von 24 Autor:innen zu einzelnen Filmen, Inszenierungsstil und wiederkehrenden Themen wie Selbstjustiz

Er gehört zu jenen Regisseuren, deren Werk mit einem einzigen Film in eins gesetzt wird: Im Fall von Michael Winner ist dies »Ein Mann sieht rot« (»Death Wish«), in dem sich Charles Bronson 1974 nach der Ermordung seiner Frau und der Vergewaltigung seiner Tochter in einen eiskalten Rächer verwandelt, der in den Straßen von New York mit dem »Abschaum« aufräumt. Damit wurde Winner »der vermutlich meistgehasste Regisseur der Welt«, wie es im einleitenden Essay heißt. »Es ist unbestritten, dass es sich bei Winner um eine schillernde Person gehandelt haben muss, mit der ein Umgang sicher nicht immer einfach war.« Was die Filme anbelangt, so erfahren wir, dass darin »häufig vergewaltigt und geschändet wird«. Wir haben es zu tun mit einem »der bis dato wohl brutalsten Mainstream-Filme überhaupt« (»Death Wish 2«), mit »erzählerischen Mängeln und fehlenden Plausibilitäten« (»Spur in den Tod«), bis hin zum »Bodensatz« (»Hexensabbat«).

Wiederholt wird ein Zwiespalt artikuliert, etwa wenn der Verfasser der Einschätzung von »Death Wish 2« im nächsten Satz vom »unauslöschlichen Charme« der 80er-Jahre-Cannon-Filme spricht oder wenn der Einschätzung, »Ein Mann sieht rot« sei »von Winner äußerst manipulativ, fast hinterhältig angelegt«, vorangestellt wird: »Paul Kersey ist eine ebenso ambivalente Figur [wie Inspektor ›Dirty Harry‹ Callahan], alles andere als der eindimensionale Vigilant, zu dem ihn die weiteren Filme machten.«

Angesichts dessen ist es nicht verwunderlich, dass dies offenbar weltweit erst das vierte Buch über Winner ist, nach einem italienischen (2011), dem Bericht seiner langjährigen Assistentin (2014) und der Monografie von Bill Harding (1978), aus der hier ebenso häufig zitiert wird wie aus Winners »faktenreicher« Autobiografie »Winner Takes All« (2004), wenn es darum geht, die Filmanalysen mit Produktionsinformationen anzureichern.

Insgesamt 24 Autoren (einschließlich der beiden Herausgeber), darunter drei Frauen (die aber leider nicht über die problematisch-misogynen Filme des Regisseurs schreiben), steuern zu dem Band Texte bei. Neben einem Interview mit der Darstellerin Stephanie Beacham (zwei Winner-Filme) gibt es neun Essays, darunter einen höchst kenntnisreichen über den Komponisten Jerry Fielding (sechs gemeinsame Filme 1971–78) und einen über die Zusammenarbeit Winners mit der Produktionsfirma Cannon (vier Filme); das Thema Selbstjustiz wird gleich mehrfach gewürdigt. Die Autoren schreiben, trotz ihres häufig akademischen Backgrounds, in einem leserlichen Stil (gelegentliche Derrida-Zitate sind zu verschmerzen). Der einleitende Essay des Mitherausgebers Ivo Ritzer bietet einige Denkanstöße (»auch alle Hauptwerke Winners sind satirische Komödien«). In »das Pantheon der britischen Regie-Mavericks (John Boorman, Ken Russell, Nicolas Roeg)« würde ich ihn dennoch nicht aufnehmen. Winners Inszenierungsstil, gekennzeichnet durch die häufige Verwendung von Zooms und »Manierismen wie überdekorierte Innenräume, im Bildvordergrund platzierte Gegenstände oder extrem tiefe Kamerapositionen«, wird anhand von Screenshots verdeutlicht, deren Qualität leider um einiges unter denen der Monografien zu John Badham und Bruce Beresford liegt.

Winner, der eine zweite Karriere als Restaurantkritiker hatte und 2013 an einer Lebensmittelvergiftung starb, bleibt auch nach der Lektüre eine kontroverse Figur, allerdings wird man ihn nicht länger auf einen einzigen Film reduzieren können.

 

Michael Flintrop, Ivo Ritzer (Hrsg.): Michael Winner. Groteske und Gewalt. Fenomena Filmbücher (British Directors 1). Braunschweig 2026, 345 S., 39 €.

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