Netflix: »Atypical«

»Atypical« (Staffel 1, 2017). © Jordin Althaus/Netflix

»Atypical« (Staffel 1, 2017). © Jordin Althaus/Netflix

Er ist kein Rainman

Sam (Keir Gilchrist) ist Autist. Ein hochfunktionaler Autist. Es kann mitunter lange dauern, bis man bemerkt, dass er anders ist, dann aber kann es zu dramatischen Zusammenbrüchen kommen. Nicht alle Autisten haben diese hyperintelligenten Fähigkeiten, die mit dramatischen Fehlfunktionen einhergehen können wie in Barry Levinsons »Rainman«. Raymond Babbitt ist in seinen Extremen weit mehr eine Kunstfigur als Sam Gardner. Sam kann allein zur Schule gehen, sich dort integrieren und selbst mit den Gemeinheiten seiner Mitschüler klarkommen. Wenn es ihm zu viel wird, sagt er sich mantramäßig die verschiedenen antarktischen Pinguine auf oder versteckt sich in der hintersten Ecke des Biologieraumes, den andere Mitschüler immer mal wieder zum heimlichen Kiffen benutzen. Seine Mutter (Jennifer Jason Leigh) hat es sich zur Hauptaufgabe gemacht, alles über Autismus zu lernen und Sam das Leben so erträglich wie möglich zu machen, sein Vater Doug (Michael Rapaport) versucht sich aus allem rauszuhalten und seine Schwester Casey (Brigette Lundy-Paine), so normal wie möglich zu bleiben. Aber normal, was ist das schon?

»Atypical« sollte ursprünglich Antarctica heißen, was dem Lebensraum, den Sam für sich erträumt, sehr nahe kommt. Und dass er in der letzten Staffel tatsächlich dorthin reist, ist eine nette Volte dieser einfühlsamen Serie. Sam liebt die Stille, die Einsamkeit, das gleichbleibende Licht und die geringfügigen Veränderungen. Er weiß alles über diesen Kontinent und widmet sich täglich der Recherche, ja, hat sogar einen antarktischen Pinguin adoptiert, den er immer wieder im Zoo besucht. Sein Wissensvorsprung ist so enorm, dass er nicht aufhören kann, allen mitzuteilen, wie vielfältig die Eiswüste ist.

Wie in der Antarktis passiert in seinem Leben im großen Ganzen wenig, doch der alltägliche Kampf ist nicht nur für Sam, sondern auch für seine Familie und das Umfeld immer wieder existenziell. So begnügt sich die Serie mit vielen kleinen Episoden, schildert die Zeit zwischen Highschool und College, bewegt sich in klaren Räumen und ist nicht darauf angelegt, irgendwann zu einem großen auflösenden Schluss zu kommen.

Robia Rashid, die zuvor an »How I Met Your Mother« mitarbeitete, nimmt den Alltag der Familie ernst, ohne das komische Potenzial, das die Figuren liefern, überzustrapazieren. Die Dialoge sitzen, und der Grundkonsens ist Respekt vor dem anderen. In einer Therapiegruppe für Autisten sitzen junge Menschen, die tatsächlich an diesem Syndrom erkrankt sind. Sie wissen um ihr Handycap, aber sie leiden eher unter dem Unvermögen ihrer Umwelt, damit umzugehen. Als Sam einmal nachts von einem Polizisten angehalten wird, kommt es fast zur Katastrophe. Aber eben nur fast.

Stärker sind die komischen Momente in »Atypical«, die Serie setzt auf krude Charaktere und hilflose Konfrontationen, aber nie in bloßstellender Weise. Wäre Sam eine wirkliche Person, er würde diese Serie lieben.

OV-Trailer

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