Streaming-Tipp: »Vampires«

»Vampires« (Serie, 2020). © Netflix

»Vampires« (Serie, 2020). © Netflix

Blut aus dem Samowar

Kurz vor den Abschlussprüfungen wird es für die 16-jährige Doïna Radescu (Oulaya Amamra) eng. Man beschütze zwar die migrantischen Schüler ungeklärter Herkunft, warnt ihr Lehrer, doch Doïna müsse endlich ein offizielles Dokument über ihren Aufenthaltsstatus besorgen, oder wenigstens ihre Mutter vorbeischicken. Mama Martha jedoch kann nicht ins Freie, eigentlich, und wenn, dann nur in lächerlicher Verschleierung. Und existiert, wie Doïnas drei Geschwister, offiziell ebenfalls nicht. Außer von ihrer Problemfamilie wird Doïna von ihrer Schwärmerei für Mitschüler Nacer umgetrieben. In seiner Nähe beginnt ihr Magen zu knurren, ja, sie begehrt ihn so sehr, dass sie ihn beißen, sich an seinem Blut laben will... 

»Twilight« mal andersrum: In dieser energiegeladenen Serie, angelehnt an den unvollendeten letzten Roman von Krimiautor Thierry Jonquet, geht die Blutsaugerei von einem Mädchen aus. Im Gegensatz zu Edelvampir Edward in der prüden US-Saga verliert die verliebte Doïna schnell die Beißhemmung. Auch diese Serie adressiert sich vorrangig an weibliche Teenager und beweist einmal mehr, wie fantastisch Vampire sich nicht nur als handfeste Metapher für die Verheißungen und Gefahren der Sexualität, sondern für unzählige Anliegen emotionaler, soziokultureller und medizinischer Art verwenden lassen. Denn Doïna ist aufgrund ihres algerischstämmigen Menschenvaters ein »Hybrid« und hat exzeptionelle Blutwerte. Das macht sie für eine verfeindete Vampirgemeinde interessant – ­und für eine Genforscherin. Vampirblut statt Botox?

In den im Pariser Einwandererviertel Belleville angesiedelten sechs Episoden wird nicht nur die »Twilight«-Romantik geerdet. Gänzlich unbesorgt in Bezug auf Subtilitäten werden Déjà-Vus anderer Vampirfilme mit dem »Sans Papier«-Dasein illegaler Migranten versponnen. Im Zentrum steht die sich trotz vampirischer Überspitzung real anfühlende Identitätskrise der Heldin. Sie geniert sich wie jede Pubertierende für ihre Erzeuger, besonders wenn sich ihre kämpferische Mutter (Suzanne Clément, bekannt aus Filmen von Xavier Dolan) verhüllt wie Greta Garbo ins Licht wagt. 

Statt mit Special Effects zu klotzen, wird lakonisch das »How to« der Integration in den Menschenalltag ausgemalt. Bei aufgeklärten Vampiren ist Menschenblut nur was für Junkies. In klassischer Ikonografie sind zwar die fiesen Vampire aristokratisch-dekadente Nachtschwärmer, die in der Bel Etage Techno-Partys feiern, während sich die abtrünnige Martha im baufälligen Hinterhaus versteckt. Doch auch sie hat Stil und trinkt ihre tägliche Ration Blut aus dem Samowar. Als Gradmesser der Vampirisierung dient der Hofhund, der bei den älteren Geschwistern bellt, jedoch bei Doïna, vorerst, nicht. Kann Doïna das wahre Leben im falschen gelingen? In Frankreich, wo die Serie im März gestartet ist, haben die Zuschauer bisher noch nicht recht angebissen. Ob Doïna das im abschließenden Cliffhanger angekündigtes Vaterproblem in einer zweiten Staffel lösen darf, bleibt abzuwarten.

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