DVD-Tipp: »Fassbinder – Lieben ohne zu fordern«

Rainer Werner Fassbinder, Foto: Dino Raymond Hansen

Rainer Werner Fassbinder, Foto: Dino Raymond Hansen

Eigentlich hätte er vor fünf Jahren, anlässlich des 70. Geburtstages von Rainer Werner Fassbinder, seinen Platz im deutschen Fernsehen finden müssen, der schöne Dokumentarfilm von Christian Braad Thomsen, der in jenem Jahr auf der Berlinale seine Premiere hatte. Doch die ARD hatte mit »Fassbinder« von Annekathrin Hendel bereits eine eigene Auftragsproduktion terminiert, so verschwand der Film ungerechter Weise in der Versenkung.

»Eine persönliche Erinnerung« hat der dänische Filmemacher und Filmkritiker, dessen Fassbinder-Monografie 1993 auch auf Deutsch erschien, seine Arbeit untertitelt. Anders als der Dokumentarfilm von Annekathrin Hendel, der Leben und Werk kurzschloss, indem er Fassbinders Leben mit Szenen aus seinen Filmen bebilderte, ist Thomsens Arbeit zugleich analytischer und persönlicher: In sieben Kapiteln greift er zentrale Aspekte von Fassbinders Leben und Werk auf, angefangen mit der Filmsprache, durch die er (geboren 1940, in dem Jahr, als die Deutschen Dänemark besetzten und mit einem entsprechenden Hass aufgewachsen) die deutsche Sprache neu entdeckte. Die weiteren Kapitel tragen die Titel »Die Kindheit«, »Die Exilgeneration« (über die »Großvätergeneration«, die ihn geprägt hat, Alfred Döblin und Douglas Sirk), »Die Schauspieler«, »Das erwachsene Kind« (»Filme aus der Perspektive eines Kindes, das sich noch über die Erwachsenen wundert«), »Sadomasochismus« (»Jede Beziehung läuft letztlich auf einen Machtkampf hinaus«) und »Der Tod«.

Anders als jene Dokumentarfilme, die die Aussagen einer Vielzahl von Interviewpartnern in kurzen Sätzen montieren, beschränkt sich Thomsen in den neuen Gesprächen, die er 2014 für diesen Film geführt hat, auf wenige Gesprächspartner, die dafür ausführlich zu Wort kommen, zurück: Irm Hermann, Harry Baer und Andrea Schober (2012). In historischen Aufnahmen sind unter anderem Margit Carstensen und Fassbinders Mutter Lilo Pempeit zu hören sowie die Preisverleihung und die Pressekonferenz der Berlinale 1969 zu sehen, wo Thomsen Fassbinder auch zum ersten Mal begegnete. Ein Höhepunkt ist ein längeres Gespräch, das er 1978 in einem Hotelzimmer in Cannes mit Fassbinder führte. Das ließ er dreißig Jahre lang unangetastet, erzählt er, weil Fassbinder damals total erschöpft war – dabei aber sehr klare Sätze formulierte. Der Film endet mit einem interessanten Gedanken: wichtig sei, dass Fassbinder keine Schüler hat – jeder muss die Filmsprache selber (er-)finden. Als Bonus gibt es ein kurzes Interview mit Thomsen, geführt im Herbst 2018 im Österreichischen Filmmuseum.


»Fassbinder – lieben ohne zu fordern«, Dänemark 2015, Regie: Christian Braad Thomsen, mit Rainer Werner Fassbinder, Harry Baer, Irm Hermann, Anbieter: Filmgalerie 451 (DVD). Erscheint am 29.5. und ist dann auch als Stream und Download erhältlich.

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