Die Abschaffung der Schauspielkunst

Unsere "steile These" des Monats Juli
Michael Fassbender in »X-Men: Apocalypse (2016) © 20th Century Fox

Michael Fassbender in »X-Men: Apocalypse (2016) © 20th Century Fox

Nach den großen Special-Effect-Gewittern des modernen Blockbusterkinos, nach all den überbordenden Kampf- und Explo­sions­orgien merkten irgendwann selbst Regisseure wie Michael Bay, dass ihren Filmen die Erdung im Menschlichen fehlte.

So begannen sie, Schauspielkräfte zu engagieren, die in den Ruhepausen zwischen den Kampfspektakeln für den human touch zuständig waren, für Familiensinn und Beziehungsgeflechte, für Gefühle und Humor. In den »Mission: Impossible«-, »Avengers«- und »X-Men«-Filmen sorgten dann jede Menge großkalibriger Schauspieler für ein charaktervolles Gegengewicht zum Budenzauber der Computertüftler. Simon Pegg, Jeremy Renner, Scarlett Johansson, Jennifer Lawrence, James McAvoy, Gwyneth Paltrow, Robert Downey Jr., Jessica Chastain und Michael Fassbender sind nicht in erster Linie Actionhelden, sondern ernstzunehmende Schauspieler, ­viele arthouseerprobt, einige sogar mit Oscarweihen.

Engagiert, oder besser: akkumuliert, werden sie zwar immer noch, haben neuerdings aber immer weniger zu tun. Wenn sich Michael Fassbender in »X-Men: Dark Phoenix« als ­Magneto ein Duell mit der übermächtigen X-Frau Phoenix liefert, genügt ihm ein einziger Gesichtsausdruck, den man im Grunde gar nicht für Millionen einkaufen, sondern einfach nur am Computer generieren könnte. Im Ringen mit den virtuellen Greenscreen-Mächten sind ausdifferenzierte Gefühle überflüssiger Luxus; es reicht völlig, das Gesicht in höchster Anstrengung zu verzerren und diese dann immer weiter hochzutunen. Noch übler wird es, wenn mit ausgestreckten Armen himmlische Strahlenkräfte mobilisiert werden müssen und sich ein leerer Ausdruck entrückter Konzentration mit geblendet zusammengekniffenen Augen paart. Die Namen der Stars verkommen auf diese Weise zum simplen Spezialeffekt. Und die »Performances« verpuffen genauso schnell wie die inflationäre und ermüdende Abfolge von Lichtwirbeln, Feuerstrudeln und Sturmböen. Mit den Pixeln löst sich auch die Körperlichkeit der Stars auf. Was für eine maßlose Verschwendung von hoher Schauspielkunst!

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