Netflix: »Possible Love«

OmeU © Netflix

2026
Original-Titel: 
Ganeunghan sarang
Filmstart in Deutschland: 
22.10.2026
Heimkinostart: 
06.11.2026
L: 
164 Min
FSK: 
12

Nach dem von der Kritik gefeierten »Burning« (2018) erzählt Lee Chang-dong in seinem neuen Film von zwei grundverschiedenen Ehepaaren und hinterfragt dabei auch das eigene Schaffen als Filmregisseur

Wer entlassene Fabrikarbeiter interviewen will, sollte vielleicht nicht im teuersten Outfit erscheinen. Mi-ok erklärt das der Dokumentaristin Ye-ji freundlich. Mi-ok bewundert deren Stil, hat sogar nach dem Preis der Handtasche gesucht. Doch sie weiß auch, was solche Dinge bei Menschen auslösen, die kaum noch ihren Lebensunterhalt bestreiten können. Die Frau vor der Kamera erkennt genauer als diejenige dahinter, wie sichtbar die soziale Distanz bleibt.

In »Possible Love« untersucht Lee Chang-dong, wie schwer es ist, einem Menschen nahezukommen, wenn man zugleich etwas von ihm braucht. Das in Venedig mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnete Drama beginnt mit einer Begegnung auf einer Beerdigung. Ye-ji (Cho Yeo-jeong) dreht einen Dokumentarfilm über entlassene Fabrikarbeiter und lernt dort Mi-ok (Jeon Do-yeon) kennen, die ihre Familie mit Schichtdienst über Wasser hält. Ihr Mann Ho-seok (Sul Kyung-gu) hat seine Stelle verloren; die gewaltsame Niederschlagung eines Streiks hat ihn zusätzlich traumatisiert. Er trinkt, schweigt, zieht sich zurück. Mi-ok hofft, dass ein Interview ihm helfen könnte, über das Erlebte zu sprechen. Ye-ji wiederum erkennt in dieser Familie die Geschichte, nach der sie gesucht hat.

Aus den Dreharbeiten werden gemeinsame Essen, aus der Bekanntschaft eine Freundschaft. Schließlich lädt Ye-ji das Paar samt Sohn in das Ferienhaus ihres wohlhabenden Mannes Sang-woo (Zo In-sung) ein. Die soziale Distanz lässt sich beim Anstoßen vergessen, aber kaum überwinden. Cho spielt Ye-ji mit einer Aufrichtigkeit, die ihre Taktlosigkeit umso unangenehmer macht. Doch ihr Engagement schützt sie nicht davor, die soziale Distanz zu unterschätzen. Wenn die Kamera auch bei privaten Begegnungen griffbereit bleibt, lässt sich kaum noch unterscheiden, ob Ye-ji eine Freundin gewinnen oder ihren Film voranbringen möchte.

Sie möchte zeigen, wie die Entlassungen das Leben der Arbeiter verändert haben. Für Mi-oks täglichen Job interessiert sie sich dagegen wenig: Die immer gleichen Handgriffe erscheinen ihr als Filmmaterial zu langweilig. Sie sieht das Leid, übersieht aber die Arbeit, mit der Mi-ok ihre Familie ernährt. Lee hinterfragt damit auch seinen eigenen Blick als Regisseur. Lange suchte er nach einer Form, von Entlassungen und Polizeigewalt zu erzählen. Die von Co-Autorin Oh Jung-mi vorgeschlagene Dokumentaristin verkörpert seine eigenen Zweifel: Was bedeutet es, das Leid anderer zum Filmstoff zu machen? Ye-jis Kamera macht die Betroffenen sichtbar. Welche Teile ihres Lebens ins Bild kommen, bestimmt jedoch die Filmemacherin.

Der – nach kurzem, limitiertem Kinostart (22.10.) – auf Netflix startende Film nimmt sich Zeit für das, was Ye-ji wenig ergiebig erscheint. Gespräche geraten ins Stocken, beiläufige Bemerkungen verändern ihren Sinn, sobald man mehr über die Vergangenheit weiß. Rückblenden zeigen Mi-ok und Ho-seok als junges Paar und machen spürbar, wie viel gemeinsame Geschichte unter ihrer erschöpften Ehe liegt. Anders als in seinem 2018 erschienenen letzten Drama »Burning« entsteht die Unruhe weniger aus dem Verdacht auf ein Verbrechen als aus der Frage, was die Menschen einander zumuten. Kim Ji-yongs bewegliche Kamera beobachtet dabei auch Ye-ji beim Beobachten. Wir sehen nicht nur ihre Aufnahmen, sondern die Situationen, in denen sie entstehen.

Gelegentlich verdeutlicht Lee die Machtverhältnisse stärker als nötig, etwa durch Sang-woos Geschäftigkeit und die Konfrontation der Paare im luxuriösen Küstenhaus. Doch in Jeon Do-yeons Darstellung gehen Bewunderung, Flirt, Kränkung und Eigensinn ineinander über. Mi-ok möchte ihrem Mann helfen und selbst einmal aus der Enge ihres Lebens heraus. Beides kann einander widersprechen und dennoch aufrichtig sein.

Das zu Beginn eingeblendete Gebot, nicht zu begehren, was anderen gehört, verweist auf Krzysztof Kieślowskis »Dekalog, Zehn«. Doch Mi-oks Wünsche lassen sich damit kaum beurteilen. Sie möchte gesehen werden, begehrt einen anderen Mann und entdeckt Möglichkeiten, die ihr bisher verschlossen waren. Auch wenn sie die Erwartungen anderer enttäuscht, bleibt sie ein Mensch mit eigenen Ansprüchen.

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