Nachruf: Eva Marie Saint

Eleganter Realitätssinn
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Eva Marie Saint, Schauspielerin, 4.7.1924 – 6.10.2026

Ihre Filme gingen oft ein wenig anders aus, als es in Hollywood üblich war. Gewiss, in der Regel liefen sie auf ein Happy End hinaus, aber das stellte sie oft genug unter Vorbehalt. Sie verteidigte das Rollenbild der unabhängigen, sensiblen Außenseiterin, brillierte als sanfte Gegenspielerin, mit deren Willensstärke zu rechnen war. Bei ihr stand meist mehr auf dem Spiel als die Anbahnung einer Liebesgeschichte.

Eva Marie Saints Anmut besaß moralische Eleganz. Ihre Erscheinung war distinguiert, aber nicht zu vornehm. Sie wirkte beherrscht, ließ jedoch erahnen, wie nahbar ihre Figuren sein konnten. Wenn sie sich verletzbar zeigte, blieb sie dennoch belastbar. Eigentlich musste man sich selten Sorgen machen um ihre Charaktere, denn Saint begleitete sie eisern auf ihrem Weg zu Erkenntnis und Selbstbestimmung. Die Konventionen ließen ihr hierfür zwar nur geringen Spielraum, aber den nutzte sie.

Ihr gelang, was nur wenige Hollywoodstars schaffen: Sie war gleich in ihrer ersten Kinorolle ganz da. Ihre Gefühlstiefe schien 1954 in »Die Faust im Nacken« bereits vollends ausgelotet. Dafür erhielt sie den Oscar als beste Nebendarstellerin. Fortan drehte sie mit Meisterregisseuren wie Fred Zinnemann, Otto Preminger und John Frankenheimer, spielte aber nie die erste Hauptrolle. Sie war die Partnerin. Als schillernde, eben doch nicht nur kühle Blondine war sie in »Der unsichtbare Dritte« so ausgezeichnet, dass Hitchcock sie gern auch in seinen nächsten Filmen besetzt hätte. Überhaupt lehnte sie etliche attraktive Angebote ab, darunter »Die Reifeprüfung« und »Thomas Crown ist nicht zu fassen«, denn im Zweifelsfall ging ihre Familie vor. Sie brachte beides klug in Einklang, immerhin trat sie in mehr als 80 Filmen und TV-Serien auf. Nicht nur auf der Leinwand war sie eine Bastion der Vernunft.

In »Exodus« (1960) gibt sie als Witwe eines Kriegsberichterstatters die Perspektive auf die Geburtswehen des Staates Israel vor. Das erbitterte Tauziehen zwischen den Briten und den Überlebenden des Holocaust beobachtet die Amerikanerin distanziert, bald jedoch erzählt ihre Rolle vom Prozess einer politischen Bewusstwerdung. In »Grand Prix« (1966) spielt sie eine freiheitsliebende Modejournalistin, die aus Liebe in den Formel-1-Zirkus hineingezogen wird, den sie mit hellsichtig wehmütigem Abstand betrachtet. Als KZ-Überlebende, die von den Nazis zu einer raffinierten Intrige gedungen wird, knüpft sie in »36 Stunden« (1964) an ihren Auftritt bei Hitchcock an, verleiht der Femme fatale diesmal jedoch Tragik. Sie hat den Verlust der Menschlichkeit erlebt und ringt um Selbstachtung.

Saint hatte indes nicht nur Lust an der Variation, sondern konnte auch komplett andere Register ziehen. In »Mein Bruder, der Lump« (1962) ist sie extrovertiert, aufgekratzt und flirtet unbeschwert wie ein Partygirl. Im Spätwestern »Der große Schweiger« (1968) erkennt man sie anfangs fast nicht, weil ihr blasser Teint einer tiefen Bräune gewichen ist. Sie und ihr Kind wurden von Indianern entführt, nun kämpft sie darum, die eigene Stimme wiederzufinden. »Don't Come Knocking« bescherte ihr 2005 eine Altersrolle, in der sie die stolze Summe ihrer Karriere ziehen konnte. Als Sam Shepards vernachlässigte Mutter gibt sie sich aufgeräumt unsentimental und ergreift munter die Gelegenheit, ihren bewährten Realitätssinn mit Witz und Unbefangenheit zu verschmelzen.

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