Nahaufnahme von Jenna Ortega

Der Aufstieg des nerdigen Gothgirls
Jenna Ortega in »Klara und die Sonne« (2025). © Sony Pictures

Jenna Ortega in »Klara und die Sonne« (2025). © Sony Pictures

Tim Burton hat sie mit den Stumm­filmstars verglichen. Weil Jenna Ortega so perfekt mit den Augen kommuniziert. Als Wednesday Addams wurde sie zum Teenidol. Jetzt muss sie sich frei­schwimmen

Sie ist eine buchstäblich kleine Frau. Jenna Ortega, 24 Jahre alt, misst 1,55 Meter. Das ist selbst für Filmschauspieler, die oft unter Durchschnittsgröße liegen – kleinere Darsteller lassen sich kameratechnisch besser im Bildformat einrahmen und fokussieren –, arg kurz. Und doch ist Jenna Ortega besonders seit 2022 bigger than life. Als Wednesday ist sie das Zugpferd der populärsten englischsprachigen Netflix-Serie und dazu die derzeit angesagteste Scream-Queen. Und sie gehört neben Zendaya zu den stärksten »diversen« Identifikationsfiguren der weiblichen Generation Z, ist entsprechend weltweit auch als Werbegesicht von Nobelmarken wie Dior präsent.

Die Anfänge dieser erstaunlichen Karriere waren indes business as usual. Ortega wuchs auf im weiteren Bannkreis der Traumfabrik, in einer Großfamilie im südkalifornischen Coachella Valley, bekannt durch ein alternatives Festival, das jedes Jahr tout Hollywood anlockt. Als Sechsjährige begeisterte sie sich für Dakota Fanning im Thriller »Man on Fire«. Die Eltern konnten sich ihrem Wunsch, Schauspielerin zu werden, nicht lange verschließen, ein Video der Neunjährigen auf Facebook führte zum Kontakt mit einem Agenten. Ihre Mutter chauffierte sie oft täglich in stundenlanger Fahrt zu Auditions in Los Angeles. Von einer Werbung und einem Serienauftritt zum nächsten stieg sie, etwa in der Neuverfilmung des Klassikers »Die kleinen Strolche«, zur gern gebuchten Kinderschauspielerin auf. Einen ersten Durchbruch feierte Jenna Ortega 2016 beim Disney Channel mit der Hauptrolle in »Mittendrin und kein Entkommen«, einer quietschfidelen Familien-Sitcom, deren Konstellation von Ortegas eigener Herkunft inspiriert schien. Ortega, mittlerer Spross einer achtköpfigen Familie mit mexikanischen und puertoricanischen Wurzeln, verkörpert eben das: die undankbare Situation eines zwischen jüngeren und älteren Geschwistern eingeklemmten Mädchens, das täglich darum kämpft, im Trubel nicht unterzugehen.

Als herzige, gleichwohl aufgeweckte und streitbare Harley Diaz hinterlässt Jenna Ortega bereits hier ihre unverkennbare Duftmarke. An der Schwelle zum Teeniedasein aber geriet die Karriere der Kinderschauspielerin ins Straucheln, und sie dachte ans Aufgeben. Gerettet wurde sie auch dank des Streamingbooms. In der zweiten Staffel der Netflix-Erfolgsserie »You« ergatterte sie die Rolle der kratzbürstigen, smarten Ellie, die ihren Nachbarn, den wohltemperierten Killer Joe, durchschaut – und die einzige Frau ist, die er verschont. Stattdessen adoptiert er sie als seinen Schützling. Der nicht nur psychologische Schrecken dieser Serie konnte Ortega nicht schrecken. Nebenbei hatte sie, deren erste Kinorolle in »Insidious: Chapter 2« die eines kleinen Mädchens war, das Geister sieht, die nächste Karriereetappe erreicht: Horrorfilme. Anfangs noch in Rollen à la »Sie war jung und brauchte das Geld«, hinterließ sie als Final Girl in »Scream 5« und »Scream 6« bleibenden Eindruck. Keiner konnte so markerschütternd schreien wie diese kleine Person mit den brunnentiefen Augen. Dies und ihr Gespür dafür, zwischen Horror und Komik zu oszillieren, führte zum neuen Spitznamen der Scream-Queen.

Vor »Scream«, 2021, glänzte Ortega bereits in dem auf realem Horror basierenden Highschool-Drama »The Fallout«. Als ein Mädchen, das nach einem Amoklauf an ihrer Schule mit seinem emotionalen Trauma fertig zu werden versucht, wurde sie von der Kritik für ihre nuancierte Darstellung unisono gefeiert. Doch es sind ihre im meist wenig anspruchsvollen Sitcom- und campy Horrorsegment angesiedelten Auftritte, die auf fast schicksalhafte Weise auf Jenna Ortegas ikonische Wednesday-Rolle hinauszulaufen scheinen. Geradezu unheimlich prophetisch war die Selbstbeschreibung von Harley Diaz: »Wenn meine Familie eine Woche wäre, wäre ich Mittwoch.« Tim Burtons Serienauskoppelung aus der beliebten Addams Family, in der die Figur der kleinen Wednesday weiterentwickelt wird zu einem Teenager im Internat, steht auch in der Nachfolge von »Harry Potter«, um nur die bekanntesten Internatfilm-Vorläufer zu nennen. Doch Ortega legte in der Hauptrolle eine Punktlandung hin, wie sie wohl die wenigsten erwartet hätten. Wednesday, tough, misstrauisch und altgescheit, ist eine Außenseiterin selbst im Außenseiter-Internat und die komplexe Verkörperung eines weiblichen Nerds. Den allzu menschlichen Verrenkungen ihrer Mitschüler und insbesondere weiblicher Gefallsucht begegnet sie mit grimmiger Ironie und beweist doch heimliche Empathie. Ihre druckreifen Sätze im philosophischen Old-School-Stil und ihre vernichtenden Oneliner sind eine konstante Freude. Trugen coole Mädchen einst Metall im Gesicht, so hat sie, akkurat gescheitelt und bezopft, die Frisur einer frommen Helene. Den schwarzen Pelerinenmantel kombiniert sie aber mit den Springerstiefeln eines »Riot Grrrl«. Nicht allein ihre Interpretation des Gothic-Stils ist spannend. Nie lässt sie sich zu »mädchenhaftem« Verhalten verleiten. »Lach doch mal«, wünscht man sich unterschwellig beim Zuschauen, und tappt damit in die Falle der eigenen Projektionen.

Ortega, ganz Profi, hat manche Drehbuchdialoge eigenhändig abgeändert. Mit ihrem Charisma überstrahlt sie locker Burtons überdrehten Horrorzirkus und ist die bis dato stärkste Frauenfigur in seinem gesamten Werk. Burton selbst vergleicht ihr Spiel mit der Schauspielkunst der Stummfilmzeit und schwärmt davon, wie sie ihre Gefühlslage mit den Augen statt durch Worte ausdrücken kann. Jedenfalls hat sie den Deadpan Stare, das blinzelfreie Starren, zur hohen Kunst erhoben und erinnert dabei oft mehr an Clint Eastwood als an Buster Keaton. Das von Ortega selbst erfundene eckige Tänzchen bei einer Internatsparty wurde zum viralen Hit.

Wednesdays Mantra lautet FOBI (Fear of being included) anstatt FOBA (Fear of being alone). Zu ihrem Ärger wird sie gerade wegen ihrer stillen Unangepasstheit von ihren Mitschülern angeschwärmt und gar gestalkt, was witzigerweise die Wednesday-Begeisterung in der realen Welt widerspiegelt. Was würde Wednesday tun? Dass Jenna Ortega in der Rolle zum Idol der weiblichen Teenie-Crowd wurde, ist auch ein Indiz dafür, wie groß die Sehnsucht nach nonkonformistischen Frauenfiguren ist. Gothgirl Ortega gilt auch jenseits der Kamera als introvertiert, kramt gern in Trödel- und Schallplattenläden und ist Single, was ihre Markenbildung einer sophisticated Außenseiterin verstärkt. Und wie nebenbei hat sie als Jungstar mit sichtbarer Latino-Herkunft die gewohnten ethnischen Beschränkungen bei der Rollenwahl überwunden. Bereits 2021, also vor dem »Wednesday«-Hype, schrieb sie in ihrem Buch, dem Achtsamkeitsratgeber »It's All Love«, auch über ihre eigenen Kämpfe als Latina in Hollywood.

Doch wie geht es nun weiter? Ortega trat anschließend in Burtons Spät-Sequel »Beetlejuice Beetlejuice« auf und wird in der dritten »Wednesday«-Staffel zu sehen sein. Für ihre erwachsenen Rollen, etwa im Psychodrama »Miller's Girl« und in der Kunstsatire »The Gallerist« (noch kein deutscher Starttermin), bekam sie aber nur verhaltenes Lob. Ortegas besonderer Charme bestand eben auch darin, wie sie gegen ihre kindhafte Niedlichkeit und Verletzlichkeit anspielte und, gegen den Strich besetzt, Mädchencharaktere verkörperte, die sich zu behaupten wussten. Bloß nicht süß sein: Diese Devise verliert mit fortschreitendem Alter an Bedeutung.

Ihre kommenden Filme wirken wie ein Austesten verschiedener Optionen. Auf 2027 verschoben wurde der Fantasyfilm »The Great Beyond« von J. J. Abrams mit Glen Powell, im selben Jahr starten das Sportdrama »Nasty« mit Ortega in der Rolle einer Turnerin sowie das dystopische Drama »Lily May B« von keinem Geringeren als dem französischen Enfant terrible Leos Carax. In der gerade anlaufenden Romanverfilmung »Klara und die Sonne« von Taika Waititi spielt Jenna Ortega eine Androidin, die als Freundin eines kranken Mädchens eingekauft wird. Lustig statt grimmig, dauerlächelnd, mit aufgefönter Mädelsfrisur und darauf gepolt, allen zu gefallen, verkörpert sie den exakten Gegenpol zu ihrem Wednesday-Charakter. Fast wirkt sie wie eine tragikomische Imitation der hartnäckig netten blonden Enid, die jede Laune ihrer Zimmergenossin Wednesday zu parieren versuchte. Der Schatten von »Wednesday« ist lang – und man darf gespannt sein, ob die talentierte Jenna Ortega ihm entkommen wird.

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