DVD-Tipp: »Fährmann Maria« (1936)

»Fährmann Maria« (1936). © Pidax

© Pidax

Das Moor, die Liebe und der Tod: Frank Wysbar drehte 1935 mit Sybille Schmitz einen Klassiker des deutschen Films – und 1945 in den USA eine Neufassung

Eines Nachts kommt der Tod, um den alten Fährmann zu holen; er lässt sich über den Fluss setzen, und als den Alten unterwegs die Kräfte verlassen, da fängt er ihn zärtlich auf und legt ihn vorsichtig nieder. Und doch beginnt das Volk im Dorf, vom Bösen zu murmeln, das am Ufer sein Unwesen treibe, und niemand will die frei gewordene Stelle haben. Bis die heimatlose Maria des Wegs kommt, in ihrem mehrfach geflickten Kleid und mit ihrem armseligen Bündel; sie ist froh, in der reetgedeckten Fährmannshütte ein neues Zuhause zu finden, und macht sich auf der von Hand gezogenen Seilfähre frisch ans Werk. Aber auch ihr droht eine schicksalhafte Begegnung noch in der kommenden Nacht.

Im Sommer und Herbst 1935 entstand in der Lüneburger Heide unter der Regie von Frank Wysbar (1899–1967) mit »Fährmann Maria« ein Film von ungeheurer atmosphärischer Dichte. Ein Werk, in dem eine jede Einstellung an ihrem Platz ist und das Zusammenwirken von Bild und Ton perfekt. Deutlich trägt es in sich die Mittel des Stummfilms als ein stolzes Erbe: die eigenständig erzählende Musik, das bedeutungsvolle Wechselspiel von Licht und Schatten, die Ausdrucksstärke von Blick und Geste, der karge Einsatz von Sprache. Vor allem aber das Zutrauen zum mystischen Gehalt des Stoffes: Die Legende, die in »Fährmann Maria« in stimmungsreichem Schwarz-Weiß gemalt wird, lässt sich in drei Worte fassen: Amor vincit omnia, Liebe bezwingt alles. Sie überwindet sogar den Tod. Denn auf den Fersen des verletzten jungen Mannes, den Maria in der Nacht übergesetzt hat und den sie nun heimlich pflegt, sind nicht nur dunkel dräuende Verfolger zu Pferde, sondern ist endlich auch der Schnitter selbst. Er folgt nur seinem Auftrag, und die jungen Leute folgen ihrer Natur und verlieben sich ineinander – so kommt es zu einem Kräftemessen, das in eine regelrechte Apotheose mündet. Im Zuge derer Peter Voß in der Rolle des Todes einen großen schauspielerischen Moment beisteuert.

Allerdings notierte NS-Propagandaminister Joseph Goebbels nach der privaten Vorabvorführung des Films in sein berüchtigtes Tagebuch: »... ein Experiment, aber kein gutes. Gewollt! Literatur!« Auch die dunkelhaarige Sybille Schmitz mit ihrer melancholischen Aura, deren verhaltene, seelenvolle Darstellung der Maria das Herz des Films bildet, war Goebbels ein Dorn im Auge. Sie war ihm nicht »nordisch« genug, und er hintertrieb im Weiteren ihre Engagements, Gerüchte um ihre sexuelle Orientierung taten ein Übriges. Nach Kriegsende verlief Schmitz' Karriere mehr oder weniger im Sande. Die Münchner Ärztin, bei der sie schließlich zur Untermiete wohnte, nutzte sie aus und verkaufte der bereits Morphin- und Alkoholsüchtigen Medikamente zu überteuerten Preisen; 1955 beging die 46-Jährige Selbstmord. Ihr tragisches Schicksal inspirierte Rainer Werner Fassbinder zu seinem Film »Die Sehnsucht der Veronika Voss«.

Regisseur Wysbar hingegen emigrierte 1938 in die USA und drehte dort unter seinem Geburtsnamen Wisbar unter anderem 1945 mit »Der Würger im Nebel« eine Art Neufassung von »Fährmann Maria« für die auf Billigfilme spezialisierte Produktionsgesellschaft PRC. Dieser für 20.000 Dollar äußerst günstig hergestellte, kaum einstündige Film setzt sehr viel mehr auf Dialog als auf Atmosphäre und führt das niedere Motiv der Rache (inklusive Rachegeist) ein, wo zuvor ein metaphysisches Kräftemessen zwischen Tod, Gott, Gebet und Liebe stand. Mitte der fünfziger Jahre dann kehrte Wisbar nach Deutschland zurück; unter dem Eindruck des Zurückliegenden verlegte er sich in der Folge auf die Produktion von (Anti-)Kriegsstoffen.

Auf der vorliegenden Blu-ray finden sich beide Filme in relativ guter Bildqualität. Eine echte Enttäuschung jedoch ist der frei gehaltene Audiokommentar von Lars Dreyer-Winkelmann zu »Fährmann Maria«, der sich immer wieder in einem anekdotischen Allerlei sowie zahlreichen wenig nützlichen Abschweifungen verliert und dabei entscheidende Szenen des Films unkommentiert lässt.

 

Fährmann Maria D 1936. Frank Wysbar. Da: Sybille Schmitz, Aribert Mog, Peter Voß, Carl de Vogt, Karl Platen, Gerhard Bienert, Eduard Wenck, Ernst Stimmel.
L: 83 Minuten. Anbieter: Pidax.

VÖ: 10. April 2026

Bestellmöglichkeit (BluRay)


Trailer

Meinung zum Thema

Ihre Meinung ist gefragt, Schreiben Sie uns

Mit dieser Frage versuchen wir sicherzustellen, dass kein Computer dieses Formular abschickt