DVD-Tipp: »Das Schloss im Schatten« (1955)

»Das Schloss im Schatten« (1955). © Plaion

© Plaion

Untypisches von Fritz Lang zum ersten Mal in deutscher Edition: ein Abenteuerfilm mit Gothic-Touch.

Cinemascope ist nicht für Menschen, es ist für Schlangen und Begräbnisse«, sagt Fritz Lang in seiner Rolle als er selbst in Godards »Le Mépris«. Und doch hat der deutsch-österreichische Meisterregisseur immerhin einen Film in diesem Format gedreht und dessen Kompositionsmöglichkeiten auch wunderbar genutzt. »Das Schloss im Schatten« ist auch in anderer Hinsicht untypisch für Lang. Als er in Hollywood meist Thriller drehte, erhielt er den Auftrag für diesen Abenteuerfilm à la Robert Louis Stevenson: angesiedelt im England des 18. Jahrhunderts, mit finsteren Schmugglern und einem tapferen kleinen Waisenjungen, mit Dreispitzen und Degen, düsteren Gemäuern, einer geheimnisvollen Gruft und einem versteckten Schatz.

Seinerzeit floppte die Verfilmung eines Romans von J. Meade Falkner – einige Jahre später allerdings rehabilitierte die französische Filmkritik das Werk. Die »Cahiers du cinéma« wählten es 2008 gar auf Platz 32 der 100 wichtigsten Filme überhaupt. Ganz so hoch muss man nicht greifen, doch dieses so düstere wie farbenfrohe Werk mit Gothic- Elementen zeigt immer wieder Fritz Langs inszenatorische Klasse und funktioniert auch als Genrestück ganz hervorragend. In der Hauptrolle: der zum Zeitpunkt der Dreharbeiten gerade mal neunjährige Jon Whiteley – Fritz Lang soll mit ihm nicht eben zimperlich umgegangen sein – als Waisenjunge John Mohune, der in das gottverlassene Schmugglerdorf Moonfleet kommt, auf der Suche nach dem alten Anwesen seiner Familie. Das ist inzwischen im Besitz des zwielichtigen Adligen Jeremy Fox (Stewart Granger), der zu John gerade mal so lange freundlich ist, bis der zufällig seiner Schmugglerbande auf die Spur kommt und noch ein weiteres, weit größeres Geheimnis aufdeckt.

Zur durchweg sehenswerten Besetzung gehören neben einigen sehr knorrigen Nebendarstellern wie Jack Elam, Sean McClory oder Melville Cooper auch die Stars George Sanders, Joan Greenwood und Viveca Lindfors. Auch die schauprächtigen Actionszenen reißen mit, etwa ein brachiales Duell mit Degen und Hellebarde. Immer wieder schwelgt der Film in morbider Atmosphäre und kostet die Prüfungen, denen der Waisenjunge sich stellen muss, weidlich aus. Eine steinerne Engelsstatue auf dem Friedhof, die mit leuchtend hellen Augen weniger engelsgleich denn wie ein Dämon über der Familiengruft der Mohunes wacht, spielt dabei eine zentrale Rolle.

In einem der Extras der Plaion-Edition widmet sich Filmkritiker Alain Bergala der Analyse dieser symbolträchtigen Geschichte und der Vater-Sohn-ähnlichen Konstellation. Wie dieser 18-minütige Beitrag stammt auch Bernard Eisenschitz’ halbstündiger Film über die Entstehung von »Das Schloss im Schatten« bereits aus dem Jahr 2001, ist aber ebenfalls sehr sehenswert: Anhand von Zeugnissen wie Drehbüchern, Skizzen, Interviews und Notizen – in denen er immer wieder Fragen an sich selbst richtet – zeichnet Eisenschitz die detailbesessene Vorbereitung Langs nach. Wenn der im Interview mit Godard über die Auflösung von Szenen spricht, über Räume und Kamerapositionen, ist dies eine veritable kleine Schule der Filmgestaltung.

 

 

VÖ: 25. Juni 2026

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