Kritik zu Die andere Seite

© X-Verleih

2026
Original-Titel: 
Die andere Seite
Filmstart in Deutschland: 
22.10.2026
L: 
106 Min
FSK: 
Ohne Angabe

Mariko Minoguchi gelang mit »Mein Ende. Dein Anfang.« 2019 einer der schönsten deutschen Filme des Jahres. In ihrem zweiten Film spielt Nina Hoss eine ehemalige Ärztin, die ein hochinfektiöses Virus in sich trägt und somit eine Gefahr für die Gesellschaft ist.

Bewertung: 4
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Selbst ist die Frau. Zu Beginn von Mariko Minoguchis Film »Die andere Seite« ist Hanna in einem unheimlich anmutenden Wald damit beschäftigt, einem erlegten Kaninchen das Fell abzuziehen. Einen Moment später wird die Jägerin zur Gejagten. Auf der Flucht vor einem Hund verletzt sie sich am Bein, wirft dem Tier ihre Beute hin und erreicht schließlich eine Hütte. Die klaffende Wunde sieht böse aus, eine Sepsis kündigt sich an. Aber, wie gesagt, selbst ist die Frau. Felix Pfliegers Kamera nimmt mit hautnaher, unbarmherziger Intensität auf, wie die von Nina Hoss verkörperte Protagonistin eine rustikale Notoperation einleitet. Ohne Betäubung. Diese Hanna ist, oder besser: war, Ärztin. Minoguchi (Buch und Regie) hat Nina Hoss eine extreme Außenseiterrolle auf den Leib geschrieben. Nach einem viralen Notstand – man stelle sich Corona multipliziert mit 1000 vor – ist die infizierte Hanna als potenzielle Überträgerin des Virus eine Gefahr für die Gesellschaft. Wer ihr nahekommt, stirbt.

Der Film liefert nur die nötigsten Informationen zu den Rahmenbedingungen der Handlung. Aus dem Radio kommen Statements wie »Die Grenzen bleiben geschlossen « und Updates zu der »Zahl der Toten«. Die 1988 in München geborene Minoguchi konzentriert sich in ihrem zweiten Kinofilm nach »Mein Ende. Dein Anfang.« (2019) auf die Folgen einer Katastrophe für die Menschen. Und für Tiere. Der zutrauliche Hund Picasso bezahlt seinen Kontakt zu Hanna mit dem Leben.

»Die andere Seite«, in Deutschland und Österreich gedreht, findet seine Schauplätze vornehmlich in alpiner Wildnis. Nur ein Mal inszeniert Minoguchi mit einer Bergweltidylle einen schmerzlichen Kontrast zur gegenwärtigen Situation Hannas. Hoss spielt sie als eine von Narben körperlich gezeichnete Schmerzensfrau und Überlebenskämpferin. Ihren seelischen Versehrungen erlaubt sie mit scheinbar stoischer Resilienz keinen Ausbruch. Hanna ist eine gar nicht so entfernte Verwandte ihrer Figur Wiebke in Katrin Gebbes »Pelikanblut« aus dem Jahr 2020. Diese Wiebke erschien als offenbar traumatisierte Frau mit Willen zu Grenzüberschreitungen, ohne Rücksicht auf Leib und Psyche.

Man könnte »Die andere Seite« analog zu einem Roadmovie als Mountainmovie genremäßig einordnen, als Stationendrama vor Bergkulisse. Hanna lernt eine alte Frau (Barbara Petritsch) kennen, die ihre ganze Familie verloren hat und alleingelassen ihren Tod herbeisehnt. Ihr erzählt Hanna in leisem und desillusioniertem Duktus ihre Geschichte. Die Begegnung mit der schwangeren jungen Lila (Precious Mariam Sanusi) und eine damit verbundene Konfrontation mit Geburt und Tod provoziert in Hanna eine regelrechte Gefühlsexplosion. Hoss katapultiert in einer unvergesslichen Szene alle gewaltsam eingesperrten Emotionen ihrer Figur an die Oberfläche: eine aus Schmerzen gewonnene Selbstbefreiung.

Mariko Minoguchi, die ihr Drehbuch »schubartig, wie in einer manischen Phase« geschrieben hat, verhandelt das große Thema Ausgrenzung nicht nur am Beispiel ihrer Hauptfigur. Hanna kommt auch in Kontakt mit Geflüchteten, die hoffen, in Italien einen biografischen Neuanfang zu erleben. Sie müssen erfahren, wie eine in Zeiten der Postpandemie zunehmend feindselige Umwelt auf ihre Nöte reagiert. Ein Dorf beispielsweise greift zu den Waffen.

Der Film spiegelt so gegenwärtige gesellschaftliche und politische Themen. Er gewinnt seine Klasse jedoch vor allem durch darstellerische Höhepunkte. Hoss und Petritsch, Hoss und Sanusi im Dialog – das sind intime, anrührende, spannungsvolle Kammerspiele im Kinoformat. Hoss verleiht dem Film mit einer schauspielerischen Tour de Force eine aufwühlende und zugleich anrührende Tiefendimension. Und dann sind da noch ihre steinernen Partner, die Berge.

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