Venedig: Schwuler Käse und schwierige Männer
»Wild Horse Nine« (2026). © Searchlight Pictures
Beim Filmfest in Venedig empfehlen sich symbiotische Zwillinge, exzentrische CIA-Agenten und ein überraschend authentischer Blick in eine psychiatrische Jungendabteilung für Preise. Und Oasis retten die Welt
Halbzeit beim Filmfest in Venedig. Was neben vielem anderen in Erinnerung bleibt, ist die Frage nach dem Verhältnis von Käsekultur und Homosexualität. Wenn man Chris (John Malkovich) in Martin McDonaghs »Wild Horse Nine« glaubt, besteht da ein unmittelbarer Zusammenhang: je mehr guter Käse, desto schwuler sei ein Land. Holland! Und die Schweiz erst! Nee, ist klar, der alte CIA-Hase erzählt neben heftigen Wahrheiten eben auch viel Quatsch.
McDonagh siedelt seinen Film 1973 an, kurz vor dem Militärputsch in Chile. Chris reist mit seinem Kollegen und Freund (Sam Rockwell) auf die Osterinsel – eine letzte Reise, denn er ist todkrank. Einmal mehr zeigt sich der irische Regisseur und Dramatiker als König der traurigen Komödie: Schenkelklopfer-Dialoge on point und zarte Endlichkeitsmelancholie geben sich vor historischem Hintergrund und den »big heads« die Klinke in die Hand.
Es ist ein Highlight im Wettbewerb dieser 83. Filmfestspiele auf dem Lido, die bisher trotz propalästinensisch-aktivistischer Vorboten ruhig verlaufen sind. Gerade die ersten Festivaltage in diesem Wettbewerb (fast) ohne Regisseurinnen standen im Zeichen von karrieremüden und -geilen Typen. Danny Boyles Eröffnungsfilm »Ink« erzählt in dem für den Regisseur typischen Popmontage-Modus davon, wie der ruchlose Chefredakteur Larry Lamp das britische Boulevardblatt »The Sun« zur meistverkauften Zeitung der Welt machte.
Um zweifelhafte, ebenfalls reale Medien geht es auch in Lance Oppenheims Spielfilmdebüt »Primetime«. Mit einem karrieristisch-schmierigen Robert Pattinson als Investigativ-Journalist Chris Hansen blickt der Film auf die Entstehung der Realityserie »To Catch a Predator«. Hansen und sein Team ködern pädophile Männer und überführen sie vor laufenden Kameras. Oppenheims Film fasziniert mit seiner retrocharmanten und medienreflexiven Machart, doch zugleich wirkt der flirrende Trip in vielerlei Hinsicht zu voll und tritt dramaturgisch oft auf der Stelle.
Ein Übergriff an Schutzlosen spielt in Paul Schraders »The Basic of Philosophy« ebenfalls eine zentrale Rolle, als ein Philosophieprofessor von seiner (auch dunklen) Vergangenheit eingeholt wird. Soweit, so typisch für Schrader, nur ist das von Martin Scorsese produzierte Drama seltsam stockig und altbacken inszeniert und bekommt in seinem kontroversen Versuch, von unterdrückter Homosexualität und sexuell übergriffigem Verhalten gegen einen Minderjährigen zu erzählen, problematische Schlagseite.
Wo Schrader die Nähe zu seinem Sujet zu fehlen scheint, überzeugt Cédric Kahns Drama »15/18 (A Place to Heal)« mit großer Authentizität. Der Film schaut mit beinahe dokumentarischem Blick in eine psychiatrische Abteilung für Jugendliche und erzählt voller Ambivalenzen von den Jugendlichen und ihren unterschiedlichen Krankheitsbildern und von dem von Ärzten, Psychologen und Pflegern getragenen System. Eine Überraschung.
Wenn das Ensemble von »15/18« am Ende einen Preis gewinnt, würde das ebenso wenig wundern wie ein Darstellerinnenpreis für die Geschwister Kate und Rooney Mara. Die spielen in Werner Herzogs schrägem Unikum »Bucking Fastard« Zwillingsschwestern, die in enger Symbiose leben, buchstäblich. Die beiden sprechen synchron, verlieben sich in einen Mann oder staubsaugen mit vier Händen die Wohnung. Der Film, den Herzog dem verstorbenen David Lynch gewidmet hat, stellt in seinem absurden Modus Fragen zu Individualität, gesellschaftlichen Normen und Obsession. Nur zerfällt er seltsam, als die Schwestern herzog-mäßig eine Höhle graben.
Den Preis für den lautesten Film bekommen Steven Knight, Will Lovelace und Dylan Southern für ihre außer Konkurrenz laufende Musikdoku »Oasis: Don't Look Back In Anger« über die Reunion-Tour der Brüder Liam und Noel Gallagher. Klar strotzt der Film vor Rockpathos, Imagefilm-Vibes und viel mythenbildendem, sakralem Geplänkel. Aber er hat seine Momente und erzählt von Versöhnung in beschissenen Zeiten. Wenn die wiedervereinten und wiedererstarkten Brüder bald bewaffnet mit Gitarre und Tambourin mit den »Avengers« die Welt retten, wäre das nur folgerichtig.







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