Kritik zu Das geträumte Abenteuer

© Piffl Medien

Neun Jahre liegt Valeska Grisebachs letzter Film »Western« zurück. Nun führt sie das Publikum wieder nach Bulgarien, in eine Grenzregion, in der Ethnien und Geschlechter, Geschichte und Gegenwart ein eigenartiges Rhizom bilden. Im Mittelpunkt eine Entdeckung: die Laienschauspielerin Yana Radeva.

Bewertung: 5
Leserbewertung
0
Noch keine Bewertungen vorhanden

Veska und Said kennen sich von früher; als sie jung waren und ihnen, nach dem Zusammenbruch des Ostblocks, die ganze Welt offenzustehen schien. Oder sich jedenfalls zahlreiche Möglichkeiten boten. Je nachdem, wo einer herkam und wo eine hinwollte. Die Männer und die Frauen erinnern sich da unterschiedlich. Damals arbeitete Veska in einer Diskothek hinter dem Tresen und Said trieb sich mit jenen Männern herum, denen auf der Jagd nach dem schnellen Geld immer etwas einfiel, nur keine Skrupel. Dann hat das Leben die beiden in unterschiedliche Richtungen verschlagen – doch als sie sich nun in Swilengrad, ihrer alten Heimatstadt, zufällig auf der Straße wiederbegegnen, erkennen sie einander gleich und freuen sich. So beginnt das Abenteuer.

Wieder hat sie uns lange, arg lange warten lassen. Neun Jahre sind seit Valeska Grisebachs letztem Film, dem gleichfalls in Bulgarien angesiedelten Western vergangen. Davor klafft eine elfjährige Lücke zu Sehnsucht und davor waren es (»nur«) fünf Jahre bis zu ihrem Erstling »Mein Stern«. Aber wenn am Ende ein Werk wie »Das geträumte Abenteuer« steht – beim diesjährigen Festival in Cannes mit dem Preis der Jury ausgezeichnet –, dann hat sich die Warterei gleich doppelt und dreifach gelohnt.

Als Chefarchäologin leitet Veska eine Ausgrabung an einer nahegelegenen Turmruine, von dort führt eine holprige Piste ins Dorf Matochina, wo ihre große Familie lebt, sie ihre Freundinnen hat und jeder jeden kennt. Said, der irgendwo in den Rhodopen möglicherweise Bauunternehmer ist, hat den Weg unternommen, um einen schwindligen Benzin-Deal mit einem Typen namens »der Rabe« abzuschließen. Weil Said nun aber sein altes Auto geklaut wird – Schüsseln wie diese eignen sich hervorragend für den Schmuggel -, bringt Veska Said zu dem anberaumten Treffen mit dem Raben. Das wird ihr später noch zupasskommen, als nämlich Said mit einem Male unauffindbar ist und Veska an seiner statt wie aus einem Impuls heraus den Handel abschließt. Das wundert nicht nur den Raben, sondern auch Iliya, den Paten der mafiösen Struktur, die jene Gegend gründlich durchwurzelt hat. Mischt sich da etwa eine Frau in die trüben Machenschaften der Machos? So weit kommt’s noch! Also tritt auch er auf den Plan. Und auch ihn kennt Veska von früher. Und die Erinnerungen, die sie teilen, sind unterschiedlich.

Die Gegend, in der sich das alles zuträgt, ist die bulgarisch-griechisch-türkische Grenzregion; in der Nähe von Swilengrad befindet sich mit Kapitan Andreewo–Kapıkule der bedeutendste Knotenpunkt des türkisch-europäischen Grenzverkehrs. Dass in dessen Einzugsgebiet allerhand Schattengeschäfte abgewickelt und zwielichtige Manöver durchgeführt werden, liegt auf der Hand. Waren- und Menschenschmuggel sind ebenso allgegenwärtig wie die Patrouillen der Grenzpolizei – wenigstens muss Veska sich so keine Sorgen um den Schutz ihrer Ausgrabung machen.

Es geht aber nicht nur um diese Gegenwart. Grisebach, die wie immer ein eigenes – diesmal gemeinsam mit Lisa Bierwirth geschriebenes – Drehbuch inszeniert und dabei wie immer mit Laiendarsteller:innen arbeitet, verkeilt den Kern der Handlung rund um die Ausgrabungsstätte und Veskas alltägliche Wege. Dann lässt sie die Geschichte rhizomartig regional in die Breite und historisch in die Tiefe wachsen, holt Politik und Ethnien in die Erzählung, gesellschaftliche Verwerfungen und natürlich die Geschlechterverhältnisse. Doch nie hat sie es dabei eilig und mäandert, wo andere ins Ziel führen. Beziehungsweise: Grisebach hat andere Ziele.

Eh einem noch die Verhältnisse zwischen den zahlreichen Figuren klarwerden, die sich mit großer Selbstverständlichkeit einfinden und ihren eigenen, oft nur angedeuteten Hintergrund mit ins Spiel bringen, steht man schon mittendrin in Verzweigungen und Verästelungen und staunt über die Weite dieses essenziell europäischen Themenfelds, das Grisebach vermisst. Unterstützt wird sie dabei von einem bewährten Team; koproduziert wurde »Das geträumte Abenteuer« unter anderem von der von Grisebach mitgegründeten Komplizen Film, hinter der Kamera stand Bernhard Keller, den Schnitt übernahm Bettina Böhler; beide waren in diesen Funktionen bereits an »Western« beteiligt. Wie man auch Syuleyman Alilov Letifovs einmaliges Charaktergesicht von dorther kennt; hier nun hat er die Rolle Saids übernommen. Er agierte nahezu stoisch, wären in seinem Ausdruck nicht immer ein grundsätzliches Wohlwollen, eine Freundlichkeit und Neugier unterschwellig wirksam. Einen Besetzungscoup darf man sodann getrost die bulgarische Laiendarstellerin Yana Radeva nennen, die in der Rolle der Veska mit beeindruckender Souveränität auftritt. Ihre Figur muss niemandem mehr etwas beweisen, erst recht nicht muss sie irgendjemandem irgendetwas vorlügen, und mit Großspurigkeit kann man(n) sie auch nicht bedrohen. Sie ist eine gestandene Frau im besten Alter, stark, mutig und schön; sie ist eine Heldin, wie es sie im Kino noch viel, viel öfter geben müsste.

Wie in allen Filmen Grisebachs ist auch in diesem entscheidend, was scheinbar nebenher zutage tritt. Wie die Leute miteinander reden, beispielsweise. Was als selbstverständliche Bewegung durch den Raum gilt und welche mit Sanktionen belegt wird. Kleine Gesten, ein hingeworfener Satz, eine weggeworfene Frucht, ein verweigerter Trunk, ein Blickwechsel. Es ist der Subtext der kriminellen Machenschaften, die ihren Ursprung im großen Umbruch zu Beginn der neunziger Jahre nahmen, der Veskas tatsächlich wie geträumtes, also eher unbewusst erlebtes Abenteuer prägt, Ausschläge ins Nachtmahrige inklusive.

Denn wie gesagt, die Männer und die Frauen erinnern sich unterschiedlich. Stolz spricht Iliya von den »Männerjahren« und von den Autos und den Frauen und den Partys. Veska hingegen spricht von den Vergewaltigungen, die an der Tagesordnung und gang und gäbe waren. Geschlechtsspezifische Gewalt, die die Begegnungen zwischen Männern und Frauen immer noch prägt. Denn nach wie vor paradieren die Jungmänner mit dicker Hose im Gefolge jener, »die es geschafft haben«. Ihr auftrumpfender Machismo richtet sich allerdings nicht nur gegen die Frauen, sondern in Gestalt von Drohungen und Randale des Weiteren gegen die Schwachen, die Alten und die Armen. Und während die Geschäfte der Männer von Gier und Egoismus angetrieben werden, resultiert aus Veskas eher beiläufigem Ausflug in die kriminelle Sphäre die ein und andere Verbesserung für das kleine Gemeinwesen, in dem sie lebt.

Grisebach sagt, dass sie dem auftrumpfenden Gestus der männlich geprägten Genres – deren unablässiger Forderung nach Kampf!, Action!, Duell!, Jagd! – den Blick einer Frau entgegensetzen wollte, die zunächst aus den Kulissen schaut und die dann die Bühne betritt. Die als Repräsentantin einer dezidiert unheldischen Gemeinschaft, die meist vielköpfig um einen Tisch herumsitzt und Lebenserfahrung vermittelt, indem sie, zugeneigt zuhörend, Geschichten erzählt. Sprich: das Soziale pflegt. Das ist wörtlich zu nehmen. Und gar nicht hoch genug zu schätzen.

Meinung zum Thema

Ihre Meinung ist gefragt, Schreiben Sie uns

Mit dieser Frage versuchen wir sicherzustellen, dass kein Computer dieses Formular abschickt