Kritik zu Im Spiegel meiner Mutter
Nach Hungerjahre und »Tue recht und scheue niemand« nimmt Jutta Brückner den Faden ihrer Mutter-Tochter-Filme wieder auf. Es steckt aber noch viel mehr in diesem neuen Werk . . .
Eine Schlüsselszene in diesem Film: Die Protagonistin, die Professorin Ursula Scheuner, die als Archäologin buchstäblich mit dem Umgraben der Kulturgeschichte zu tun hat, präsentiert ihren Studierenden das berühmte Bild von Gustave Courbet, dem später der Titel »Der Ursprung der Welt« gegeben wurde. Einer der Studenten ist von dieser entspannten Darstellung einer Vagina so verstört, dass er, ausgerechnet mit dem Hinweis auf »Sexismus«, den Seminarraum verlässt, den Raum eines weiblichen Diskurses, den Raum eines Diskurses der Weiblichkeit. Er schließt sich selbst – empört, verängstigt, ignorant – aus einem Narrativ im Zeichen der Vagina aus, die als Indikator ein Zeichen der Weiblichkeit, als Syntagma ein Zeichen des Lebens (der Geburt) und ansonsten, siehe Courbet, einfach auch schön ist. Die Szene, ein wenig karikaturhaft verdichtet, gewiss, aber auch realistisch, »erklärt«, warum in diesem Film Männer nur am Rande vorkommen. Dass sie weder als Hauptproblem noch gar als Lösung vorkommen, macht den Erzählraum freier als gewohnt.
Das puritanisch-patriarchale Narrativ dreht sich um die Vater-Sohn-Beziehung; sie steht wohl nicht umsonst auch im Zentrum der hegemonialen Religion. Heilige Mütter schauen am Rande zu und verwandeln sich gelegentlich in Monster, im Kino so zwischen Psycho und Serial Mom, im Märchen gern mit dem Zusatz Stief- maskiert. Die mindestens ebenso innige, gespannte und dramatische Mutter-Tochter-Beziehung bleibt weitgehend ausgespart oder ist glattgebügelt wie die Beziehung von Wonder Woman zu ihrer olympischen Mutter. Der Vater-Sohn-Konflikt soll einen Charakter bilden, im Guten wie im Schlechten, der Mutter-Tochter-Konflikt hingegen gefälligst mit der Beziehung zum Mann und mit der eigenen Mutterschaft erledigt sein. Wenn es denn so einfach – und so doof – wäre.
»Im Spiegel meiner Mutter« begibt sich – vielleicht als Abschied, vielleicht als Befreiung – noch einmal in den heißen Kern einer Mutter-Tochter-Beziehung. Es ist ein Film, der auf mehreren Ebenen funktioniert, und seine cineastische Qualität liegt in den fluiden Übergängen. Niemand, vermutlich auch die Autorin selbst nicht, könnte sagen, wo genau die Grenzen zwischen dem Realistischen, dem Symbolischen und dem Traumhaften verlaufen.
Ursula Scheuner, wir kennen sie aus »Hungerjahre«, dem ersten Film der nun vollendeten Muttertrilogie von Jutta Brückner, hat es weit gebracht – und hängt doch fest in einer akademischen Institution mit ihren Intrigen und Bürokratien. Der berufliche Überlebenskampf wird noch erschwert durch die Verpflichtung gegenüber der Mutter in einem Heim, die etliche Anzeichen der Demenz zeigt und in ihrer Haltung zwischen Trotz und Hilflosigkeit, mal bösartig, mal verklärend, so bindend wie abstoßend wirkt. Die Versuche zu einer gemeinsamen Erinnerungsarbeit scheitern immer wieder – was ist Vergessen, was Verdrängen, was Ignoranz? –, aus Zuwendung wird Kampf und umgekehrt. Was es noch zu sagen oder zu erkennen gäbe, es wäre im Wettlauf gegen die Zeit, gegen den Tod. Während im Spiegel Mutter und Tochter verschwimmen, gehen ihre Worte immer weiter auseinander.
Es ist die unsentimentale Genauigkeit, mit der die Regisseurin und ihre Darstellerin Corinna Harfouch diese Situation zwischen Lebenskampf, Überforderung und Einsamkeit, zwischen Zukunftsangst, Gegenwartsstress und Vergangenheitstrauma gestalten, die auf der realistischen Ebene vielen Menschen eigene Erfahrungen oder soziale Beobachtungen widerspiegeln mag. Dieser Ursula Scheuner wünscht man schier einen Jelinek'schen Ausbruch. Aber dann geschieht ein anderes kleines Wunder. Sie findet bei ihren Grabungen eine sehr alte Frauenleiche im Moor – der dunkle Körper einer weiblichen Geschichte und ein Fund, der ihr Institut aus finanziellen Nöten retten könnte. Dazu muss sie diesen Fund aber zunächst geheim halten, und ihre Komplizin wird dabei die neue Assistentin, die sonderbar viel über sie, ihre Vergangenheit und ihre Konflikte weiß. Zu viel, als dass wir mit ihr ganz und gar auf der Ebene des Realen bleiben könnten.
Drei Frauen, drei Generationen, drei Zustände, eine Verspiegelung, eine komplexe Persona. Ein traumhafter Schwebezustand, kein melodramatischer Ausgang, kein Umkippen in Psychohorror. So kommt man einer Frage nahe, wie sie das Kino in seinen besten Momenten stellt: was zum Teufel das eigentlich ist, das Menschenleben. In allen seinen Paradoxien.
»Schau, Mutter, ich kann fliegen«, ruft das Mädchen aus der Erinnerung. Und wir hören »La Paloma«, das Lied von der Taube. Fliegen könnte das Mädchen nur im Blick der Mutter. Und der Blick der Mutter ist es, der sie am Fliegen hindert. Die Mutter schaut nicht. Kein Mensch kann fliegen. Nur die Erinnerung daran träumen, dass man das einmal noch nicht gewusst hat. »Im Spiegel meiner Mutter« ist ein Film, der auf so eindringliche wie zurückhaltende Weise berührt. So etwas geht vermutlich nicht ohne eine autobiografische Grundierung. Aber es ist zugleich ein universales, ein offenes Bild. Man muss sich nur darauf einlassen.






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