Kritik zu Lebensansichten eines Huhns

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Der ungarische Regisseur György Pálfi (»Hukkle«) ist ein Spezialist für ungewöhnlich erzählte Geschichten. Und in seinem neuesten Film treibt er es auf die Spitze: Hauptdarstellerin ist eine Henne. Und zwar eine echte.

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Eigentlich will sie nur Mama werden; will eine kleine Kükenschar um sich herumwuseln sehen und dem Nachwuchs durch Scharren und Picken zeigen, wie der Hase läuft beziehungsweise wie das geht, das Hühnerleben. Aber dann ist natürlich mal wieder alles sehr viel komplizierter, nicht zuletzt, weil für das in Rede stehende Federvieh, also die titelheldische Henne, ein Leben als glücklich gurrende Glucke gar nicht vorgesehen ist. Vielmehr ist sie aus der Geflügelfabrik entkommen respektive machte ihr schwarzes Gefieder sie zum schwarzen Schaf. Auf dem Weg zum Schlachthof wird sie aussortiert, hüpft dann aber, statt in den Suppentopf des Lastwagenfahrers, an einer Tankstelle in die Freiheit. Sie ist eben ein aufgewecktes und neugieriges, um nicht zu sagen: ein abenteuerlustiges Huhn.

Folgerichtig lautet der deutsche Verleihtitel von »Kota« (int. Titel »Hen«) des ungarischen Filmemachers György Pálfi »Lebensansichten eines Huhns«. Damit zwanglos Erinnerungen wachrufend an E. T. A. Hoffmanns berühmte Doppel-Biografie »Lebens-Ansichten des Katers Murr«, erschienen in den Jahren 1819 und 1821. Da allerdings Murr als Hauskatze des Kapellmeisters Johannes Kreisler ein auskömmliches Dasein fristete, konnte er wortreich und recht (ein)gebildet von seinen mannigfaltigen Unterfangen berichten. Wohingegen unserem Huhn die Menschensprache nicht zu eigen ist und weder Voice- over noch Off-Kommentar Gefühlszustände und Überlegungen mitteilen. Vielmehr setzt Pálfi Musik und Montage ein, um seiner Heldin den Anschein der aktiven Handlungsträgerin zu verleihen, sie also in gewisser Weise doch zu anthropomorphisieren. Bei der Gelegenheit sei erwähnt, dass das talentierte Federvieh von den Hennen Eszti, Szandi, Feri, Enci, Eti, Eniko, Nora und Anett verkörpert wird, deren jede eine Spezialistin ist auf ihrem jeweiligen Gebiet: picken, glucken, scharren, rennen, hüpfen usw.

Ebenso wie sich im »Kater Murr« die tragische Biografie des Kapellmeisters auf den Rückseiten der Murr’schen Selbstzeugnisse weniger verbirgt als vollendet, so vollzieht sich im Hintergrund und am Blickfeldrand des Huhns das Schicksal der Menschen, die es in Besitz genommen haben. Nach einigen Abenteuern mit den klassischen Antagonisten Fuchs und Hund nämlich landet die Henne im Hühnerhaus eines alten Griechen. Dessen etwas heruntergekommener Hof mit Gastwirtschaft liegt idyllisch am Meer – und offenbar auch in Grenznähe, denn Schmuggler und Schleuser gehen bei ihm ein und aus. Hier nun kulminieren die unterschiedlichen Interessen von Mensch und Tier auf durchaus tragische Weise. Denn während das Huhn in froher Erwartung künftiger Mutterfreuden nur noch Augen für den Hahn hat, will der alte Grieche dem zwielichtigen Treiben auf seinem Anwesen endlich ein Ende setzen. Geschickt arbeitet Pálfi die Perspektiven ineinander und erstellt ein Geflecht aus Ursache und Wirkung, das wie nebenher verdeutlicht, welche Folgen ein Eingriff in den natürlichen Lauf von Werden und Vergehen zeitigen kann. Die Henne will schließlich nur ein Ei ausbrüten. Für den hohen Preis kann sie nichts.

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