Erhebende Ausgrabungen
Es dauerte eine Weile, bis ich begriff, wo die Filmausschnitte laufen, die Gianfranco Rosi gelegentlich in „Pompeji: Unter den Wolken“ hinein montiert. Anfangs dachte ich, sie würden in einem Informationszentrum für Touristen gezeigt. Zugegeben, ich wunderte mich etwas, dass an einem solchen Ort die berühmte Szene aus „Reise in Italien“ von Rossellini vorgeführt wird, in der Ingrid Bergman und George Sanders die verkohlten Überreste eines Paares betrachten, das von der Lava überrascht wurde und nun für alle Zeiten unzertrennlich ist. Andererseits liegt sie nahe.
Rosi nutzt die Fiktion als historisches Anschauungsmaterial, um dann behände auf eine Galerie heute geretteter Exponate zu schneiden. Tatsächlich werden diese Filmszenen, darunter aus einem Stummfilm von 1913 über die letzten Tage von Pompeji, auf die Leinwand eines ausrangierten Kino projiziert,das selbst eine Ruine ist. Mein Missverständnis lässt sich durch das Dunkel entschuldigen, in das die Vorführungen getaucht sind. Rosi bewegt sich im Schattenreich von Materie und Mythos. Über die besondere Ästhetik des monochrom gehaltenen Films und seine eigentümliche Stofflichkeit hat Thomas Abeltshauser eindringlich im aktuellen Heft geschrieben. Er ist derzeit auf MUBI zu sehen. Das Zusammenspiel von Rauch, Asche, Dunst, Staub und Wolken ist faszinierend. In ihm manifestiert sich eine Untergangsstimmung, die für die Bewohner des Großraums Neapel schlicht zum Alltag gehört.
Rosis Totalen vom Vesuv und dem Golf haben mich mitunter an die ethnographischen Kurzfilme von Vittorio de Seta erinnert (siehe „Die Schönheit der untergehenden Sonne“ vom 1.6. 2025). Es besteht hier eine Verwandtschaft, die wahrscheinlich zufällig ist: Ein guter Regisseur weiß, wie er solche Ansichten kadrieren muss, um sie besonders zur Geltung zu bringen. Anders gesagt: Rosi braucht das Vorbild de Seta nicht, aber den Bezug zu Rossellini braucht er unbedingt. Er gehört zu den vielen Zeitreisen, die er unternimmt. Der Schauplatz lädt nicht nur dazu ein, den Bogen zu schlagen von 79 v. Chr. Bis zum heute, er verlangt es geradezu. Die Epochen überlagern sich und sie koexistieren. Die Einstellung vom Pferdewagen, der am Ufer durchs Wasser fährt, ist in dieser Hinsicht ungeheuer eindrücklich; später zeigt ihn Rosi beim Befahren einer freigelegten Straße in Pompeji und man sieht nun, dass es in Wahrheit ein Pferdekarren ist. Rosi kehrt ständig zu seinen Motiven zurück, die man dann mit anderen Augen sieht.
Das Zeitmaß seines eminent ruhigen Films ist idiosynkratisch. Ihm eignet eine immense Gelassenheit, die eben jener Alltäglichkeit entspricht. Das Ausgrabungsteam der Universität Tokio beispielsweise beweist eine Engelsgeduld. Es arbeitet seit 22 Jahren hier, gibt ein Wissenschaftler Auskunft und fügt voller Genugtuung hinzu: „Und jetzt zeigen sich Ergebnisse.“ Die zärtliche Sorgfalt, die sie ihren Funden angedeihen lassen, beglaubigt diese Langmut in Nahaufnahme. Das Zwiegespräch, das die Restauratorin des Museums mit Kamera und Tongalgen führt, vergegenwärtigt die antike Katastrophe: „Die Niederlage“ sagt sie, als sie auf die Statue eines Kriegers weist, „es ist der Moment davor.“ Einmal führt sie eine junge Kollegin ins Depot und öffnet die Tür mit den Worten: „Von hier aus betreten wir die Ewigkeit.“
Parallel zu den Verbindungen in der Zeit führt Rosi solche im Raum. Der Nahverkehr, die meist menschenleere aber deshalb eben doch nicht nutzlose Bahn, ist ein Agent dieser Mobilität. Deren Zentrum bildet jedoch die Feuerwehr. Sie hat in dem Vulkan- und Erdbebengebiet ein vielgestaltiges Mandat. Allerorten werden Brandstiftungen gemeldet, die selbstverständlich nicht durch den genius loci gerechtfertigt sind. In der Notrufzentrale wird die gesamte Region akustisch vernetzt. (Auch die Zeitansage zählt kurios zu ihren Aufgaben.) Ein weiteres Leitmotiv sind die Erkundungsflüge per Hubschrauber, bei denen Feuerwehrleute den Staatsanwalt zu Tunneln führen, die von Grabräubern in dreist großer Zahl angelegt werden. Die Feuerwehrmänner verfügen über bewundernswertes archäologisches Wissen. Nein, klärt einer den Staatsanwalt auf, das ist keine römische Wandfarbe, sondern eine bourbonische.
Rosi, der immer noch weiter blickt, als es der Radius seiner filmischen Ortsbegehungen eigentlich vorgäbe (siehe „Ihre eigene Welt“ vom 5.4. 2015), entdeckt den Ballungsraum Neapel als einen Knotenpunkt der Globalität. Einer der bedeutendsten Funde in Pompeji ist ein Artefakt aus Indien. Niemand kann heute mit Sicherheit sagen, ob je ein Bewohner dort war; im Mittelalter jedoch gab es eine Vielzahl orientalischer Märkte im Mittelmehrraum. Im Hafen von Neapel verdichtet Rosi die Weltumspannung seines Films. In der Antike diente die Region um Pompeji als Getreidekammer für Rom. Heute wird in einem Frachter eine Ladung Weizen aus der Ukraine gelöscht. Bei Rosi ist die Begegnung mit den Figuren wie ein Auflesen von Geschichte und Geschichten. Zur Besatzung gehören mehrere Geflüchtete aus Syrien. Einer von ihnen telefoniert mit seiner Frau- Sie hat Angst um ihn, sobald die Fahrt zurückgeht nach Odessa. Später erfährt er aus dem Radio, dass vier seiner Landsleute bei einem Bombenangriff auf die Stadt getötet wurden. Krieg und Tod sind nur eine Filmsekunde entfernt an diesem Ort, von dem man glaubt, er habe schon alle Katastrophen erlebt.







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