Kritik zu Enrico Berlinguer – La Grande Ambizione

© Arsenal Filmverleih

2025
Original-Titel: 
Berlinguer. La grande ambizione
Filmstart in Deutschland: 
14.05.2026
L: 
122 Min
FSK: 
Ohne Angabe

Das Biopic des Politikers der Kommunistischen Partei war ein großer Erfolg in Italien – besonders bei der neugierigen jüngeren Generation.

Bewertung: 4
Leserbewertung
0
Noch keine Bewertungen vorhanden

Ein Politiker ist jemand, der auf jede Frage eine Antwort wissen muss – auch auf die seiner Kinder. Enrico Berlinguer, den Elio Germani in diesem Film wunderbar einnehmend spielt, ist mithin daheim nie ganz Pri­vatmensch. Sein Sohn zeichnet ihn als grauen Parteibeamten, und die älteren Töchter hinterfragen die Worte des Vaters unablässig. Später, als der Generalsekretär der Kommunistischen Partei Kompromisse eingeht, ist er zuweilen um eine Antwort verlegen. Das spricht vielleicht weniger gegen seine Politik, aber unbedingt für die Debattenkultur, die im Hause Berlinguer gepflegt wird.

Im Gegenzug liegt seine größte politische Begabung in der Familiarität: Er erreicht die Menschen. Er ist nicht nur ein brillanter Redner, sondern spricht sie durch sein bescheidenes, verbindliches und leidenschaftliches Auftreten unmittelbar an. Sein Charisma ist belastbar; nicht von ungefähr nennt ihn alle Welt beim Vornamen. Selbst sein mächtiger Gegenspieler Giulio ­Andreotti von der Democrazia Cristiana beneidet ihn um sein ausgezeichnetes Verhältnis zu den Wählern. Tatsächlich gelingt es ihm in den 1970er Jahren, den Stimmenanteil der PCI von 20 auf über 30 Prozent zu vermehren: Er verwandelt die Kader- in eine Massenpartei.

Sein Vorbild ist der volksnahe Salvador Allende. Mit dessen Wahl und dem Militärputsch Pinochets beginnt dieser Film von Andrea Segre. In Bulgarien überlebt Berlinguer einen Verkehrsunfall, den er als Attentatsversuch begreift. Die Entfremdung von der Sowjetunion zeichnet sich ohnehin ab, er will seine Partei von deren Einfluss und finanzieller Unterstützung unabhängig machen und für die Zusammenarbeit mit dem bürgerlichen antifaschistischen Spektrum öffnen. Der Industrie steht er nicht feindselig gegenüber. Nicht einmal den Schutzschild der NATO lehnt der glühende Vertreter des Eurokommunismus kategorisch ab. Die Fragen der Töchter fangen an, unerbittlicher zu werden.

Segre montiert sein Porträt des Politikers ungezwungen souverän aus zeitgenössischem Dokumentarmaterial und Spielszenen. Orte, Zeiten und Akteure wechseln behände, aber die politische Gemengelage gerät Segre nie unübersichtlich, denn seine erzählerische Konzentration schillert zuverlässig zwischen der intimen Gewissenserforschung und den großen historischen Linien. Er liefert kein umfassendes Biopic – Berlinguers Mentor Palmiro Togliatti spielt keine Rolle mehr, dafür wird der Partei­gründer Gramsci zitiert –, sondern beschränkt sich auf jene Epoche, in der der Politiker das Zentrum einer einzigartig dynamischen Situation bildete. Die Verhandlungen mit der Democrazia Cristiana, die im »Historischen Kompromiss« gipfeln sollen, spiegeln ein politisches Klima ohne Drohgebärden wider. Der herablassende Andreotti gesteht gar, dass er in der Nacht zuvor von Togliatti geträumt hat. Solche Momente sind eine Labsal in Zeiten, in denen der demokratische Respekt schwindet. Mit der Entführung und Ermordung des hier sehr vornehmen Aldo Moro stirbt diese Utopie. Jetzt erst lässt Berlinguer zu, dass Personenschützer über ihn und seine Familie wachen. Seine Familiarität büßt er bis zuletzt nicht ein.

Meinung zum Thema

Ihre Meinung ist gefragt, Schreiben Sie uns

Mit dieser Frage versuchen wir sicherzustellen, dass kein Computer dieses Formular abschickt