HBO Max: »Half Man«

»Half Man« (Miniserie, 2026). © HBO Max

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Zwei Jahre nach dem »Rentierbaby«-Phänomen ist Richard Gadd zurück mit einer neuen Miniserie. Und rechnet gnadenlos mit männlicher Wut ab

Auf einer Hochzeit zeigt sich oft, wer man geworden ist. Bei Richard Gadd genügt ein einziger Auftritt, um alles wieder in die Luft zu jagen. In seiner neuen Miniserie »Half Man« taucht Ruben nach Jahrzehnten bei Nialls Hochzeit auf, nervös, fahrig, wie elektrisch geladen. Kurz darauf explodiert die Situation. Von dort springt die Serie zurück in die Achtziger und verfolgt über drei Jahrzehnte, wie aus zwei Jungs zwei beschädigte Männer werden, die sich nie wirklich voneinander lösen konnten.

Niall (Jamie Bell) und Ruben (Richard Gadd) sind keine Brüder, jedenfalls nicht biologisch. Das macht ihre Verbindung nur unheimlicher. Sie wachsen in Schottland unter schwierigen Umständen auf, als ungleiches Paar: hier der stille, vorsichtige Niall, dort der ältere Ruben, ein Körper auf Angriff, ein Temperament ohne Sicherung. Der eine scannt Räume nach Gefahr, der andere bringt sie oft selbst mit hinein. Aus Abhängigkeit, Loyalität, Neid und einer schiefen Form von Fürsorge entsteht eine Bindung, die beide trägt und deformiert. »Half Man« erzählt diese Geschichte über sechs Episoden (ab 24. April, jeweils freitags, auf HBO Max) nicht als saubere Fallstudie, eher als Knoten: festgezogen von Scham, Begehren, Gewalt und der Unfähigkeit, Gefühle in eine Sprache zu übersetzen, die nicht sofort wieder für neue Eskalationen sorgt.

Gadd sucht erneut die Sollbruchstellen der Intimität auf. Schon »Baby Reindeer« lebte davon, dass er eigene Erfahrungen radikal offenlegte und daraus eine beklemmende Studie über Obsession, Abhängigkeit und Selbsttäuschung entwickelte. Die Serie kippte immer wieder überraschend die Perspektive, entzog sich einfachen Zuschreibungen und zwang das Publikum, Nähe auszuhalten, wo man sich lieber distanzieren würde. »Half Man« verschiebt diesen Zugriff nun ins Fiktionale, bleibt aber in der Methode ähnlich kompromisslos. Ihn interessiert, was Jungen beigebracht wird, lange bevor sie dafür Worte haben. Männlichkeit erscheint hier als etwas Erlerntes, Verhärtetes, oft Unreflektiertes. Die Figuren schleppen Widersprüche mit sich herum. Ruben ist Schläger, Beschützer, Verführer, Plage. Niall wirkt sanft und kontrolliert, doch auch in ihm arbeitet Zorn, Verdrängung, Opportunismus.

Das Entscheidende dabei ist, dass die Serie keine moralischen Wertungen vornimmt. Wer hier Opfer ist und wer Täter, verschiebt sich ständig, oft innerhalb derselben Szene.

Darin liegt auch ein Risiko, das Gadd offenbar eingeht. »Half Man« tastet sich an die dunklen Ränder seiner Figuren, dorthin, wo Zuneigung in Zerstörung und Repression in Brutalität umschlägt. Härte wird hier aber nicht ausgestellt, sondern ergibt sich aus der inneren Logik der Figuren und ihrer Beziehung. Gewalt, physische wie verbale, wird zur primitiven Grammatik von Männern, die weder mit Nähe noch mit Kränkung umgehen können. Das macht die Serie bisweilen schwer erträglich, aber auch zwingend.

Dass Gadd die Serie nicht nur geschrieben und entwickelt, sondern auch produziert und selbst eine der Hauptrollen übernommen hat, ist mehr als ein Kontrollanspruch. Es ist Teil seiner Arbeitsweise. Wie schon zuvor verzichtet er auf Distanz und begibt sich mitten hinein in das Material. Sein Ruben bleibt sperrig, unberechenbar, oft abstoßend – und doch nie ganz zu greifen. Jamie Bell setzt dem eine fein austarierte Unsicherheit entgegen, einen Mann, der sich ständig selbst korrigiert und dabei immer weiter von sich entfernt. Zwischen beiden entsteht eine Dynamik, die immer wieder wie im Moment ausgehandelt wirkt.

Glasgow und das westliche Schottland liefern hier kein pittoreskes Sozialrealismus-Dekor mit schön ausgeleuchtetem Elend, sondern ein Milieu, in dem Härte sozial belohnt, Empfindsamkeit misstrauisch beäugt und Herkunft eingeschrieben wird. Das verleiht der Serie konkrete Erdung, die authentisch wirkt.

OV-Trailer

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