Die Partei hatte guten Grund, sich zu ärgern

Natürlich sind wir längst daran gewöhnt, Wahlkämpfe als leicht durchschaubare Inszenierungen zu begreifen. Aber die Veranstaltung in diesem Film wirkt besonders falsch: Sie verläuft zu reibungslos, erfüllt zu deutlich den Plan. Die Parolen der Politikerin sind einen Hauch zu archetypisch, die Statisten in den Zuschauerrängen wirken eine Spur zu eifrig und ihr Applaus kommt einen Sekundenbruchteil zu früh.

Natürlich ist es nicht auszuschließen, dass es bei Auftritten von Rechtspopulisten genau so zugeht wie in „Das ist unser Land“. In den Nachrichten sah man früher ja immer nur gnädig kurze Ausschnitte, was sich mittlerweile geändert hat. Regisseur und Co-Drehbuchautor Lucas Belvaux hat dergleichen jedenfalls akribisch recherchiert. Bestimmt betrachtet man solche Inszenierungen im Kino wachsamer, anspruchsvoller. Der Vorbehalt ist jedenfalls groß, mit dem man den Auftritt von Agnès Dorgelle (Catherine Jacob) verfolgt, die an historisch bezeichnendem Ort (Verdun) Stimmen fängt. Das ist erst einmal kein Fehler. Aber der Samen des Argwohns ist in dieser Sequenz gesät, ob nicht auch Belvaux' erzählerisches Vorhaben etwas zu reibungslos aufgeht. Morgen Abend (16. 4.) können Sie sich im Filmmuseum Potsdam eine eigene Meinung bilden, wo er in der Reihe „Kino gegen Rechts“ läuft. Korinna Hiersche von „Omas gegen Rechts“ hält eine Einführung. Mir geht der Film oft durch den Kopf. Auch nach der beglückenden Niederlage Viktor Orbáns am letzten Wochenende hat er nichts an Aktualität eingebüßt. Im Fernsehen läuft er selten.

Als „Das ist unser Land“ 2017 in Frankreich startete, zog er sofort den Zorn des Front National auf sich, der in Dorgelle ein Zerrbild seiner Spitzenkandidatin Marine Le Pen vermutete. Inzwischen hat sich die Partei in „Rassemblement National“ umbenannt, aber ansonsten nicht wesentlich geändert. Zwar ist die von Jacob eindringlich gespielte Politikerin nur eine Nebenfigur; mit unvorteilhafter Perücke und hinreichendem Charisma. Dennoch zeichnet Belvaux ein entlarvendes, kaum verschlüsseltes Porträt der rechtsextremen Partei, die sich als Auffangbecken der abgehängten bürgerlichen Mitte neu erfinden will. Sein Film lehnt sich an Jérôme Leroys Roman „Der Block“ an, der neben dem FN auch den rechtslastigen „Vlaams Blok“ in Flandern ins Visier nimmt. Ohnehin ist das franko-belgische Schillern in diesem Film groß. Im Sportstudio einer identitären Gruppe prangt ein flämischer Slogan, der Regisseur stammt aus Belgien ebenso wie die Steuergeschenke, die für das Zustandekommen seines Films hilfreich waren (der legendäre „Tax Shelter“, der unablässig in Vorspannen französischer bzw, europäischer Produktionen auftaucht). Belvaux' Blick auf französische Realitäten trübt das nicht.

Er hat die Geschichte achtsam im hohen Norden verwurzelt, in einer einstigen Bergbauregion, die den Strukturwandelschlecht verkraftet hat. Die Stillleben der erwachenden Ortschaft, über denen die Vorspanntitel eingeblendet werden, sind eine triftige atmosphärische Einstimmung. Längst gehört die Region zu den bevorzugten Jagdrevieren des FN. Die ambulante Krankenpflegerin Pauline (Dequenne) gehört auf den ersten Blick nicht zu seiner klassischen Klientel. Ressentiments sind ihr fremd, ihren Patienten widmet sie sich vorurteilslos. Aber als Krankenpflegerin kämpft sie an vorderster Front, kennt soziale Missstände aus tagtäglicher Erfahrung. So ist sie empfänglich für die Einflüsterungen des honorigen Arztes Berthier (André Dussollier), der ihr vorschlägt, für das Bürgermeisteramt auf der Liste des ominösen „RNP“ zu kandidieren.

Die vorherigen Regiearbeiten des gelernten Schauspielers Belvaux zeugen bereits von seinem Gespür für das soziale Klima Frankreichs. Gesellschaftliche Frakturen, Gegensätze und Widersprüche verhandeln sie im Rahmen der Komödie, des Melodrams oder Thrillers. Die Genrekonventionen dienen Belvaux als Sicherheitsnetz, in dem die politische Analyse beiläufige Beobachtung bleiben durfte. Hier ist sie hauptläufig, und Belvaux schafft diesen Sprung nun um den Preis der Didaktik. Das ist erst einmal kein Fehler. Man erfährt viel über das Raffinement von Demagogen. Aber wohin der Regisseur auch blickt, entdeckt er nur Symptome oder Mechanismen. Seine Figuren sind Stellvertreter. Pauline muss vorerst nur das Gesicht ihrer Partei sein; ihr Wahlprogramm wurde schon vor der Nominierung geschrieben. Die Arglose zu spielen, wird für die klug energische Dequenne womöglich unbefriedigend gewesen sein. Dussollier hingegen ist ein genialer Besetzungscoup (wer würde diesen gewinnenden Darsteller schon für einen alten Faschisten halten?), der als Arzt den kleinstädtischen Hierarchien enorme Glaubwürdigkeit verleiht.

 

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