Berlinale: Vielfältiger Blick in die Welt
Wie politisch ist die Berlinale und für welche Haltungen steht sie? Diese Debatte begleitete die 76. Berlinale einmal mehr. Zunächst gab es Diskussionen, weil Wim Wenders bei der Auftaktpressekonferenz auf den Umgang mit dem Nahostkonflikt angesprochen wurde und erklärte: »Wir müssen uns aus der Politik heraushalten.« Diese Woche veröffentlichte die US-Zeitschrift Variety dann einen offenen Brief, in dem mehr als 80 Künstler, darunter Tilda Swinton, Javier Bardem, Adam McKay und Nan Goldin, der Berlinale vorwarfen, sich nicht ausreichend zum Krieg in Gaza zu positionieren und israelkritische Aussagen zu zensieren. Berlinale-Intendantin Tricia Tuttle wies die Zensurvorwürfe zurück. Es stimme nicht, dass sie Filmemacher »zum Schweigen gebracht« oder »eingeschüchtert« hätten, sagte Tuttle der dpa.
Ob es bei der Abschlussgala diesen Samstag noch Reaktionen dazu geben wird, bleibt abzuwarten. So oder so: Es ist eine Debatte, die losgelöst vom eigentlichen Filmprogramm stattfindet und diesem ein wenig die Aufmerksamkeit nimmt. Bei den diesjährigen Filmen spielten tatsächlich weder der Nahostkonflikt noch der Krieg in der Ukraine eine große Rolle, dafür wurden andere gesellschaftspolitische Themen in den Mittelpunkt gerückt. Der außer Konkurrenz laufende Eröffnungsfilm »No Good Men« etwa erzählt vom Leben in Afghanistan kurz vorm Einmarsch der Taliban, İlker Çatak beschäftigt sich in »Gelbe Briefe« mit einem Künstlerehepaar aus Ankara, das von politischer Zensur betroffen ist, und immer wieder setzen sich Filme kritisch mit patriarchalen Gesellschaftsstrukturen auseinander und stellen starke Frauenfiguren und ihren Kampf um Gleichberechtigung in den Mittelpunkt. So auch Markus Schleinzers im 17. Jahrhundert verorteter Film »Rose«, in dem sich die von Sandra Hüller gespielte Hauptfigur als Mann ausgibt, um das Erbe eines Kameraden anzutreten. Ein raffiniertes Historiendrama, bei dem sich ganz von selbst Verbindungen zu aktuellen Debatten um Geschlechterrollen auftun.
Es wäre schon sehr irritierend, wenn »Rose« bei der Gala am Samstag leer ausgehen sollte. Eher stellt sich die Frage, welchen Preis es geben wird. Den Goldenen oder »nur« einen Silbernen Bären? Auch Einzelpreise für Drehbuch, Regie oder Hauptdarstellerin Sandra Hüller wären berechtigt. Doppel-Auszeichnungen für einen Film sind aber eigentlich ausgeschlossen. Schauspielpreise wären hingegen auch für »Queen at Sea« denkbar, der Tabuthemen wie Demenz und Sex im Alter behandelt. Die brillierenden Darsteller Anna Calder-Marshall und Tim Courtenay als älteres Ehepaar müsste man eigentlich gemeinsam auszeichnen.
Hoch gehandelt für einen Preis wird auch »We Are All Strangers« von Anthony Chen, der erste singapurische Film im Wettbewerb der Berlinale. Wie nebenbei wirft die Geschichte um eine durch Schicksal zusammengewürfelte Familiengemeinschaft Schlaglichter auf Geschichte und Kultur von Singapur und die großen Gegensätze zwischen Arm und Reich. Nicht ausgeschlossen ist auch ein Preis für »Dao« des französisch-senegalesischen Regisseurs Alain Gomis, der mit einer experimentellen Mischung aus Drama und Dokumentarfilm afrikanische Kultur, Generationenkonflikte und die Nachwirkungen des Kolonialismus umreißt.
Fast schon traditionell kommt auch die deutsche Regisseurin Angela Schanelec für einen Bären in Frage. Ihr neuer Film »Meine Frau weint« ist wie gewohnt mit ausgestellter Künstlichkeit gestaltet und entwickelt in seiner Abhandlung über die Tücken von Sprache und Kommunikation eine eigenwillige Absurdität. Kein Film, der für ein breites Publikum zugänglich ist, aber ihre treuen Anhänger hat Schanelec einmal mehr überzeugt.
Ein weiteres Dauerthema der Berlinale: das Fehlen der ganz großen Stars. Zwar betraten dieses Jahr unter anderem der als neuer James Bond gehandelte Callum Turner, Rupert Grint und Juliette Binoche den Roten Teppich, im Großen und Ganzen war die Devise aber vielfältiges Weltkino anstatt Hollywood-Glamour. Dabei gab es Filme wie die erwähnten aus Asien und Afrika, die mit den hierzulande gewohnten Erzählweisen brachen, der Wettbewerb bot aber auch noch finnischen Horror (»Nightborn«), australischen Western (»Wolfram«) und japanischen Anime (»A New Dawn«). Nicht alle Filme konnten dabei vollends überzeugen, so manche Entdeckung gab es aber doch. Und ein vielfältiger Blick in die Welt ist für die Zukunft der Berlinale sicher nicht die schlechteste Agenda.



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