Das Geheimleben der Flora

Man könnte es einen prophetischen Zufall, dass ein Gutteil der Alben, die ich in meiner Jugend kaufte, Soundtracks waren. Die dazugehörigen Filme habe ich in den seltensten Fällen gesehen („Shaft“, „Claudine“), einige könnte ich mal nachholen („Superfly“, „Mahogany“), von anderen hat man danach nie wieder gehört („That's the Way of the World“), bei manchen hegte ich gar Zweifel, ob es sie überhaupt gibt („Cornbread, Earl and Me“). Ein Irrtum, eben nachgeschlagen: immerhin das Kinodebüt von Lawrence Fishburne.

Sie merken schon, ich häörte damals viel Soul. Bei „Stevie Wonder's Journey through 'The Secret Life of Plants'“ wiederum kam ich gar nicht erst auf die Idee, es könne sich um einen Soundtrack handeln. Der Titel kommt zwar wie der possesory credit eines Regisseurs daher. Aber für mich war es einfach eines jener Konzeptalben, in denen Wonder seinen musikalischen Radius visionär erweiterte. Dabei hätte mir 1979 der Name des Regisseurs von „Das geheime Leben der Pflanzen“ durchaus etwas sagen können: Walon Green. Von ihm hatte ich im Fernsehen bereits den Dokumentarfilm „Die Hellstom Chronik“, gesehen, der einen Oscar erhielt und mich davon überzeugte, dass die Insekten uns alle überleben werden. Green war seinerseits auch als Drehbuchautor ziemlich apokalyptisch gestimmt („The Wild Bunch, „Sorcerer“, „War Games“, ohne Vorspannnennung), aber sein Pflanzenfilm geht wohl in eine ermutigendere Richtung. Er beruht auf einem 1973 erschienen Sachbuch, das erhebliches Aufsehen erregte, weil darin zwei Journalisten die kommunikativen Fähigkeiten der Flora nachweisen wollte. Es würde als unwissenschaftlich abgetan; gut möglich, dass Peter Wohlleben es gelesen hat. Ob Ildikó Enyedi es bei der Vorbeitung von „Silent Friend“ zu Rate zog, möchte ich bezweifeln.

Ihr Film hat ohnehin ja nur wenige Vorläufer in der Kinogeschichte. Die Baumumarmungen des von Eddie Albert verkörperten Militärpsychologen in der Amerikanisierungs-Satire „Das kleine Teenhaus“ sind eine ferne Erinnerung, die nicht unbedingt auffrischen möchte; Schon wegen Brandos entsetzlichem Makeup in der Rolle des japanischen Übersetzung. Alberts Aufforderung, den Baum zum Freund zu machen, blieb in der Musikgeschichte (Alexandra!) folgenreicher als im Kino. Die 1970er Jahre indes stellen eine gewisse Hochzeit in der Erkundung vegetabilen Gebarens dar. In Aldo Lados erstaunlich metaphysischem Giallo „Malastrena“ fällt der Enthüllungsjournalist Jean Sorel nach einem Attentat in einen rätselhaften Wachtod. Er weist keine Vitalfunktionen mehr auf, aber der befreundete Gerichtsmediziner stellt fest, dass seine Körpertemperatur einfach nicht sinkt. Tatsächlich kommentiert er in diesem sozusagen postumen Paranoiathriller aus dem Off den Fortgang der Intrige. Gewissermaßen als Gegenpol finden Experimente mit Tomaten statt, die merklich auf äußere Einflüsse reagieren.

Pseudowissenschaftliche Experimente florieren in dieser Zeit, namentlich die Kirlianfotografie, die sich einer Art Röntgenblick bedient, um die psychologische Aura und emotionale Reaktionen von Pflanzen zu studieren. Ihre Popularität schlägt sich in dem Thriller „The Kirlian Witness“ von 1979 wieder, wo eine junge Frau ermordet aufgefunden wird und keine einzige Spur zum Täter zu führt. Das Mordopfer unterhielt eine telepathische Verbindung zu ihrer Lieblingspflanze, die nun die einzige Zeugin des Verbrechens ist. Der Film selbst führt ein Geheimleben, er kam bei uns nie ins Kino, ich sah ihn einmal spätnachts im Dritten Programm und hielt ihn für eine obskure Independentproduktion, entnehme nun aber der Wikipedia, dass ihn Paramount in den USA herausbrachte.

Die Parallelführung von Mensch und Pflanze, die sich in Lados Film ankündigt, gewinnt in diesem Jahrzehnt im Hollywoodkino einen sarkastischen Zug. Zumindest ist mein Eindruck, dass sich zu diesem Zeitpunkt die Unsitte durchsetzt, Komapatienten als „vegetable“ zu bezeichnen. James Caan protestiert 1975 in „Rollerball“ erbittert dagegen, als er seinen Kameraden John Beck im Krankenhaus besucht: „Aber er spürt doch das Leben!“ Philip Kaufmans „Die Körperfresser kommen“, das ehrfurchtsvoll originelle Remake von Don Siegels „Die Dämonischen“, wirkt 1978 wie ein Gegengift zu diesem Zynismus. Der Humanismus des SF-Horror-Thrillers ist verzweifelt. Ich denke hierbei weniger an die wackere Veronica Cartright, die in San Francisco ein Heilbad betreibt und dort unablässig Mozart-Platten abspielt, da die Klänge das Wachstum ihrer Pflanzen stimulieren. Die gesamte außerirdische Invasion findet mithilfe der Flora statt: Sporen setzen sich als Parasiten auf Blättern fest und vermehren sich tröpfchenweise und in Windeseile. Die Pods, also die Doppelgänger der infizierten Menschen, werden von Pflanzen gleichsam ausgetragen. Sie entscheiden sich äußerlich nicht von den Originalen und funktionieren im Alltag wie zuvor. Nur eins haben sie verloren: die Fähigkeit zu fühlen.

Meinung zum Thema

Ihre Meinung ist gefragt, Schreiben Sie uns

Mit dieser Frage versuchen wir sicherzustellen, dass kein Computer dieses Formular abschickt