arte-Mediathek: »Familiengeheimnisse«

»Familiengeheimnisse« (Miniserie, 2025). © SWR/Distinto Films/Quim Vives

© SWR/Distinto Films/Quim Vives

Im Mittelpunkt der spanischen Serie steht der Missbrauchsvorwurf eines dreizehnjährigen Mädchens. Regisseurin Leticia Dolera analysiert die Familien- und Gesellschaftsstrukturen einer eng verbundenen ländlichen Gemeinschaf

Ein erschütterndes Ereignis steht im Raum, man merkt es daran, wie alle sich winden, darüber zu reden: die Ermittler, die ein dreizehnjähriges Mädchen behutsam befragen. Weitere Kinder, die ebenfalls helfen sollen, Licht ins Dunkel von Ahnungen, Gerüchten und Anschuldigungen zu bringen. Die Eltern der Kinder. Die Mitglieder des Castell-Vereins, in dem das ganze Jahr für die Aufführung in der Johannisnacht trainiert wird, für die große neunstöckige Menschenskulptur, die eine Metapher ist: für den Zusammenhalt in der kleinen katalanischen Gemeinde, aber auch für die Fragilität dieses Zusammenspiels. Es geht darum, wie die Älteren das Fundament bilden, auf dem alle anderen aufbauen. Während sich das Fest der Johannisnacht in der Gegenwart entfaltet, wird es zugleich rückblickend vielstimmig rekonstruiert und analysiert, bis am Ende viele kleine Puzzlesteine ein komplexes Bild voller Widersprüche ergeben.

Im Original lautet der Titel der sechsteiligen Miniserie schlicht »Pubertat«, was den volatilen Schwebezustand der Gefühle recht gut beschreibt, um den es hier geht, das Suchen nach Identität, die ersten Erfahrungen mit Sexualität, die Abgrenzung von den Eltern, aber auch von den gleichaltrigen oder etwas älteren Freunden. Aber auch der deutsche Titel »Familiengeheimnisse« trifft es gut, denn nicht nur die Teenager haben Probleme, sondern auch die Erwachsenen: Pols Vater Martí, der die Lackierfirma seines Vaters gern ökologisch in die Zukunft führen würde, was dieser jedoch ebenso vehement bekämpft wie alle Angriffe auf seine Autorität als Patriarch und die Machotraditionen der Region. Stephens Mutter, die eine lesbische Affäre hat, ihren Mann aber nicht verlassen kann, weil dann die Aufenthaltsgenehmigung für die aus der Dominikanischen Republik stammende Familie gefährdet ist. Lluís, der nach dem Tod seiner Frau alleinerziehender Vater der dreizehnjährigen Manu ist. Nicht zuletzt sind da die Machtstrukturen des Castell-Vereins, der ein sicherer Ort für alle sein soll, sich einen Skandal aber nicht leisten kann, weil der die Sponsorengelder gefährden würde.

Im Kern erinnert das Szenario an die vierteilige britische Miniserie »Adolescence« mit der aus vier Perspektiven aufgerollten Geschichte eines Dreizehnjährigen, der eine Mitschülerin erstochen hat. Hier wie dort geht es darum, welchen Einfluss die sozialen Medien auf die Dynamik unter Kindern haben können. Und es geht darum, wie toxische Männlichkeit von Generation zu Generation weitergegeben wird und wie sie mit weiblicher Selbstermächtigung kollidiert.

Die alleinerziehende Mutter Julia, Schwester von Martí und Lluís, ist mit ihrem dreizehnjährigen Sohn hier weggezogen. Nun kehrt sie anlässlich des 14. Geburtstags ihres Neffen Pol zurück. Gespielt wird sie von Regisseurin und Drehbuchautorin Leticia Dolera, die ihre klug ausdifferenzierte feministische Agenda nicht nur in den Film trägt, sondern damit auch ihre Rolle auflädt: In Vorträgen und Interviews positioniert Julia sich rigoros auf der Seite der Opfer, doch als ihr Sohn Roger unter Verdacht eines sexuellen Übergriffs gerät, sieht die Sache augenblicklich ganz anders aus. »Er ist ein guter Junge, er lügt nicht, ich vertraue ihm«, sagt Julia im Film. Und dann gibt es noch Lucía, die sich auf andere Weise eines Übergriffs schuldig macht, denn ohne Absprache mit Manu prangert sie das kollektive Vertuschen öffentlich an. Später kommt raus, dass sie einen guten Grund hat, so aufgebracht zu reagieren.

Gegen Ende lichtet sich der Schleier des Vergessens, Manu erinnert sich an die Scham und den Ekel der fraglichen Nacht. Anders als in Deutschland ist das in Spanien der entscheidende Faktor: Als Vergewaltigung gilt dort jede Form des sexuellen Übergriffs ohne aktive Zustimmung. Bei der behutsamen Freilegung der Wahrheit unter vielen Schichten von Vorurteilen, Anschuldigungen und Ausflüchten ist klar: »Sexualität ist ein sehr komplexes Thema, selbst für Erwachsene« (Dolera). Und erst recht für ebenso unberechenbare wie schutzbedürftige Kinder.

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