Nippon Connection 2021

Familienleben
»His« (2020)

»His« (2020)

Nippon Connection in Frankfurt, das größte Festival zum japanischen Film (außerhalb Japans), musste zum zweiten Mal online stattfinden. »Family Matters« war das Motto

Shun (Hio Miyazawa) ist ein junger Mann, der sich, frustriert vom Großstadtleben, aufs Land zurückgezogen hat. Eines Tages taucht dort sein Ex-Geliebter Nagisa (Kisetsu Fujiwara) auf. Beide haben sich seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen. Nagisa hat inzwischen eine sechsjährige Tochter. Entgeistert fragt Shun: »Soll ich etwa das Kind mit dir aufziehen?« 

Die Antwort auf diese Frage ist filmische Poesie. Nicht zufällig gewann der Autoren-Regisseur Rikiya Imaizumi mit seinem berührenden Queer-Drama his den Hauptpreis der diesjährigen Festival­ausgabe.  

Das Festival fokussierte sich auf den Themenschwerpunkt »Family Matters – Die japanische Familie zwischen Tradition und Moderne«. Die Auszeichnung dieses Schwulenfilms ist daher stimmig. Ruhig und mit präzisen Detailbeobachtungen erzählt Imaizumi von zwei Homosexuellen, die zu einer Ersatzfamilie zusammenfinden. Die vorwiegend aus alten Menschen bestehende Dorfgemeinschaft erweist sich gegenüber dem queeren Paar als toleranter als homophobe Großstädter. 

Höhepunkt ist ein Gerichtsprozess, in dem Nagisa mit seiner Exfrau, der Kindsmutter seiner sechsjährigen Tochter, um das Sorgerecht streitet. Die juristisch präzise durchdeklinierten Rollenvorstellungen von Vätern, Müttern und Ehe werden dabei geschickt kontrastiert mit jener liebevollen Fürsorge, mit der die beiden schwulen Männer sich um »ihre« gemeinsame Tochter kümmern. his erscheint wie ein Spiegelbild zu Hajime Tsudas Drama »Daughters«, in dem das Thema einer Queer-Familie mit einem lesbischen Paar aus Tokio durchgespielt wird. 

»His« setzte sich gegen beeindruckende Konkurrenz durch. Insgesamt 80 aktuelle japanische Produktionen zeigte das Festival, das zum 21. Mal stattfand. Zu den Highlights zählte »Red Post on Escher Street«. Sion Sono, einer der kreativsten japanischen Gegenwartsfilmer, gelang mit dieser vexierbildartigen Reflexion über ein Film-Casting ein cineastischer Kraftakt. Der herrlich überdrehte Film gipfelt in einer komplexen Plansequenz, in der eine atemberaubende Fülle von Erzählsträngen auf magische Weise ineinander fließen. Von hypnotischer Intensität ist Niwa Nishikawas Romanverfilmung »Under the open Sky«, ein Requiem über einen alternden Yakuza, der aus dem Gefängnis kommt und sich bemüht, ins geregelte Leben zurück zu finden. Unmöglich still sitzen kann man bei »Can't stop the Dancing«, ein anarchisches Feelgood-Musical über eine Büroangestellte, die zufällig hypnotisiert wird und deren Leben sich daraufhin in ein quirliges Singspiel verwandelt.

Den Nippon Docs Award erhielt Thomas Ash für seine im Vorfeld des Festivals uraufgeführte Dokumentation »Ushiku«. Mit versteckter Kamera beobachtete der in Japan lebende Aktivist Menschenrechtsverletzungen im gleichnamigen japanischen Abschiebegefängnis. Der Film kritisiert das rigide japanische Einwanderungsgesetz, das nur eine verschwindend geringe Anzahl von Asylbewerbern aufnimmt. Wer illegal einreist, wird inhaftiert. Warum Migranten, unter anderem aus der Türkei, unter diesen Umständen ausgerechnet nach Japan kommen, wird in dem Film, der auf erschreckende Missstände hinweist, allerdings nur schemenhaft deutlich.

Das Thema Migration griff auch Akio Fujimoto auf, dessen Drama »Along The Sea« von der Jury mit dem Nippon Visions Award prämiert wurde. Mit dokumentarisch anmutenden Bildern erzählt der Film von drei Vietnamesinnen, die als Trainees nach Japan kommen und in ihrem Lehrbetrieb schamlos ausgebeutet werden. 

Mit dem Nippon Visions Award des Publikums ausgezeichnet wurde die originelle Zeitreise-Komödie »Beyond The Infinite Two Minutes« von Junta Yamaguchi. Motivisch angelehnt an Stanislaw Lems »Sterntagebücher«, kommt ein Cafébesitzer via Fernseher in Kontakt mit seinem eigenen Ich – das sich jedoch zwei Minuten in der Zukunft befindet. Das künftige Alter Ego gibt ihm einen Tipp, wie man diesen Vorsprung für einen Lotteriegewinn nutzbar machen kann. Es ist der Beginn eines atemlosen Hase-und-Igel-Wettlaufs, der fast ohne Schnitte gedreht ist. Die intelligente Low-Budget-Produktion ist witzig, kreativ und überaus sympathisch. Und sehr japanisch.

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