Nachruf: Robert Hossein

30.12.1927 – 31.12.2020
Robert Hossein mit Marina Vlady in »La nuit des espions« (1959)

Robert Hossein mit Marina Vlady in »La nuit des espions« (1959)

Mit kleinen, steifen, schnellen Schritten läuft ein Mann im Anzug und Hut durch nächtliche Straßen. Sobald er ein Opfer findet und dessen Angst spürt, dringt aus dem unscheinbaren Körper eine rasende, tödliche Kraft, der kindlich- verwirrte Blick wird zu einer finsteren Maske. Robert Hosseins Verkörperung des deutschen Serienmörders Peter Kürten in »Le Vampire de Düsseldorf« (Der Mann, der Peter Kürten hiess, 1965), bei dem er auch Regie führte, ist Summe und Höhepunkt seiner Schauspielkunst. In Hosseins dunklen Augen kann der Zuschauer so viel deuten: Mordlust, Trauer, Verschlagenheit, Härte, Einsamkeit. Auch in zahlreichen anderen seiner Rollen sind es das unverkennbare Gesicht und die tiefe, rauchige, kluge, dabei oft bemerkenswert leise Stimme, die seine Filmfigur prägen.

»Möge mein wunderbarer Krieger in Frieden ruhen«, schrieb Brigitte Bardot zu seinem Tod, in Anspielung an ihren gemeinsamen Auftritt in Roger Vadims großartigem Film »Le repos du guerrier« (Das Ruhekissen, 1962) – in diesem Film sah ich Hossein vor einigen Jahren erstmals im Kino, und seine Aura und dieses wunderschöne, geheimnisvolle Gesicht blieben mir unvergessen.

Als Abraham Hosseinoff kam er am 30. Dezember 1927 in Paris zur Welt, Sohn des persisch-aserbaidschanischen Musikers Aminollah Hosseinoff und der jüdisch-russischen Schauspielerin Anna Mincovschi. »Ein Reisender von Geburt an, ein Nomade ohne Stamm«, beschrieb Hossein sich in seinem autobiografischen Buch »Nomade sans tribu« (1981). Die Familie lebte in Armut und Enge, woraus Hossein Zeit seines Lebens einen inneren Reichtum zog, wie er wiederholt sagte. Früh zog er von zu Hause aus und begann bei der legendären russischen Schauspiellehrerin Tatjana Balaschowa zu studieren.

Seine ersten Erfolge im Theater, als Schauspieler wie als Regisseur, feierte er schon mit Anfang 20. Im gleichen Jahr, in dem er mit »Du rififi chez les hommes« (Rififi, 1955) seinen ersten großen Kinoerfolg feierte, inszenierte er sein Regiedebüt, »Les salauds vont en enfer« (Die Lumpen fahren zur Hölle, 1955), in dem seine damalige Ehefrau Marina Vlady die Hauptrolle spielte. Es folgten bis 1986 14 weitere Kinoregiearbeiten, derweil er in mehreren Filmen pro Jahr als Schauspieler zu sehen war.

1971 trat er eine Theaterintendanz in Reims an, wo er fünf Jahre lang spektakuläre Erfolge verzeichnete. 1975 inszenierte er das erste seiner insgesamt über 20 »grandes spectacles«, als Volkstheater gedachte einzigartig-monumentale Theaterinszenierungen historischer oder literarischer Stoffe (»Theater, wie man es nur im Kino sehen kann«). Für sie ist er in Frankreich bis heute ebenso berühmt wie für seine Rolle des Joffrey de Peyrac in den »Angélique«-Filmen, in denen er ikonisch mit klaffender Narbe auf der linken Wange spielte. Hossein wurde zum Star des französischen Unterhaltungskinos der 1960er Jahre (ein »Casanova für Backfische«, wie Marguerite Duras es sah). Zur gleichen Zeit gelang ihm an der Seite von Delphine Seyrig in Duras' Spielfilmdebüt »La musica« (1967) eine seiner großen intimen Darbietungen.

Ich habe die Hoffnung, dass Hossein eines baldigen Tages auch für seine viel zu vergessenen Regiearbeiten erinnert wird: der existenziell-traurige Western »Une corde, un colt . . .« (Friedhof ohne Kreuze, 1969), das Kammerspiel »La nuit des espions« (Die Nacht der Spionin, 1959), die filmisch atemberaubenden Entführungsdramen »Le goût de la violence« (Haut für Haut, 1960) und »Point de chute« (Zwei im Visier, 1970), um meine vier Lieblinge zu nennen. Als Regisseur suchte Hossein Kino in seiner reinen Form zu schaffen. Er erzählte in Bildern, viele seiner Filme weisen über weite Strecken keine Dialoge auf, offenbaren ein virtuoses filmisches Handwerk und Verständnis. Er liebte das Genrekino, Suspense und erzählerische Vexierspiele, aber suchte darin auch das emotionale, menschliche Moment. Die herausragende Musik seines Vaters, die jener als André Hossein schrieb, prägt diese Filme. Sie können faszinierende Entdeckungen für Menschen sein, die das Kino genauso lieben, wie Robert Hossein es tat.

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