62. Nordische Filmtage in Lübeck

Für ein freies Dänemark
»Unser Mann in Amerika« (2020). © Nimbus Film

»Unser Mann in Amerika« (2020). © Nimbus Film

Kurz vor dem Start mussten die Nordischen Filmtage in Lübeck komplett online gehen. Trotz schöner Filme – schade für die scheidende Leiterin Linde Fröhlich

Am 3. November haben die Amerikaner einen neuen Präsidenten gewählt – und Donald Trump seines Amtes verwiesen. Ungefähr zu der Zeit, als die Bevölkerung jenseits des Atlantiks in die Wahllokale strömte, begann auch die Eröffnung der 62. Nordischen Filmtage, mit »Unser Mann in Amerika«. Es kommt vielleicht nicht von ungefähr, dass die Filmtage ausgerechnet mit dem Werk der Dänin Christina Rosendahl begannen. Denn auch hier gibt es einen US-Präsidenten, Franklin D. Roosevelt (Henry Goodman) – und der ist quasi eine Gegenfigur zu dem gegenwärtigen populistischen Operettenpräsidenten, ein wohlüberlegter Taktierer, ein väterlicher Mensch, der mit Argumenten zu überzeugen weiß. »Unser Mann in Amerika« beruht auf einer wahren Geschichte: Als die Nazis das neutrale Dänemark 1940 okkupierten und Regierung und König kollaborierten, erklärte der dänische Botschafter Henrik Kauffmann in Washington seine Unabhängigkeit und sich zum Vertreter eines freien Dänemark – wie neun andere Botschafter auch. Und er entwickelte nach Gesprächen mit Roosevelt und seinem Außenminister Hull einen Plan: Die Amerikaner bekommen eine strategisch wichtige Militärbasis auf Grönland und Kauffmann die in den USA eingelagerten dänischen Goldreserven. Kauffmann ist gerade in der großartigen Darstellung von Ulrich Thomsen aber keine glorreiche Lichtgestalt, sondern eher ein Grantler und Schweiger, immer noch verliebt in die Schwester seiner Frau. 

Der Reiz des Films besteht in dem Ineinander von persönlicher und Zeitgeschichte. Die meisten Filme im Lübecker Wettbewerb erforschten aber eher private Mikrokosmen, Belastungen in der Familie oder Spannungen in Beziehungen. In »Charter« kidnappt eine Mutter mehr oder weniger ihre nach der Scheidung dem Vater zugesprochenen Kinder für einen Urlaub auf Teneriffa – und muss erkennen, dass das auch für ihre Kinder eine Prüfung ist. In »Hoffnung« ist es eine als unheilbar eingestufte Krebserkrankung, die in eine Patchworkfamilie einbricht. Es ist kurz vor Weihnachten, als Anja die Diagnose erfährt, und gnadenlos beschreibt der Film im Tagebuchstil das Fortschreiten der Zeit bis zur Operation im neuen Jahr. Trotz der eher kühlen Erzählung ein berührender Film. In dem lettischen Beitrag »Die Grube« ist die Hauptfigur ein Junge, der von den Erwachsenen herumgestoßen wird und nach dem Tod seines Vaters bei seiner Großmutter lebt – weil seine Mutter ihn nicht will. Dramaturgisch geschickt arbeitet Regisseurin Dace Püce mit der Enthüllung von (Lebens-)Geheimnissen und der Kunst als Zufluchtsort. Püce hat für ihr Spielfilmdebüt den Hauptpreis des Festivals, den NDR-Preis gewonnen. Leider leer ausgegangen ist einer der schönsten Filme im Wettbewerb, »Der längste Tag« des Schweden Jonas Selberg Augustsén, ein Multipersonenfilm rund um den Mittsommertag in den schwedischen Wäldern, kurios, absurd und lakonisch, eine Hommage an Altmans »Short Cuts« und Roy Andersson – nur nicht so stilisiert und deprimierend. 

Die 62. Nordischen Filmtage waren die letzten für die langjährige künstlerische Leiterin Linde Fröhlich, die dieses Amt seit 2001 inne- und mithin 20 Ausgaben zu verantworten hatte; 1979 arbeitete sie zum ersten Mal beim Festival mit. Sie hat in ihren 20 Jahren einen Wettbewerb gleichbleibender Qualität zusammengestellt, hatte Platz für aufstrebende Filmländer (wie Island in den letzten Jahren), aber auch für Sperriges. Es war tragisch, dass sie zu Jubiläum und Abschied keine Gäste empfangen konnte: Noch vor dem sogenannten Lockdown light hatte die Stadt Lübeck alle Kinoveranstaltungen verboten. Aber wie andere rein digitale Festivals in diesem Jahr konnten die Lübecker sich über regen Zuspruch zu ihrem digitalen Angebot freuen. 146 von den 160 Filmen des Programms konnten gestreamt werden – 16 000 Mal wurde davon Gebrauch gemacht. Wenn man das mal zwei nimmt, ergibt das den normalen Lübecker Besucherschnitt. Und 7 000 Mal wurden die virtuellen Festivaltalks abgerufen. Aber hoffen wir, dass im nächsten Jahr, dann unter Fröhlichs Nachfolger Thomas Hailer, die Kinosäle wieder voll sind.

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