Interview: Michael Gwisdek über seine Rolle in »Traumfabrik«

»Traumfabrik« (2019). © Tobis Film

»Traumfabrik« (2019). © Tobis Film

Herr Gwisdek, Ihre Szenen im »Traumfabrik« spielen nicht in Babelsberg, sondern auf dem Lande. Sind Sie trotzdem mal dorthin gefahren, um sich anzuschauen, wie es da heute aussieht?

Nein, das habe ich schon länger nicht mehr gesehen. Ich habe dreißig Jahre in Babelsberg, zwar nicht täglich, aber doch sehr häufig gearbeitet, sowohl als Schauspieler als auch als Regisseur (ich habe meinen ersten Film ja in der Mittelhalle, der Marlene-Dietrich-Halle gedreht). Nach der Wende ergab es sich irgendwie, dass wir nicht mehr vorkamen. Die haben Babelsberg übernommen und sagten, »Hier hat mal Marlene Dietrich gedreht und so nennen wir jetzt die Halle.« Und damit waren wir irgendwie so raus. Meinen zweiten Film als Regisseur habe ich dann schon nicht mehr in Babelsberg gedreht, sondern ein paar hundert Meter daneben, in einer stillgelegten Kneipe, weil wir Babelsberg nicht bezahlen konnten. Für uns war da irgendwie kein Platz mehr. Ich habe ein gespaltenes Verhältnis zu Babelsberg, bin natürlich glücklich über diesen Film »Traumfabrik«, weil es ein deutscher Film ist, der auf großem internationalen Niveau eine Qualität hat, die für mich sehr beeindruckend ist. 

Erinnern Sie Sich noch an das erste Mal, als Sie das Studio betreten haben? War das gleich bei Ihrem Debüt 1966 in »Die Spur des Falken«?

Ja. Das war auch das einzige Mal, dass ich ein Casting machen musste. Das kam damals eher merkwürdig zustande: die suchten Leute und ich war noch an der Schauspielschule im zweiten Studienjahr und irgendjemand hat dem Regisseur Gottfried Kolditz erzählt: »Wir haben da einen Verrückten an der Schauspielschule, der hat zwar keine Ahnung, wer Bertolt Brecht ist, aber hat zwei Jahre lang geübt, wie man einen Colt zieht.« Das entspricht der Wahrheit, weil ich dachte, das ist das einzige, was ein Schauspieler braucht – das hatte ich hier als Kinogänger im Zoo-Palast gelernt, wo ich die entscheidenden Filme gesehen habe vor dem Mauerbau, die dazu führten, dass ich Schauspieler werden wollte und das wurde später in einer Talkshow mit Horst Buchholz bestätigt, als er zeigte, wie er das geübt hat zur Vorbereitung auf seine Rolle in »Die glorreichen Sieben«. Also hatte ich sehr viel Zeit, weil ich zehn Jahre lang immer abgelehnt wurde von der Schauspielschule, dem Nachwuchsstudio Fernsehen – und dann dachte ich, dann muss ich noch mehr üben und bin eigentlich über das Coltziehen zu meinem ersten Film gekommen.

War ihr erster Blick beim Gang durch das Studiotor ähnlich ehrfurchtsvoll wie der des Protagonisten in »Traumfabrik«?

Ja, für mich war das absolut Hollywood. Studios mit so großen Eingangsportalen sehen ja in der ganzen Welt genauso aus. Und irgendwann gehe ich durch so ein Tor und arbeite auch hier. Das war mein Traum – in Kombination mit dem Zoo-Palast. Ich wollte einfach mal, dass auf der Kinomalerei am Zoo-Palast der Name Michael Gwisdek steht. Das habe ich jetzt erreicht, nach 50 Jahren, der Name steht dran bei »Traumfabrik«. 

Sie haben gerade die im Zoo-Palast gesehenen Filme erwähnt. Das heißt, die DEFA-Filme waren damals für Sie nicht so wichtig?

Nein, damals noch nicht. Als die Mauer errichtet wurde und der Zoo-Palast für mich wegfiel, war ich 19 Jahre alt. Mein jugendliches Leben sah so aus wie in »Saturday Night Fever«, ich habe mit Rock'n'Roll-Preistanzen mein Taschengeld verdient, aber das alles spielte sich in Westberlin ab. Nach der Schule sind wir nachmittags immer rübergefahren und waren am Kudamm, wir konnten damals noch in Ost-Mark bezahlen und haben im Kino alles rauf und runter geguckt.

Der 13. August 1961 ist wahrscheinlich ein Datum, an das sich alle, die in einem bestimmten Alter waren und zumal Bürger der DDR, noch gut erinnern…

Ja, am 13. August habe ich auf einem Campingplatz beim Zelten meinen ersten Versuch gestartet, mit einer Frau zu schlafen – was jäh unterbrochen wurde durch meinen Freund, der das Zelt aufriss und gesagt hat, »Die machen die Grenze zu in Berlin«. Daraufhin sind wir erst mal alle nach Berlin gefahren und haben geguckt, was hier passiert. Für mich bedeutete das, dass ich nicht mehr Schauspieler werden konnte. In der DDR durfte ich nicht studieren, weil mein Vater selbständig war. So gab es nur die Möglichkeit, das in Westberlin zu machen. Ich hatte ein Jahr lang als Vertreter gearbeitet; das Geld, was ich da verdient habe, wollte ich für die Schauspielschule ausgeben.

Wie haben Sie es dann trotzdem noch geschafft, in der DDR auf die Schauspielschule zu kommen?

Das habe nicht ich geschafft, sondern das Transformatorenwerk Oberspree. Wer damals einen künstlerischen Beruf erlernen wollte, musste vorher in die Produktion. Da habe ich gesagt, ich möchte die schwerste Arbeit machen, die es gibt, so etwas wie Bäume fällen in Kanada. So kam ich in eine Verladerbrigade, die jede Nacht Eisenbahnwaggons beladen musste. Um die Ecke war die Schauspielschule und ich habe mit jedem Hammerschlag gesagt, »Ich werde Schauspieler!« Nach der Aufnahmeprüfung kam ein Brief, dessen erstes Wort hieß »leider«, da habe ich ihn gleich wieder zugemacht. Meine Motivation war weg und ich nicht mehr pünktlich zur Arbeit erschienen und sackte völlig durch. Ich habe der Brigade mein Leid geklagt, daraufhin haben die sich das große Fahrzeug vom Parteisekretär genommen, sind bei der Schauspielschule vorgefahren und haben gesagt, »Genossen, Ihr müsst den nehmen.« Die haben erstmal »nein« gesagt, aber schließlich wurde ein Deal ausgehandelt: ich durfte ein Jahr probeweise die Schauspielschule besuchen. 

Die Regisseure waren bei der DEFA festangestellt, wie sah das bei den Schauspielern aus?

Das war nicht der Fall, aber da wir in der DDR eine Planwirtschaft hatten, hatte man als Schauspieler automatisch ein Engagement. Denn es wurden ja nur genauso viele ausgebildet wie gebraucht wurden. Ich bin nahtlos von der Schauspielschule nach Karl-Marx-Stadt ans Theater gegangen, dann nach sechs Jahren nach Berlin an die Volksbühne und dann ans Deutsche Theater. War man am Theater, hatte man allerdings immer nur partiell Zeit für Film. Deswegen war meine erste Reaktion nach dem Mauerfall, am Theater zu kündigen, um mich auf Film zu konzentrieren.

Wie kam es dann 1988 zu Ihrer ersten Regiearbeit? 

Zu der Zeit war das ein absolutes Novum, nur Dean Reed durfte mal einen Film als Regisseur machen. Damals brodelte es in der DDR ja schon. Ich war in einer Situation, wo mir alle Freunde sagten, ich solle mal selber was machen, nicht nur meckern. Mir war eigentlich auch egal, was für ein Film – insofern gibt es eine Menge Parallelen zu »Traumfabrik«. Ich sagte mir, den Film denke ich mir dann schon aus, wenn ich drehe. Aber wie komme ich dahin? Ich habe dann mit dem DEFA-Direktor ein Gespräch gehabt. Als Schauspieler war ich anerkannt, hatte auch schon einige Hauptrollen gespielt, aber als Regisseur musst du in Moskau Regie studiert haben. Wenn ich Sie jetzt lasse, fällt mir das ganze Studio auseinander – Gwisdek Regie führen lassen, das geht gar nicht. Woraufhin ich erwiderte: Wenn das so ist, dann gehe ich in den Westen. Ich muss jetzt unbedingt einen Film machen. Ich habe gehört, bei ihnen liegt ein Drehbuch herum, das keiner machen will – »Treffen in Travers«. Ich mache das mit Corinna Harfouch, Hermann Beyer und Uwe Kockisch, Kamera macht der und Produktion der. Da lachte er und sagte, das sind ja die besten Leute, die kriegen Sie nicht! – Doch, ich habe von allen schon das o.k. Ich hatte, wie in »Traumfabrik«, meine Truppe von Vertrauten. Am Ende wurde der Film zum Festival von Cannes eingeladen und die DDR-Flagge wurde dort gehisst.

Aber nach Ihrer dritten Inszenierung, dem »Mambo-Spiel« wollten Sie als Regisseur nicht weitermachen?

Ich hatte mir drei Filme vorgenommen, die habe ich gemacht. Ich habe dann lieber gespielt, weil ich nicht mehr die Arbeitsbedingungen hatte, wie ich sie gehabt hatte. Schon beim »Mambo-Spiel« hatte ich wahnsinnig viele Produzenten, die mir alle sagten, was ich ändern müsse.

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