Interview mit Matteo Garrone über seinen Film »Dogman«

Matteo Garrone (li.) mit Vincent Cassel am Set von »Das Märchen der Märchen« (2015). © Concorde Filmverleih

Matteo Garrone (li.) mit Vincent Cassel am Set von »Das Märchen der Märchen« (2015)

© Concorde Filmverleih

Herr Garrone, Ihr neuer Film »Dogman« basiert auf einer wahren Geschichte. Was reizte Sie daran, diesen Fall auf die Leinwand zu bringen?

Die Sache ereignete sich in Italien vor 30 Jahren, und man kennt sie vor allem wegen ihrer Grausamkeit. Rache und Folter, ziemlich makabre Folter sogar, sind die Hauptaspekte, die sich jedem eingeprägt haben, und man könnte problemlos einen Splatterfilm daraus machen. Aber darauf hatte ich natürlich gar keine Lust. Geschichten, in denen sich ein Underdog an einem vermeintlich übermächtigen Gegner rächt, sehen wir schließlich ständig auf der Leinwand. Was ich am spannendsten fand, war die Psychologie in dieser Geschichte, die psychische Gewalt – und eben dieser eigentlich ja alles andere als brutale Mann in ihrem Zentrum.

Wobei Ihr Protagonist ja aber eben am Ende doch kein Unschuldslamm ist...

Stimmt, aber zunächst einmal ist das seine Menschlichkeit. Gewalt ist für ihn ein Weg zum Überleben, nicht Teil seiner Persönlichkeit und schon gar nicht Mittel zur Rache. Er ist naiv, aber er sehnt sich auch nach Respekt. Ihm würde ein Wort der Entschuldigung zur Konfliktlösung reichen. Aber wenn das Gegenüber eine andere Sprache spricht, die Sprache der Gewalt, dann geht das eben nicht. Plötzlich steckt man mitten drin in diesem Mechanismus, wie eine Fliege in einem Spinnennetz.

Würden Sie trotzdem sagen, dass die Gewalt zwingend zur menschlichen Natur gehört?

Sie gehört auf jeden Fall untrennbar zu unser aller Leben, denken Sie nicht? Schauen Sie sich doch um. Wir sitzen hier in Cannes und reden über Filme, während rund um den Festivalpalast Männer mit Maschinengewehren patrouillieren. Da haben wir es doch.

Andererseits sagten Sie eben mit Blick auf »Dogman«, dass Gewalt ursprünglich nicht Teil von Marcellos Persönlichkeit ist.

Ich glaube nicht, dass es eine generelle, eine einfache Antwort darauf gibt, wo und wie Gewalt entsteht. Das hat mit der menschlichen Natur ebensoviel zu tun wie mit den Umständen, in denen jemand aufwächst. Oder auch mit dem Zufall. Manchmal ist man einfach zur falschen Zeit am falschen Ort. Im Fall von Marcello ist es sicherlich so, dass er nur sein Leben leben und glücklich sein will. Vieles, was dann schief läuft, kommt durch äußere Einflüsse. Gleichzeitig macht er aber auch selbst Fehler und trifft falsche Entscheidungen. Er ist schließlich nicht das personifizierte Gute. Mir ging es mit »Dogman« darum, all diese Facetten in den Film und diese Figur einfließen zu lassen und den Protagonisten nie zu verurteilen. Ich wollte nie von oben auf ihn herabblicken, sondern die ganze Zeit auf Augenhöhe mit ihm sein.

Wie würden Sie Marcellos Beziehung zu Simone, dem prügelnden Tyrannen der Nachbarschaft, beschreiben?

Eines der Schlüsselworte ist sicherlich Angst. Marcello ist, wie schon gesagt, ein einfacher, in jedem Sinne kleiner Kerl, der seine Tochter retten möchte und sich ansonsten bemüht, sein Leben und seinen Hundesalon gegen die Brutalität von außen zu schützen. Er hat Angst, davor sein Leben zu verlieren, vor anderen Menschen, aber auch vor Simone. Und gleichzeitig ist er natürlich auch fasziniert von ihm, denn der ist groß und stark und mutig, also alles, was Marcello selbst nicht ist. 

Ist dieser Simone auch als Metapher zu verstehen, auf das Bild des starken Mannes, das zum Beispiel die italienischen Wähler zuletzt überzeugt zu haben scheint?

Die Deutung überlasse ich ihnen. Aber auf jeden Fall ist das keine italienische Sache. Der Geist des rechten Extremismus weht ja gerade durch fast alle westlichen Ländern.

Lassen Sie uns ein wenig über das Setting von »Dogman« sprechen...

Dieses Dorf, in dem der Film spielt, erinnert mich an einen Western. Die Location ist fester Bestandteil der Geschichte, vielleicht sogar eine eigene Figur in ihr. Vielleicht hätte man eine ähnliche Story auch über einen Mann in einer Großstadt erzählen können. Aber mir war es wichtig, dass sie sich in einem kleinen Dorf ereignet, in dem jeder jeden kennt. Das macht das Gefühl der Isolation, dieses Ausgeschlossensein aus der Gemeinschaft, das Marcello plötzlich erlebt, so viel größer. Deswegen bin ich an den Ort zurückgekehrt, an dem ich auch schon »Gomorrha« und »L'imbalsamatore« gedreht habe.

Wie hat sich dieser Ort verändert?

Er verfällt immer mehr. Aber ich finde es wunderschön, und für die Geschichte ist er perfekt. Wir haben nur hier und da Kleinigkeiten verändert, den Spielplatz zum Beispiel, ansonsten haben wir Marcellos Ladengeschäft gestaltet und den Laden nebenan. Das war’s aber auch schon. Die Farben und das Licht dort sind unglaublich. Ich glaube, dieser Ort liebt mich, denn jedes Mal wenn ich dort drehe, ist das Licht perfekt. Auch mit dem Wetter hatte ich Glück, was nicht selbstverständlich ist, schließlich habe ich in chronologischer Reihenfolge gedreht. 

Wir haben noch nicht über die Hunde im Film gesprochen. Welche Funktion haben die für Sie?

Zum einen spielen die Hunde visuell eine wichtige Rolle für mich. Ich habe sie immer als eine Art Theaterpublikum betrachtet, das aus nächster Nähe mitansieht, was Marcello passiert. Sie sind die unmittelbaren Zeugen der Brutalität, von der wir die ganze Zeit gesprochen haben. Aber zum anderen waren die Hunde natürlich auch ein Weg, um zu zeigen, was für ein liebevoller Mensch Marcello ist. Ich habe ihn immer ein wenig als modernen Buster Keaton gesehen und phasenweise ist »Dogman« ja auch fast ein Stummfilm. Wenn sie alle gleichzeitig fressen oder er die Hunde massiert – das sind Momente der Leichtigkeit, die einen notwendigen Kontrast vor allem zur zweiten Hälfte des Films darstellen.

Sie haben vorhin erwähnt, dass Sie den Film chronologisch gedreht haben, was eher unüblich ist. Warum war Ihnen das wichtig?

Ich mache das so oft ich kann, einfach, um konsequenter sein zu können in der Entwicklung meiner Figuren. Für »Dogman« haben wir vor Drehbeginn zwei bis drei Monate mit den Schauspielern geprobt, alles bis auf den Schluss des Films. Während des Drehs zeichnete sich dann ab, dass Marcello so wie wir ihn entwickelt hatten, zu gewissen Dingen, die ich im Drehbuch ursprünglich für das Finale vorgesehen hatte, nie fähig sein würde. Also haben wir einen anderen Weg eingeschlagen. Aber das geht eben nur, wenn man Schritt für Schritt den Weg mit der Figur mitgeht und nicht zum Beispiel die letzte Szene des Films als erstes dreht.

Gewinnt »Dogman« auch dadurch seine besondere emotionale Wucht?

Ich würde sagen ja, denn die Struktur eines Films ist natürlich für seine Wirkung essentiell. Und auch wenn das jetzt sehr unfein von mir ist, würde ich doch sagen, dass mir die Sache in diesem Fall besonders gut gelungen ist. Alles ist sehr schlicht gehalten, keine Szene ist überflüssig. Was nicht heißt, dass alles bis ins kleinste Detail durchgeplant war. Im Gegenteil war es mir nach meiner bislang größten Produktion »Das Märchen der Märchen« besonders wichtig, wieder zurück zur Freiheit meiner ganz frühen Filme zu finden und sogar zwischendurch mein eigener Kameramann zu sein.

Ist die Gestaltung eines Films umso wichtiger, je reduzierter die Geschichte ist?

Wahrscheinlich kann man das so sagen. Zumindest leuchtet es mir als jemandem, der von der Malerei kommt, ein, dass die Bildsprache, die Farben und all diese Dinge für das Endergebnis oft wichtiger sind als der eigentliche Gegenstand. Denken Sie an van Goghs »Sonnenblumen«. Worüber wir heute sprechen, ist ja nicht die Tatsache, dass er sich für diese Art von Blumen entschieden hat, sondern die Art und Weise, wie er sie gemalt hat.

Apropos Malerei: wie hat es Sie eigentlich irgendwann von dort zum Film verschlagen?

Das war der Zufall. Mit dem Malen habe ich schon in jungen Jahren angefangen. Ich ging auf ein Kunst-Gymnasium und zunächst habe ich diesen Weg zielstrebig verfolgt. Porträtmalerei war meine Spezialität, und mit der Zeit fing ich an, mich für den Blick durch die Kamera zu interessieren. Irgendwann beschloss ich, selbst einen Kurzfilm zu drehen. Das war Mitte der beunziger Jahre, und damals rief Nanni Moretti gerade in Rom das Filmfestival für Kurzfilme ins Leben. Aus 700 Einreichungen wählte er 20 Filme aus – einer davon war meiner. Als ich sogar einen Preis gewann, war für mich klar, dass ich meine neue Berufung gefunden hatte. 

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