Filmfestival in Istanbul

»Araf«

»Araf«

Die Stimmung ist überraschend entspannt. Aber es werden weniger explizit politische Filme gezeigt auf dem Filmfestival in Istanbul. Regisseure und Regisseurinnen suchen sie Auseinander­setzung auf Umwegen

Auf dem Taksim-Platz ist die Baustelle nicht zu übersehen. Die Oper wird durch eine Moschee ersetzt, die als Gerippe unschwer zu erkennen ist. Währenddessen wiederholt sich beim 37. Filmfestival in Istanbul eine Aussage: In diesen Zeiten kann im Land alles geschehen. Darin schwingt ein Sinn für das Unberechenbare mit, für eine unabdingbare Vorsicht und für die Willkür politischer Gewalt – aber auch die Hoffnung darauf, dass Veränderungen möglich bleiben. Ein Jahr vor der Wahl kann beim Festival trotz der autoritären Zensurpolitik der Regierung von Resignation nicht die Rede sein. Türkische Kollegen beschreiben die Straßen der Stadt zurzeit als ruhig. Und die Stimmung der Gäste ist vergleichsweise entspannt, nachdem es in den von Anschlägen überschatteten Vorjahren Schwierigkeiten gab, Jurymitglieder von einer Reise in die Türkei zu überzeugen.

Diesmal sind viele angereist: JournalistInnen, Filmemachende, eine Branchendelegation. Der Unterschied zu anderen Veranstaltungen im Ausland ist kaum wahrnehmbar. Es gibt die gängigen Festivalgespräche, die Nachwuchstalenten Strukturen erklären und internationale Perspektiven für das türkische Kino aufzeigen. Natürlich zeigt sich darin vor dem Hintergrund der politischen Lage eine entschlossene Suche nach Alternativen zur staatlichen Filmförderung.

Denn die direkte Konfrontation ist schwierig. Festivalleiter Kerem Ayan meint, beim Festival werden weniger und weniger ausdrücklich politische Filme eingereicht. Der Rahmen wird wichtiger: In diesem Jahr gibt es erstmals eine Sektion für Filme von Frauen. Die offenen Konflikte der Kinoszene mit der Regierung liegen etwas zurück: Die Petitionen und Demonstrationen von Filmemachenden gegen abgesagte Filmvorführungen in Ankara (2014) und Istanbul (2015) sind noch gut im Gedächtnis. Ebenso die Kämpfe um die Schließung des Emek-Kinos, einst ein wichtiger Spielort des Festivals. Oder die Petition der »Filmmakers for Peace« von 2016, die sich gegen staatliche Militäraktionen richtete. Vielen UnterzeichnerInnen der Petition – und damit wichtigen Vertretern des türkischen Kinos – wird seit 2017 die Förderung verweigert. Das macht ihre Arbeit schwierig bis unmöglich.

Während die Etablierten weiter kämpfen müssen, entwickeln viele jüngere Filme Strategien der Vermeidung. Einige Arbeiten des Programms begeben sich ins Abstrakte, um von dort ihre Fragen an die Gesellschaft zu richten. Etwa »Sideway« (»Yol Kenarı«) von Tayfun Pirselimoğlu oder der kurze Dokumentarfilm »Araf« von Didem Pekün. »Four Cornered Triangle« (»Dört Köşeli Üçgen«) von Mehmet Güreli beschäftigt sich geradezu obsessiv mit dem Sehen: »Die Wahrheit zeigt sich denen, die sie sehen wollen.« Das meint der Held des Films und stellt sich allen Leuten folgerichtig als Beobachter vor. Er starrt stur wie ein Esel in die Kamera und zum Publikum. Gürelis Film erkundet die Klarheit von Fakten und Betrachtungen. An einem Fakt ist niemand schuld. Vielmehr gilt es, zu den Fakten eine unmittelbare Haltung einzunehmen. Ein Film, der im Grunde unbeholfen ist, aber besonders prägnante Fragen formuliert.

»The Pillar of Salt« (»Tuzdan Kaide«), der erste Film des nur 24 Jahre jungen Burak Çevik ist in Istanbul im nationalen und internationalen Wettbewerb zu sehen, er lief bereits bei der Berlinale. Sein Zugang zum Kino führt über Umwege, er hat mit Performancekünstlerinnen einen Film ohne Männerfiguren inszeniert. Das allein funktioniert in der Türkei als klares Statement und Provokation. Beim Gespräch stehen rund 15 Frauen auf der Bühne. Der Film erzählt lose von zwei Schwestern, die voneinander entfremdet sind. Eine scheint nicht mehr zu altern, stellt sich in einem Gespräch als Teilzeitvampir vor. Der Film ist sperrig. Am Ende ist der Bauplan eines Grabheiligtums zu sehen, erläutert von einer Stimme und begleitet von Klängen. Was nicht zu sehen ist, das muss man sich vorstellen.     

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