11/2020

In diesem Heft

Tipp

V wie Virus. Oder Vampir: Elisabeth Bronfen ergründet den »pandemischen« Gehalt von literarischen Texten und populären Filmen – mit oft überraschendem Ergebnis
Bonbonbunt: Die französische Produktion »Der verlorene Prinz und das Reich der Träume« von Michel Hazanavicius erscheint am 26.11. als Direct-to-DVD-Titel
Auf der Suche nach dem Wasser: »Latte Igel und der magische Wasserstein« ist auf DVD/Blu-ray und im Stream (Prime Video) verfügbar
Zynisches Business: Die norwegische Serie »Exit« über vier Börsenmakler
Wie General Custer: Sein einst verstümmeltes Epos »Major Dundee« als Mediabook und ein Film, zu dem der Regisseur das Buch schrieb: »Die glorreichen Reiter«
2. bis 8. November, Online – Die Duisburger Filmwoche und doxs#19 stellen ihre Wettbewerbsfilme, Filmgespräche mit den Autor*innen sowie zusätzliche Texte und Podcasts dieses Jahr im Online-Angebot vor.
Der Außenposten: »Waiting for the Barbarians« mit Johnny Depp und Robert Pattinson als DVD-Premiere
Fahrlässig: »Rohwedder« bietet spannendes Anschauungsmaterial neben Verschwörungstheorien
Unter Nerds ist Geschlecht Nebensache, zumindest in der Serienadaption »High Fidelity« (zu sehen bei Starzplay)
Gut verdienende Familien in schicken Appartements mit Kindern in Privatschulen und dann ein Mord: »The Undoing« hat viel mit »Big Little Lies« gemein, bis hin zur Hauptdarstellerin Nicole Kidman. Ab 30.11. bei Sky
Die Macht der Jacke: Jean Dujardin unter Einfluss in der DVD-Premiere von »Monsieur Killerstyle«
Wohnungssuche? Albtraum! »Vivarium« von Lorcan Finnegan als DVD-Premiere
Irrational bis pathologisch: Christian Kessler würdigt eine italienische Version des Thrillerkinos: den Giallo
Unbekannt aus Funk und Fernsehen: Die Kurz-Comedy-Serie »Für Umme« (Amazon Prime Video) nimmt sich die Demütigungen eines Schauspielers beim Casting vor
Online, 19.–22.11. – Kino als Utopie: Das ist das Motto des Transit Filmfests Regensburg. Im Mittelpunkt stehen Filme, die sich im weitesten Sinne mit Konzepten der Utopie/Dystopie beschäftigen. Gezeigt werden unter anderem die Filme »Giraffe« und »Ema«.
Online, 17.–22.11. – Unter dem Motto »Zurück ins Kino« werden beim 37. Kasseler Dokfest über 200 Kurz- und Langfilme und 17 Medieninstallationen auf der Webseite zu sehen sein. 
Online, 13.–22.11. – In Kooperationen mit den regionalen Festivals Terza Visione und Verso Sud sowie der Kinothek Asta Nielsen legt das Exground Filmfest seinen Schwerpunkt dieses Jahr auf Italien. In rein digitaler Form werden aktuelle Werke sowie Filmklassiker gezeigt.
Online, 12.–22.11. – Das Festival hat sich der Förderung des internationalen Autorenkinos verschrieben. Mit neuen Preisen: Unter anderen wird der Rainer-Werner-Fassbinder-Award für das beste Drehbuch eingeführt. »The Death of Cinema And My Father Too« ist der Eröffnungsfilm.
Das Festival des deutschen Kinos, das mit »Und morgen die ganze Welt« von Julia von Heinz eröffnet wird, veranstaltet in seiner reinen Online-Ausgabe einem Spielfilm-, Dokumentarfilm- und Kurzfilmwettbewerb.
Lübeck/Online, 4.–8.11. – Die europaweit einzigartigen Nordischen Filmtage Lübeck feiern die skandinavische, baltische und norddeutsche Filmkunst. Zu sehen sind dieses Jahr unter anderem »Unser Mann in Amerika« und die dänische Serie »Der Wolf kommt«. Als neues Format gibt es den Jugendjurypreis, bei dem eine Jury aus Mitgliedern im Alter von 13 bis 17 Jahren einen Film auswählt, der sich Jugendthemen widmet.
Lünen, 9.–12.12. – Beim Filmfest in Lünen steht der deutsche Film im Mittelpunkt. Bei der coronabedingten kleineren Variante des Kinofests Lünen werden von den vier vergebenen Preisen drei vom Publikum selber verliehen.
Cottbus/Online, 8.-31.12. – Das Filmfestival Cottbus setzt seinen Schwerpunkt auf den osteuropäischen Film. In der 30. Jubiläumsausgabe wird das Angebot (150 Filme) als bundesweites Streaming-Angebot über die Festivalwebsite abrufbar sein. Die Filmreihen beschäftigen sich dabei besonders mit historischen Themen anlässlich des 75. Jahrestags des Endes des Zweiten Weltkriegs und des 30. Jahrestags der deutschen Einheit.
Online, 2.–8.11. – Junges europäisches Kino auf hohem Niveau bildet einen Schwerpunkt des Festivals, das es seit 1987 gibt. Zu den Schwerpunkten gehören weiterhin in diesem Jahr internationale Dokumentarfilme, neue deutsche Filme und ein Fokus auf das Filmland Kanada. Das Festival findet in diesem Jahr ausschließlich online statt.
Das Ende von schöner Wohnen: »In den Gängen«-Regisseur Thomas Stuber hat mit »Hausen« eine fulminante Horror-Miniserie gedreht. Ab 29.10. als Sky Original
Hitchcocks Daphne-Du-Maurier-Adaption »Rebecca« kam vor 80 Jahren heraus und dennoch muss sich Ben Wheatleys Neufassung noch immer an ihr messen. Der Vergleich in jedem Fall ist interessant
Die Ausstellung »Hautnah« im Filmmuseum Berlin feiert die große Kostümbildnerin Barbara Baum
Kinostart verschoben. Eine Mexikanerin sucht ihren verschollenen Sohn, der sie verließ, um in die USA zu gelangen. Der Debütfilm greift eine Reihe spannender, hochaktueller und brisanter Themen auf, bleibt jedoch inhaltlich zu vage und im Tonfall zu distanziert, um zu fesseln oder aufzurütteln
13. bis 22. November, Online – Das internationale Festival des deutschen Film-Erbes 2020 findet online statt. Die Teilnahme am Kongress ist per Live-Stream möglich. Ausgewählte Filme werden online verlinkt.
11. bis 13. November, Online – Das internationale Kurzfilmfestival in Berlin ist mit rund 350 jährlich präsentierten Filmen eines der größten und ältesten seiner Art. Die 36. Ausgabe findet ausschließlich online statt.

Thema

Zurück in eine Zeit, in der Frauen noch Frauen und Männer Kerle waren? Der Zug war schon vor 50 Jahren abgefahren, als ein radikaler kleiner Film Geschlechter und Identitäten »psychoaktiv« entgrenzte
Er ist der Mann, der Filme möglich macht. Nicht irgendwelche. Sondern große Autorenfilme wie die von Ang Lee. James Schamus produziert, schreibt Drehbücher, inszeniert und lehrt. Ein Porträt
Auffällig wurde Lance Henriksen als Android vom Dienst in »Aliens«. Seitdem hat er immer gearbeitet – in Horrorfilmen und Western, auf B-Niveau oder im Kultsegment. Jetzt spielt er die Hauptrolle in Viggo Mortensens Regiedebüt
Comicverfilmungen haben einen speziellen Sound. Batman klingt anders als die Guardians oder Black Panther. Und, nein, mit »Pow« ist das nicht erledigt. Die Komposition von Musik für Superheldenfilme ist ein eigenes Metier und wird oft unterschätzt
Viggo Mortensen über die Macht der Vergangenheit, sein Leben in einer mehrsprachigen Familie und sein Regiedebüt »Falling« 
Unsere "steile These" des Monats November

Meldung

In diesem Jahr fand das dem mittel- und osteuropäischen Film gewidmete Wiesbadener goEast-Festival dreimal statt: ausschließlich online zum traditionellen Termin im Mai, als Symposium mit Publikum im Juli – und jetzt im November im Kino
Andres Veiel, 61, Regisseur und Autor, wurde bekannt mit politisch-zeitgeschichtlichen Filmen wie »Black Box BRD« und »Der Kick«, hat aber auch eine Affinität zu Theater und Kunst (»Die Spielwütigen«, »Beuys«). Am 18. November läuft in der ARD sein erster TV-Film an, das Drama »Ökozid«
Das Internationale Filmfest Oldenburg gehört zu den wichtigsten Veranstaltungen in Sachen Independentfilm in Europa. Mit einem gewohnt gut gemischten Programm ging es in diesem Jahr seine hybride Ausgabe an
Das Internationale Frauenfilmfestival Dortmund/Köln legte in diesem Jahr neben seinem gewohnten Programm einen filmischen Schwerpunkt auf: »Nach der Wende 1990 | 2020« 
San Sebastián war das erste A-Festival nach Venedig, das wieder physisch stattfand – mit einer klaren Gewinnerin

Filmkritik

Dokumentation einer Suche nach dem perfekten Schwarz – im All, in der Tiefsee, beim Fotografieren oder Malen. Ein bunter Film über ein monochromes Thema
Ein Zwölfjähriger mongolischer Nomade zwischen Moderne und Tradition: Sanft und mit grandiosen Bildern, manchmal ein wenig bedeutungsschwer erzählt Byambasuren Davaa von der Ausbeutung ihres Landes
Die Gratwanderung zwischen blutig-rachlüsternem Psychothriller und einer komplexen Auseinandersetzung mit Nazi-Gräueltaten und Kriegstraumata gelingt dem israelischen Regisseur Yuval Adler in seinem zweiten englischsprachigen Film nur bedingt. Immerhin wissen Noomi Rapace, Chris Messina und Joel Kinnaman in den Hauptrollen zu überzeugen
Keine schwule Liebesgeschichte, sondern ein Film über die Barrieren der toxischen Männlichkeit, die dieser Liebe im Weg stehen. Leider bietet Xavier Dolans Inszenierung hier nichts, was man von ihm nicht schon gesehen hätte
Kai Ehlers spürt in seinem ungewöhnlichen Dokumentarfilm der Geschichte eines Sonderlings nach. Mit großer Kreativität gelingt es ihm, einen unter den Nazis als verrückt verfolgten und in der BRD als Sozialfall missachteten, eine eigene Stimme und entsprechend Würde zu verleihen
Michael Venus verknüpft in seinem atmosphärischen dichten Spielfilmdebüt klassische Schauermärchenmotive mit Reflexionen zu aktuellen politischen Entwicklungen. Das Horrorgenre trifft auf den deutschen Heimatfilm und bringt so das zum Vorschein, was der immer verleugnet hat
Barbara Ott erzählt in ihrem schmerzhaft konsequentem Spielfilmdebüt von einem Amateurboxer am existenziellen Abgrund, der in großer Notlage und Verzweiflung sich und seine drei Kinder durchzubringen versucht. Ein einnehmendes, manchmal an der Karikatur kratzendes Sozialdrama mit einem preiswürdig aufspielenden Jannis Niewöhner
Now
Dass Greta Thunberg nicht allein ist, zeigt dieser wichtige und informationsreiche Film, in dem die jungen Protagonist*innen zahlreicher weiterer klimaaktivistischer Bündnisse und Projekte zu Wort kommen und ihre Arbeit vorstellen. Über den etwas irrationalen Schnitt und die nervig optimistische Musik gilt es allerdings hinwegzusehen/hören
Eine Woche im Leben einer Familie, deren Mitglieder ganz unterschiedlich auf das erratische und aggressive Verhalten des von mehr und mehr von Demenz geplagten Familienpatriarchen reagieren. In seinem Regiedebüt lässt Schauspieler Viggo Mortensen seine ganz persönliche Erfahrungen durch die fiktive Erzählung des Films hindurchschimmern
Charmant, komisch und ergreifend erzählt Icíar Bollaín von einer 45-Jährigen, die sich nach Jahren der Aufopferung als Zeichen der Selbstachtung selbst heiraten will. Großartig besetzt mit Candela Peña als Rosa
Eine Mexikanerin sucht ihren verschollenen Sohn, der sie verließ, um in die USA zu gelangen. Der Debütfilm greift eine Reihe spannender, hochaktueller und brisanter Themen auf, bleibt jedoch inhaltlich zu vage und im Tonfall zu distanziert, um zu fesseln oder aufzurütteln
Sebastián Muñoz inszeniert ein aufgeladenes Gefängnisdrama um Eifersucht, Gewalt und Macht unter Männern, das in seiner Stilisierung an Genet und Fassbinder erinnert und zugleich ein Bild Chiles der frühen 1970er Jahre zeichnet
Die Politfarce über den BND, die CIA und den angeblichen Insider des irakischen Militärs mit Decknamen »Curveball« nimmt mit angemessen sarkastischem Tonfall die Mischung aus Ehrgeiz, Dummheit und Skrupellosigkeit aufs Korn, die der US-Invasion im Irak 2003 den Weg bereitete. Auch wenn nicht jeder Gag zündet: ein spannender Blick auf den immer beliebter werdenden flexiblen Umgang mit Fakten, der damals seinen Anfang nahm
In diesem Dokumentarfilm wird nachgezeichnet, wie sich Politikerinnen in der Bonner Republik ihren Platz erkämpften, wobei neben Kurzporträts jener Pionierinnen ein Abriss der politischen Höhepunkte der Vorwendezeit skizziert werden
In seinem erst zweiten Spielfilm nach »Martha Marcy May Marlene« von 2011 erzählt Sean Durkin vom Auffliegen von Lebenlügen und dem Scheitern einer einst glänzenden Karriere. Jude Law und Carrie Coon sind großartig als Ehepartner, die zu verbandelt sind, um die Wahrheit über den jeweils anderen erkennen zu können
Nebojsa Slijepcevics Dokumentarfilm erzählt von der Entstehung eines Theaterstücks über die Tötung eines serbischen Mädchens während des Kroatienkriegs. Dem kroatischen Regisseur gelingt ein leise-heftiger Film über Identität und die Wunden der Vergangenheit
Emigholz' experimenteller Diskurs über ein breites Themenspektrum lässt sich einmal mehr eher als Kunst denn als Spielfilm begreifen und stellt eine radikale Herausforderung an die konventionellen Sehgewohnheiten dar
In vier lose miteinander verbundenen Episoden dekliniert Mohhamad Rasulof (»Manuscripts Dont Burn, »A Man of Integrity«) das Tabuthema der Todesstrafe in seiner iranischen Heimat durch. Nicht Verurteilte, sondern Vollstrecker stehen im Mittelpunkt. Ihre ethischen Konflikte verhandelt der Drehbuchautor und Regisseur schillernd und nuancenreich
Anna Koch und Julia Lemke begleiten – erfrischend unsentimental und unromantisch – vier Mädels an unterschiedlichen Orten im US-Westen, die sich für das raue Leben des Rodeo-Kampfs begeistern und es in und mit ihren Familien realisieren
Mit diesem furios inszenierten Animationsfilm über einem Psychologen, der die berühmtesten Gemälde der Kunsthistorie stehlen lässt, setzt Milorad Krstić ein Ausrufezeichen
Der etwas kitschige Weihnachtsfilm konfrontiert die besinnliche Zeit mit der Dramatik um die Rettung eines bedrohten Waldes. Ein Mädchen kämpft entschlossen um dessen Erhaltung
Die bemerkenswerte und bittere Geschichte von Marcel Marceau, seinem Heldenmut und der lebensrettenden Kraft der Kunst im Frankreich des Zweiten Weltkriegs mag von Regisseur Jonathan Jakubowicz filmisch konventionell und auch ein wenig oberflächlich umgesetzt sein. Ihrer Faszination tut das nur bedingt Abbruch
Ein amerikanischer Independentfilm ohne gesellschaftliche Brisanz oder aktuell gewichtiges Thema, und dennoch ein kleines, schüchternes Bravourstück. Andrew Ahn inszeniert die Begegnung einer alleinerziehenden Mutter und ihrem Sohn mit einem Korea-Veteranen (Brian Dennehy in einer seiner letzten großen Charakterrollen) als eine Ballade über Freundschaft, Familie und Vermächtnis: intelligent, diskret und wohltemperiert
Julia von Heinz beschreibt in ihrem autobiografisch inspirierten Film die Radikalisierung einer Studentin in einer Antifa-Gruppe.Politisch hochaktuell, spannend in Szene gesetzt und doch reflektiert. Ein wichtiger deutscher Film
Eine elektrisierende Darstellerin, ein sturer Esel und die Naturkulisse der Cevennen sind die unwiderstehlichen Zutaten dieser bittersüßen Wanderkomödie, in der eine liebeskranke Frau Heilung erfährt
Nathan Grossmans dieses Jahr beim Filmfestival von Venedig uraufgeführtes Porträt der Klima-Aktivistin findet ein behutsames Gleichgewicht zwischen großen Auftritten und Intimität und zeigt neben Mut und kämpferischer Entschlossenheit auch Momente von Selbstzweifeln und Schwäche
Remake eines spanischen Erfolgsfilms, der die vom französischen Hit »Monsieur Claude und seine Töchter« inspirierte Idee des Konflikts von Brautvater und Schwiegersohn in eine etwas laue deutsche Komödie übersetzt. Lediglich das Trio der Hauptdarsteller, Jürgen Vogel, Heiner Lauterbach und Hilmi Sözer rettet den Film vor dem vollständigen Abgleiten
Die Suche der Drachen nach einem nicht von Menschen bedrohten Lebensraum verbindet Coming-of-Age-Geschichte mit aktuellen Themen wie Umweltschutz und Toleranz. Obwohl Cornelia Funke ihre »Drachenreiter«-Abenteuer schon Ende der neunziger Jahre veröffentlicht hat, hinkt die deutsche Verfilmung den »Drachenzähmen leicht gemacht«-Filmen der Kollegen von Dreamworks in vieler Hinsicht hinterher
Gerald Butler muss inmitten eines Meteoriten-Einschlags seinen kranken Sohn und seine kränkelnde Ehe retten: also nichts Neues in diesem Allerwelts-Katastrophenfilm
Robert Clift, der Neffe des Schauspielers, dekonstruiert die Legende seines selbstzerstörerischen Lebens. Der Film gibt dem Hollywoodstar das Leuchten zurück, das er auf der Leinwand haben konnte, verschließt sich aber nicht der Wehmut, die darin lag

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