07/2019

In diesem Heft

Tipp

Netflix schickt fast zeitgleich neue Staffeln zweier Mystery-Hitserien ins Rennen um die Gunst der User. Die deutsche Produktion »Dark« löst sich damit endgültig aus dem Schatten seines großen US-Pendants »Stranger Things«
Die zweite Staffel von »Big Little Lies«, unter der Regie von Andrea Arnold
24. bis 28. Juli, Marburg – Das traditionsreiche, ehrenamtlich organisierte Kurzfilmfestival in Marburg hält den Kontakt zum Amateurfilm bewusst aufrecht. Neben den kuratierten Blöcken, die im Traumagarten unter freiem Himmel visioniert werden können, gibt es mit dem Garagenkino auch eine spontane Möglichkeit für Filmschaffende, ohne Einreichhürden oder Fristen mit ihren Werken auf die Leinwand und vor ein interessiertes Publikum zu gelangen.
18. Juli bis 26. August – Zum 22. Mal bereist die Veranstaltungsreihe Deutschlands bevölkerungsreichstes Bundesland. 19 Filme an 19 Orten sind in etwas mehr als einem Monat zu sehen. Vor jeder Vorstellung läuft ein Kurzfilm mit nordrhein-westfälischem Ursprung.
Frankfurt-Höchst, 17. Juli bis 4. August – Nachdem das Open-Air-Festival 2018 aufgrund von Sicherheitsbestimmungen entfallen musste, ist Shorts at Moonlight zurück – und kündigt die besten Filme aus gleich zwei Jahrgängen an. Auf dem Gelände des Höchster Schlosses am Mainufer präsentiert sich jeweils gegen Abend ein Kurzfilmprogramm. Am 9. und 10. August gastiert das Festival zudem in Oestrich-Winkel.
17. bis 21. Juli, Stuttgart – Das Festival des indischen Kinos findet zum 16. Mal in Stuttgart statt. Ziel ist, Indien in möglichst vielen filmischen und kulturellen Facetten erfahrbar zu machen. Entsprechend ergänzen Vorträge und ein Rahmenprogramm die Filmauswahl. Preise gibt es für den besten Spiel-, Kurz- und Dokumentarfilm, außerdem einen Publikumspreis und eine Auszeichnung für außergewöhnliches soziales oder politisches Engagement.
11. bis 14. Juli, Ludwigsburg –
4. bis 10. Juli, Berlin – Im Wolf Berlin sowie dem Lichtblick-Kino findet eine Retrospektive inklusive Ausstellung mit unveröffentlichtem Archivmaterial zu Roland Klick statt. Klicks Arbeiten sind rare Beispiele wilden und kompromisslosen Genrekinos in der deutschen Filmgeschichte. Auf dem Programm steht sein gesamtes Werk, von den frühen Kurzfilmen Anfang der Sechziger über den Western-Kracher »Deadlock« mit Mario Adorf bis zu seinem letzten Film »Schluckauf« von 1992. Der Regisseur selbst wird mehrfach zu Gast sein.
27. Juni bis 25. August, Dresden – 60 Sommertage am Elbufer vor dem Panorama der Dresdner Altstadt laden zum gemeinsamen Genießen von Kinohighlights im ganz großen Rahmen ein. Bis zu 3500 Sitzplätze stehen zur Verfügung, um sich Filme des laufenden Jahres wie »Cold War«, »Free Solo« oder »Der Junge muss an die frische Luft« zu Gemüte zu führen; dazu gibt es ausgewählte Klassiker und Blockbuster. Auch das Filmfest Dresden ist mit einer Kurzfilmnacht am 12. Juli zu Gast.
Die Ausstellung in der Pariser Cinémathèque erzählt von Federico Fellinis Sehnsucht nach Pablo Picasso
Mit dieser autofiktionalen Geschichte über einen arbeitsunfähigen Regisseur mit Rückenschmerzen, der den Moment seines Coming-outs mit den Mitteln der Kunst wieder einzufangen versucht, gelingt Pedro Almodóvar ein Geniestreich
am Mi., den 31.7. in Frankfurt am Main – epd Film-Autor Ulrich Sonnenschein spricht mit der Regisseurin Doris Dörrie über »Kirschblüten & Dämonen«

Thema

Die Komödie »Tel Aviv on Fire« um eine TV-Serienproduktion löst den Nahostkonflikt mit Hilfe der Popkultur. Nicht untypisch für das neue israelische Kino. Das ist divers, undogmatisch und diskussionsfreudig
Ist es Kunst oder sieht es nur so aus? Die Filme des mexikanischen Regisseurs Carlos Reygadas provozieren und sind nicht leicht zu entschlüsseln
Die gebürtige Belgierin Virginie Efira gilt als die amerikanischste unter den Stars in Frankreichs Kino. Ihre Spezialität sind selbstständige Frauen, die schon mal den Kopf verlieren, aber nie ihren Sinn fürs Pragmatische
Unsere "steile These" des Monats Juli
Peter Jackson macht aus Archivfilmen zum Ersten Weltkrieg mit Farbe und neuem Ton ein regelrechtes Kinoerlebnis. Das wirkt emotionalisierend, ist aber ästhetisch zwiespältig

Meldung

Ekstastisch, entfesselt, zu Tode betrübt und offensiv gesellschaftskritisch: Auf dem Frankfurter Festival Nippon Connection zeigte sich das Filmland Japan in beeindruckender Spannweite
Mit einem Rekord von 52 000 Besuchern ist das DOK.fest München jetzt das größte deutsche Dokumentarfilmfestival. Ein großes Thema in diesem Jahr war das Verhältnis von Mensch und Natur

Filmkritik

Die Liebe eines jungen DDR-Bürgers zu einer französischen Tänzerin, die er bei Dreharbeiten im DEFA-Studio kennengelernt hatte, wird durch den Mauerbau jäh beendet. Doch dann fasst er einen wahnwitzigen Plan, um sie wiederzutreffen. Seine Liebesgeschichte verknüpft »Traumfabrik« mit einer Liebeserklärung an Macht und Magie des Kinos, wobei der Schauplatz immer wieder für Doppelbödigkeiten verschiedenster Art gut ist
Den Sommer 1976 verbringt der vierzehnjährige Bobby erneut mit seiner Familie in ihrem Ferienhaus in den Catskills. Zu den Zweifeln an sich selber (wegen seiner Übergewichtigkeit) gesellen sich die Beleidigungen und Erniedrigungen durch einen verbitterten Einheimischen. Am Ende des Sommers allerdings hat Bobby einen Lernprozess gemacht. »Measure of a Man« ist ein einfühlsamer Coming-of-Age-Film, inszeniert vom Sohn von Ken Loach
Handwerklich überzeugend inszenierte Dokumentation über einen Ausnahmefußballer, dessen Erfolgsgeheimnis mit seiner inneren Ruhe und einer echten Bescheidenheit zusammenhängt: Toni Kroos
Die verträumte Cleo geht in Berlin auf Schatzsuche nach einer Uhr, mit der man die Zeit zurückdrehen kann. Erik Schmitts Langfilmdebüt ist ein wie in Zuckerwatte und Kitsch gehülltes Märchen, das von einer fantasievollen Inszenierung à la Michel Gondry lebt
Carlos Reygadas neuer Film zeichnet – wohl teils autoreflexiv – das Porträt einer Ehe und eines Künstlers, überzeugt aber vor allem in großen, quasi für sich selbst stehenden Kinobildern
Männer, denen das Wasser bis zum Halse steht: Gilles Lellouche verwandelt den bereits mehrfach verfilmten Stoff in eine herrlich übellaunige Komödie mit schlechten Witzen und dem richtigen Bauchgefühl
Der französische Filmemacher Yann Gonzalez geht mit »Messer im Herz« seinen gänzlich eigenen Weg konsequent weiter. Seine Hommage an die Pariser Pornofilmszene der späten 70er Jahre ist zugleich eine wundervolle Verbeugung vor den Thrillern jener Jahre. So kann er dem Kino eine ganz besondere Magie zurückgeben
In seinem Plädoyer für die Würde und Gleichberechtigung der Menschen will Regisseur, Drehbuchautor und Hauptdarsteller Emilio Estevez zu viel. Unfreiwillig gerät seine Figur in die Belagerung einer öffentlichen Bibliothek durch Obdachlose, die vor der Kälte Zuflucht suchen. Die Situation droht zu eskalieren, und ein Held wird geboren: »Ein ganz gewöhnlicher Held«
Aufschlussreich dokumentiert das Farmerehepaar Chester seine Erfolge und Rückschläge während der mühsamen Verwandlung einer verdorrten kalifornischen Landschaft in eine blühende Ökofarm: »Unsere große kleine Farm«
Angesichts des nahenden Auszugs ihrer Tochter durchlebt in dieser gefühlsbetonten Familienkomödie die Mutter eine Krise, in der Sandrine Kiberlain ihr komödiantisches Talent zur Geltung bringen kann
Ein Film, der anders sein will – und sich tatsächlich souverän jedem Geschmacksurteil entzieht. »Das melancholische Mädchen« ist ein extrem künstlerisches Experiment mit künstlichen Räumen und Figuren
Das Regiedebüt der Schauspielerin Katharina Wackernagel: eine turbulente Reise ­zweier Schwestern in einem Feuerwehrauto nach Norwegen. Nicht jeder Einfall zündet
Ein Fremder kommt in eine Stadt und räumt gründlich auf: Die Story kennt man aus zahllosen Western, hier aber dient sie einer bitteren Kritik am gesellschaftspolitischen Stillstand im Post-Apartheid-Südafrika
Santa bekommt den Auftrag, auf den Dissidenten Andrés aufzupassen. Der kubanische Regisseur Carlos Lechuga hat die Geschichte ihrer kurzen Freundschaft als ein Kammerspiel unter freiem Himmel in Szene gesetzt
Die Versöhnung eines Parisers mit seinem chinesischstämmigen Vater dient in dieser Tragikomödie als Anlass zur Erforschung des »quartier chinois« und der Gefühlslage von Emigranten, wobei leider zu oft auf Déjà-vus zurückgegriffen wird: »Made in China«
Nikolaus Geyrhalter widmet sich in einer sinnlich und argumentativ beeindruckenden Rundumsicht den materiellen Attacken auf die Oberfläche unseres Planeten durch den Menschen: »Erde«
Zweites Animationsfilmabenteuer der vierbeinigen New Yorker Großstadtneurotiker, das diesmal in der übertriebenen Fürsorge des Terriers Max für das Baby seiner Herrin einen emotionalen Kern hat. Der allerdings wird nie so weit entwickelt wie bei Pixar oder Disney
Aus der Verfilmung von Robert Moores minutiös recherchiertem Bestseller »A Time to Die« über das Unglück des russischen Atom-U-Boots Kursk will Thomas Vinterberg das menschliche Drama destillieren, verliert sich aber in den komplexen Verflechtungen von Militär, Politik und Privatleben
Eine Pflegerin in einer katholischen Seniorenresidenz wird Opfer eines sexuellen Übergriffs und lehnt sich auf gegen das System des Stillschweigens. Marco Tullio Giordana inszeniert den David-gegen-Goliath-Kampf mit besonnener, einfühlsamer Dramatik: »Nome di donna«
Ein reicher Russe will seine Villa auf die Wiener Schwedenbrücke bauen und findet bald genügend interessierte Windbeutel, die die Hände aufhalten. Die aberwitzige Idee dieser wilden Komödie wurde mittlerweile von der Realität sogar noch überholt – was ihr, wenn sie nicht grade mal wieder ins Albern-Derbe ausbricht, die Schärfe einer Politsatire verleiht: »Kaviar«
Das Porträt einer Langzeitarbeitslosen, die in eine Spirale aus Not und Betrug gerät, gewinnt allein durch das beeindruckende Spiel Michelle Pfeiffers an Interesse. Die Geschichte selbst bleibt unausgegoren und wirkt am Ende nur trivial: »Wo ist Kyra?«
Das warmherzig inszenierte Roadmovie über einen fußballfanatischen Exilbrasilianer jüdischer Herkunft, der während der WM 2014 die Nähe zu seinem entfremdeten Sohn sucht, überzeugt durch die Thematisierung des Unausgesprochenen: »Back to Maracanã«
Eine junge, brillante Physikerin sorgt dafür, dass das Gleichgewicht des Schreckens gewahrt bleibt, und leitet die Forschungsergebnisse des britischen Atombombenprogramms nach Russland weiter. Aus dem faszinierenden Stoff macht Trevor Nunn eine eher uninspirierte Erzählung: »Geheimnis eines Lebens«
Samel Zoabis Komödie »Tel Aviv on Fire« handelt gleich zweifach von einem kleinen Grenzverkehr: zwischen Palästina und Israel sowie zwischen Leben und Fiktion. Der frisch gebackene Autor einer in Ramallah entstehenden Seifenoper und der Kommandant eines Kontrollpunkts tun sich zusammen, damit diese nicht mehr ganz so antizionistisch ist
Mit spektakulären, bislang unveröffentlichten Aufnahmen aus NASA-Archiven erzählt der dokumentarische Abenteuerfilm »Apollo 11« die erste Mondlandung nach – sehr spannend und beeindruckend montiert, aber leider auch so arm an Information wie an Kontemplation, ganz auf die Action fixiert
Filmen im Rahmen verwandtschaftlicher Verwicklungen ist riskant – und scheitert in diesem Porträt einer exzentrischen Großmutter aus Mexiko Stadt an zu viel Nähe
Gerd Conradt diskutiert mit Protagonisten aus Kunst, Politik und Wissenschaft die zweifelhaften Methoden der digitalen Gesichtserkennung. »Face_It!« ist ein Gedanken anregender, kritischer und politisch wichtiger Film, der teils unnötig pädagogisch daherkommt
Drei Fabrikarbeiterinnen geraten dank einer bizarren Fügung an eine Tasche voll Geld. Alsbald sind ihnen Drogenhändler und ein undurchsichtiger Polizist auf den Fersen. Allan Mauduit jagt seine Hauptdarstellerinnen (Cécile de France, Yolande Moreau und Audrey Lamy) von einer Bredouille in die nächste und lässt ihnen wenig Raum, ihr komödiantisches Talent zu entfalten
Mit dieser autofiktionalen Geschichte über einen arbeitsunfähigen Regisseur mit Rückenschmerzen, der den Moment seines Coming-outs mit den Mitteln der Kunst wieder einzufangen versucht, gelingt Pedro Almodóvar ein Geniestreich: »Leid und Herrlichkeit«
Weniger ein Finale als eine Extratour für Mutantin Jean Grey, verbindet der zwölfte X-Men-Film erneut das psychische Drama von Ausgestoßenen mit visuell ausgefeilter Action, ist inhaltlich allerdings bis zur Lächerlichkeit überfrachtet
Der vor zwanzig Jahren noch frischen Idee, dass die Aliens bereits mitten unter uns sind, haucht die Fortsetzung »Men in Black: International« leider kein neues Leben ein. Unerhebliches Sommerkino, das nur der beherzte Auftritt von Tessa Thompson vor dem sofortigen Vergessen rettet
Superman auf den Kopf gestellt: Nachdem er von liebenden Ersatzeltern aufgezogen wurde, entdeckt ein Zwölfjähriger seine Alienherkunft und die dazugehörigen Superkräfte.­ Und setzt sie ein. »Brightburn« ist mäßiger Horrormischmasch mit Retrotouch
In seinem federleichten Was-wäre-wenn-Popmärchen macht Danny Boyle einen unbekannten Singer/Songwriter zum einzigen Menschen, der sich nach einem globalen Stromausfall noch an die Beatles erinnert. Trotz einer arg schablonenhaften Lovestory überzeugt der Film mit dynamischer Inszenierung und pfiffigem Witz
Um das ökologische Gleichgewicht der Welt wieder herzustellen, schlägt die Natur in Form gewaltiger mythologischer Fabelwesen zurück um die Menschheit auszumerzen. Bildgewaltiges Monsterkino aus Hollywood, das formal nichts mehr mit den artifiziell und poetisch angelegten Phantasiewelten der japanischen »Godzilla«-Filme gemein hat

Film