12/2017

In diesem Heft

Tipp

9. bis 10. Dezember, Paderborn – Das Wochenend-Seminar der Akademie Schwerte des Erzbistums Paderborn nimmt ausgewählte deutsche Filmproduktionen aus der Zeit des Nationalsozialismus in den Fokus. Untersucht werden Filme, die spezielle Feindbilder konstruierten und Eskapismus in kriegerischen Zeiten boten. Eine Anmeldung auf der Website ist notwendig
14. bis 17. Dezember, Frankfurt am Main – Der Verein »Kinothek Asta Nielsen« hat sich auf besondere Filmarbeiten von Frauen aus Geschichte und Gegenwart spezialisiert. Gewürdigt in Form eines Festivals wird die ungeheuer produktive neapolitanische Pionierin der Stummfilmzeit Elvira Notari. Nur drei ihrer sechzig Spielfilme sind erhalten – sie werden in restaurierten Fassungen gezeigt. Untermalt werden die Filme, zu denen auch Kurzfilme und Fragmente gehören, mit neu komponierter, live vorgetragener Filmmusik. Ein vielfältiges Rahmenprogramm, unter anderem mit internationalen Filmhistorikern, rundet das Festival ab
9. Dezember, Berlin – Zum 30. Mal verleiht die Europäische Filmakaemie (EFA) den Europäischen Filmpreis im Haus der Berliner Festspiele. Nominiert für die Kategorie »Europäischer Film 2017« ist unter anderem der Film des Monats Dezember der Evangelischen Filmjury: das ungewöhnliche Aids-Drama »120 BPM«
7. Dezember bis 14. Dezember, Berlin – Anlässlich des 50-jährigen Jubiläums der Städtepartnerschaft zwischen Berlin und Los Angeles initiierten das UCLA Film and Television Archive und die Deutsche Kinemathek dieses Projekt, das dem Publikum in beiden Metropolen die Gelegenheit bietet, vielfältig-charakteristische Werke der Partnerstadt zu sichten. Die Filme aus L.A., neben Noir-Klassikern auch Off-Hollywood-Produktionen, werden als Reihe im Kino Arsenal vorgestellt; der Eröffnungsfilm ist »Private Property« von Leslie Stevens
Camillos Porträt einer Reihe von »Act up«-Aktivisten, die in den 90er Jahren in Paris für die Rechte der Aids-Opfer kämpfen, ist eine Hommage an Streitbarkeit und Fantasie
Am So., den 17.12. in Frankfurt am Main – epd-Film-Redakteur Rudolf Worschech spricht mit Lola Randl über ihren Film »Fühlen Sie sich manchmal ausgebrannt und leer?«

Thema

Sie hat jedesmal Angst, wenn sie einen Film anfängt. Das merkt man dem Werk der französischen Regisseurin Claire Denis aber nicht an: Sie rückt ihren Figuren auf den Leib, nimmt Genres, Schauplätze und Seelenzustände auseinander. Ein Porträt von Gerhard Midding
In den neuen »Star Wars«-Filmen steht er als General Hux auf der dunklen Seite der Macht. Typischerweise aber spielt der Ire Domhnall Gleeson Figuren mit Idealen, Leute, die versuchen, das Richtige zu tun. Das gibt ihm in unseren unsicheren Zeiten eine fast unwiderstehliche Aura
Unsere "steile These" des Monats Dezember
Ein Hauch von Transzendenz zum Jahreswechsel: Unsere Autoren stellen die sympathischsten und unterhaltsamsten Geister der Filmgeschichte vor
Immer mehr Künstler und Filmemacher experimentieren mit der Virtual Reality-Technik. Jens Balkenborg hat sich im »Raumfilm« umgeschaut

Meldung

Wenn man in Kategorien des Nationalen denkt, dann war die diesjährige Duisburger Filmwoche für Österreich ein Triumph. Drei der fünf Auszeichnungen des dem deutschsprachigen Dokumentarfilm gewidmeten Festivals gingen dorthin
60. Internationales Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm: Im Deutschen Wettbewerb zeigte sich, dass manchmal das Konventionelle weiter trägt als die Bemühungen um Originalität
200 Filme, über 32.000 Zuschauer, zum ersten Mal eine kleine ­Kuppelkonstruktion für interaktives Kino und Rundumfilme – die 59. Nordischen Filmtage in Lübeck waren ein voller Erfolg
Felix Randau, Jahrgang 1974, Regisseur, wurde mit »Northern Star«, dem Porträt einer eigen­willigen 18-Jährigen, bekannt. Sein dritter Spielfilm »Der Mann aus dem Eis« startet am 30.11.

Filmkritik

Dass Frauen sich auf der Leinwand zwischen Drinks und zwanglosem Sex gerne genauso hemmungslos benehmen wie die »Hangover«-Crew ist nichts Neues mehr. Aber »Girls Trip« kommt erfreulich schwungvoll daher und macht nicht zuletzt dank Comedy-Shooting-Star Tiffany Haddish mehr Spaß als vergleichbare Filme der letzten paar Jahre
Detailverliebt und mit pittoresk in Szene gesetztem Paris demaskiert »Madame« die vermeintliche High-Society mit ihrer Verlogenheit ein bisschen zu offensichtlich, dafür aber mit Sinn für Details und feiner Komik
Das Porträt zweier türkischer Frauen, deren Leben auf sehr unterschiedliche Weise von den patriarchalen Strukturen geprägt ist. »Clair Obscur« ist ein teilweise symbolüberfrachtetes, durch radikale Gesellschaftskritik und intensives Spiel der Darstellerinnen aber fesselndes Drama
Dunkler Film über die dunkle Seite der Seele: Zwei Schwestern müssen mit dem Trauma des Mordes an ihren Eltern klarkommen. »Die Vierhändige« ist ein deutscher Genre-Film, der sich sehen lassen kann
In dieser wahren Geschichte eines reichen Kunsthändlers, der sich mit einem Obdachlosen anfreundet, werden die Fragen nach Mitmenschlichkeit weitgehend durch Kitsch übertönt
»Brimstone« ist ein mit voyeuristischer Gewaltdarstellung angereicherter Eurowestern, der nur von seiner hervorragend besetzten Hauptdarstellerin Dakota Fanning vor dem absoluten Aus gerettet wird
Viel Wüste, viel Weite, viel Stille: Eine Frau Mitte 50 strandet in der Einöde, verliert ihre Tasche, findet dafür aber einen charmanten Freund und am Ende vielleicht sich selbst. »Señora Teresas Aufbruch in ein neues Leben« ist ein sehr kontemplatives, existentialistisches Roadmovie mit toller Hauptdarstellerin: Paulina García (»Gloria«)
Der erste englischsprachige Film von Margarethe von Trotta will eine Screwballkomödie über zwei verlassene Frauen in einem New Yorker Loft sein und ist doch nur ein umständlich konstruierter Zickenkrieg: »Forget about Nick«
Camillos Porträt einer Reihe von »Act up«-Aktivisten, die in den 90er Jahren in Paris für die Rechte der Aids-Opfer kämpfen, ist eine Hommage an Streitbarkeit und Fantasie: »120 BPM«
Trotz der aus Lehrer-Schüler-Filmen bekannten Klischees wirkt das französische Musikdrama »La Mélodie« über einen Geigenlehrer und seine Schüler ungewöhnlich authentisch und vermittelt auf unprätentiöse Weise die Segnungen musikalischer Förderung
Ein oberflächlicher Lebemann gewinnt durch die Freundschaft zu einem herzkranken Teenager eine neue Perspektive auf das Leben. Basierend auf einer realen Geschichte wird der gut gespielte Film »Dieses bescheuerte Herz« zu einer äußerst konventionellen Läuterungsgeschichte, der es an emotionaler Wahrhaftigkeit fehlt
Inhaltlich unentschieden zwischen Überlebensdrama, Romanze und dem Neuanfang danach, bezieht »Zwischen zwei Leben« seine Kraft aus der harschen Schönheit verschneiter Landschaften und dem Charisma seiner beiden Hauptdarsteller Kate Winslet und Idris Elba
Entfernt erinnert Sabus Film »Happiness« an die europäischen und amerikanischen Western der 60er und 70er Jahre. Er erzählt sogar eine Rachegeschichte. Aber davon sollte man sich nicht täuschen lassen. Denn Sabu nutzt Genrekonventionen konsequent für berührende Reflexionen über die Natur des Menschen
Furiose Zeitreise in die Jungsteinzeit mit Jürgen Vogel als Ötzi auf Rachefeldzug – mit Anleihen beim klassischen Western
Ein mexikanischer Junge gerät versehentlich ins Totenreich, klärt ein tragisches Familiengeheimnis auf und darf schließlich Musiker werden. »Coco« ist ein Animationsfilm aus dem Hause Pixar, der durch sein ungewöhnliches Setting gefällt, aber mit einer zu sehr auf bewährte Muster setzende Geschichte enttäuscht
Nils Laupert rollt eine siebenjährige Beziehung von ihrem Ende beim Auflösen der gemeinsamen Wohnung auf. Dabei hilft der natürliche Charme von Sylvia Hoeks und Fahri Yardim in »Whatever Happens« über so manche Klippe der schwerfälligen Konstruktion hinweg
Regisseur David Lowery inszeniert eine Geistergeschichte, die den in ein Bettlaken gehüllten Protagonisten in seiner eigenen Ewigkeit gefangen hält. Ein Geisterhaus und der Weltgeist spielen ebenso eine Rolle wie die große Frage, was der Mensch hinterlässt, wenn sein Leben endet. »A Ghost Story« ist ein schöner, philosophischer Film
Mit ihrem so humorvollen wie bewegenden Regiedebüt »Lieber leben« über den Alltag in einer Reha-Klinik definieren die französischen Regisseure Grand Corps Malade und Mehdi Idir das Subgenre des »Behindertenfilms« neu
Mit französischer Leichtigkeit widmet sich Carine Tradieu einer der großen Fragen des Lebens: Was ist Familie? »Eine bretonische Liebe« ist ein großartiger Film, der direkt ins Herz geht
Ein Tag im Leben dreier Frauen, die am Rand von Bukarest anschaffen gehen. Fast dokumentarisch begleitet Regisseurin Alexandra Balteanu in »Vânâtoare« diese Frauen, deren Motivationen größtenteils im Dunkeln bleiben. Das ist schade. Stattdessen fängt sie in ihren Bildern vor allem Trostlosigkeit ein
Thomas Riedelsheimer zweite Arbeit mit dem britischen Land-Art-Künstler Andy Goldsworthy spart die eher profanen Seiten eines heutigen Künstlersdaseins so radikal aus, dass es tieferes Verständnis erschwert
Nach dem Roman von Cornelia Funke wird von einem auf der Erde gestrandeten Weihnachtsmann erzählt. Die Version der Augsburger Puppenkiste ist so traditionell, also mit hölzernen Marionetten an gut sichtbaren Fäden, wie deren Klassiker und insofern geeignetes Familienkino
Anhand einer Willkommensklasse in den Niederlanden zeigt der Dokumentarfilm »Miss Kiet's Children« die sozialen Lernprozesse, die die Flüchtlingskinder in der Schule durchlaufen, und eine Lehrerin, die ihnen mit enormer Aufmerksamkeit, Sensibilität und Klarheit begegnet
Jan Zabeil zeichnet die Konflikte und Kämpfe innerhalb einer Patchwork-Familie zwar psychologisch sehr genau nach. Aber er überlädt das brillant gespielte und inszenierte Drama »Drei Zinnen« auch und sabotiert so selbst seinen psychologischen Realismus
Philippe Lioret erzählt in »Die kanadische Reise« von einer Vatersuche und einer Identitätsfindung, die vor dem malerischen Hintergrund von Québec spielt. Hauptdarsteller Gabriel Arcand und Pierre Deladonchamps glänzen in einem psychologischen Drama, das sacht der Überraschungsdramaturgie eines Thrillers folgt
Claire Denis' erste Komödie »Meine schöne innere Sonne« ist eine bittersüße Chronik amouröser Ungewissheiten, demonstriert von einer hinreißenden Juliette Binoche als Frau auf der Suche nach der großen Liebe
Im irischen Arbeitermilieu sucht eine aggressive junge Frau einen Begleiter für die Hochzeit ihrer besten Freundin – und findet dabei zu sich selbst. »Ein Date für Mad Mary« ist eine wundervoll gespielte, mit großem Feingefühl und leisem Humor inszenierte Mischung aus Charakterstudie und Coming-of-Age-Geschichte
Im Fernsehen ist Adolf Hitler ein Superstar, mit Enthüllungen und Reenactment. Hermann Pölking wählt in »Wer war Hitler« einen neuen Weg: eine Collage, die sich an der Vita des »Führers« entlanghangelt, mit Äußerungen von Zeitgenossen aus dem Off und Archivmaterial
Das Regiedebüt von Hallie Meyers-Shyer mag an die Filme ihrer Mutter Nancy erinnern. Doch wo die nicht selten echten Charme entwickelten, gibt es in »Liebe zu Besuch« meist lahme Plattitüden
Mit ihrer Mischung aus dokumentarischen Philosopheninterviews und einer selbstreflexiven Dekonstruktion einer Berliner Frauen-WG lotet Irene von Alberti in »Der lange Sommer der Theorie« neue filmische Formen aus
Die wohlmeinend gestimmte Momentaufnahme eines vermutlich bald verschwundenen Berliner Biotops, das sich als weiteres Mosaiksteinchen in Praunheims Sittenbilder des subkulturellen Großstadtlebens fügt: »Überleben in Neukölln«
Längst nicht mehr so lustig wie noch beim ersten Mal, sind es das spielfreudige Ensemble und ein paar gelungene Sprüche, die einen ansonsten völlig lieblos zusammengeschusterten »Fack Ju Göhte 3« gerade noch erträglich machen
»Justice League«, der Film, mit dem Marvel-Konkurrent DC das »Avengers«-Rezept kopieren will, hat viele Probleme, aber das größte ist Regisseur Zack Snyder. Der Mann kann einfach nur Macho und Digital-Krawall und das ist mittlerweile selbst im Superheldengewerbe zu wenig
Kenneth Branaghs »Mord im Orient-Express« ist eine etwas rührselige, aber gelungene Neuauflage von Agatha Christies Krimiklassiker. Die Wiederbegegnung mit Hercule Poriot weiß jedenfalls zu unterhalten

Film