Kritik zu Wrong Elements

© Neue Visionen Filmverleih

2016
Original-Titel: 
Wrong Elements
Filmstart in Deutschland: 
27.04.2017
L: 
133 Min
FSK: 
12

Jonathan Littell, als Autor des Romans »Die Wohlgesinnten« bekanntgeworden, widmet seinen ersten Film einem vergessenen afrikanischen Konflikt und porträtiert Täter, die zugleich Opfer sind

Bewertung: 4
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Bereits in seinem preisgekrönten, höchst kontrovers besprochenen Roman »Die Wohlgesinnten« versetzte Jonathan Littell den Leser in die Perspektive eines Gewalttäters: Sein Ich-Erzähler ist ein SS-Offizier, der an der Ostfront und anderswo abscheuliche Verbrechen begeht. Auch die Hauptfiguren seines Dokumentarfilms »Wrong Elements« waren an Massakern beteiligt, töteten Frauen und Kinder. Doch bevor sie Täter wurden, waren sie Opfer. Als 12- oder 13-Jährige wurden sie verschleppt von der ugandischen Rebellenbewegung »Lord’s Resistance Army« , die seit fast 30 Jahren mordend und plündernd durch die Grenzgebiete von Uganda, Kongo und Südsudan zieht. Etwa 66.000 Kinder soll die LRA unter Führung des religiös »inspirierten« Joseph Kony entführt und zu Soldaten gemacht haben – und zu Mördern. Aufgrund ihres Opferstatus gehen sie meist straffrei aus, stattdessen versucht man, sie wieder in die Gesellschaft zu integrieren. Vier von ihnen, zwei Männer und zwei Frauen, heute junge Erwachsene, porträtiert der Film.

Littell, der als Mitarbeiter von NGOs und als Journalist bereits einige Krisengebiete kennengelernt hat, kombiniert mit großer Ruhe Aufnahmen der Landschaften und Dörfer, in denen seine Protagonisten zu Hause sind, mit Archivbildern des Konflikts und erklärenden Inserts. Kernstück seines Films sind ausführliche Interviews, daneben zeigt er seine Protagonisten in Gesprächen miteinander, während sie die Schauplätze von damals aufsuchen. Nostalgische Anwandlungen bleiben dabei nicht aus, denn trotz allem Leid, das sie erfahren und zugefügt haben: Die Zeit bei der LRA war ihre Jugend. »Es war ein Scheißleben, aber es war aufregend.« Lachen und Weinen, der Stolz, die Gefahren überlebt zu haben, und das Entsetzen über die eigenen Bluttaten liegen in den Erinnerungen nahe beieinander.

Littell lässt den Ambivalenzen genug Raum, um allzu oberflächliche Konzepte von Schuld und Unschuld infrage zu stellen. Seine Gesprächspartner geben viel von sich preis, insbesondere die verzweifelte junge Mutter Lapisa und der sanfte Geofrey, der die heilsame Konfrontation mit seiner Schuld und seinen Opfern sucht.

Etwas weniger überzeugend als die bewegenden Gespräche fallen einzelne, wenngleich sparsame Reenactments aus, da sie den Erzählungen kaum etwas hinzufügen. Dafür schafft es Littell mit seinem genauen Blick für Gesten und Körpersprache, seiner Aufmerksamkeit für den Alltag seiner Figuren sowie zwei ästhetischen Entscheidungen dem Film eine unverwechselbare Kontur zu verleihen: Zum einen mit dem Bildformat 4:3, das auch in weiten Landschaften die Aufmerksamkeit auf die Menschen konzentriert. Zum anderen mit europäischer Barockmusik (Bach u.a.), die in spannungsvollem Kontrast zu den Bildern von Savannendörfern und undurchdringlichem Busch steht und die schützende Distanz des »westlichen« Betrachters unterminiert. Auch Littells vorbehaltlose Interviewfragen – sie sind häufig zu hören – tragen dazu bei, dass »Wrong Elements« trotz aller Schwere seines Themas ein schöner Film ist, ein Film, der seine Hauptfiguren mit ihren Widersprüchen akzeptiert und ihren Geschichten jegliche »Buschkrieg«-Exotik nimmt.

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