Kritik zu Wolf and Sheep

© Kairos Filmverleih

2016
Original-Titel: 
Wolf and Sheep
Filmstart in Deutschland: 
07.06.2018
L: 
86 Min
FSK: 
Ohne Angabe

Sharhbanoo Sadat wirft einen zwischen Naturalismus und Fabel schillernden Blick auf den Alltag in einem entlegenen Dorf ihrer afghanischen Heimat. Auf der ­Quinzaine in Cannes wurde sie dafür mit dem »Art Cinema Award« ausgezeichnet

Bewertung: 3
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Die Figuren dieses Films sind geborene Erzähler, gerade so, wie sie geborene Hirten oder Bauern sind. Das Fabulieren entspricht ihrer Natur und gehört ihrem Alltag an, ebenso unverzichtbar wie die Arbeit, das Essen und die Rituale, die von Generation zu Generation weitergegeben werden.
Natürlich ist das Erfinden von Geschichten eine Methode, sich die Welt zu erklären, ein Werkzeug der Erkenntnis. Hier ist es zudem Teil des Lebenshandwerks: ein Zeitvertreib. Das bedeutet auch, dass die Erzählung offen ist. Etwa die Geschichte von Sediquas Großmutter und der halb erfrorenen Schlange, der sie eines Winters Obdach gewährt.

»Warum sagt sie nicht ›Hau ab!‹ zu ihr?« fragt eine der Zuhörerinnen. »Gut, sie sagt ›Hau ab!‹ zur Schlange«, greift die Erzählende den Faden auf. Selten wird das Kinopublikum so unmittelbar Zeuge, wie mündliche Überlieferung funktioniert.

Dabei ist der Wirklichkeit durchaus zu trauen in Sharhbanoo Sadats Langfilmdebüt. Die Regisseurin zeichnet ein Bild ihrer Heimat im Herzen Afghanistans, das von berückender Konkretion ist. Sie betrachtet den Alltag einer Gemeinschaft, die der ethnisch-religiösen Minderheit der Hazara angehört, die ihr hartes, arbeitsreiches Leben in einer Landschaft von malerischer Kargheit zubringt. Sadats Film ist tief verwurzelt in diesem Ambiente und zugleich biografisch verbürgt: Er beruht auf eigenen Erlebnissen und den Tagebuchaufzeichnungen ihres Regieassistenten und Szenenbildners Anwar Hashimi. Aber die Wirklichkeit ist nur ein Aspekt dieses Alltags, der ohne Fabeln, Legenden und Klatsch nicht auskommt. ­
Sadats Blick ist auf die Jungen und Mädchen konzentriert, die die Schafe hüten und das Erwachsensein bei Arbeit und Spiel einüben. Zwar bringt Qodrat der hübschen Sediqa den Gebrauch seiner Steinschleuder bei, aber auch die Geschlechterrollen werden in diesem kleinen Kosmos früh festgelegt.

Eingangs vollzieht sich diese Pastorale in einem beschaulichen Rhythmus von Verrichtung und Betrachtung, der sein visuelles Äquivalent im behänden Wechsel von Totalen und Nahaufnahmen der Gesichter findet. Zwar setzt der Film mit einem Begräbnis ein, aber das entlegene Dorf mutet als geschützter Ort an. Der Bürgerkrieg ist weit entfernt. Dramatischere Ereignisse, die Schlachtung eines Schafes und der Angriff eines Wolfs­rudels, finden außerhalb des Bildkaders statt. Auch darin öffnet sich ein Fenster, das aus der Realität hinausweist und sie zugleich kommentiert. Die Fabel vom Kaschmirwolf, der nachts durch den Kamin in die Häuser eindringt und die Schafe reißt, verweist auf die tatsächliche Bedrohung der Herden. Dass sich in ihm eine grüne Fee verbirgt, die den kleinen Hirten nachts erscheint, ist auch ein Sinnbild für ihre erwachende Sexualität. Etliche Dialoge wurden von den jungen Darstellern improvisiert und stecken zuweilen voll munterer Obszönitäten. Ihre Erzählungen wiederum kreisen nicht nur um das Motiv der Verwandlung, sondern stets auch um das der Bestrafung. Die Gewalt gehört zur Alltagsordnung dieser Welt, der Sharhbanoo ­Sadat nie den Anschein einer Idylle verleiht.

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