Kritik zu Wo die wilden Kerle wohnen

© Warner Bros.

Spike Jonzes Version des Kinderbuchklassikers von Maurice Sendak präsentiert sich als melancholischer Actionfilm

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Schon die Eröffnungssequenz ist Action pur: Von der Handkamera verfolgt, rast Max (Max Records) in einem Wolfskostüm ein Treppenhaus hinauf, tobt durch die Zimmer, trampelt über Sofas, springt auf einen Couchtisch und landet schließlich in heftiger, nicht unbedingt gegenseitiger Umarmung mit seinem Hund auf dem Boden. Jonze lässt keinen Zweifel daran, dass dieser Max selbst ein »wilder Kerl« ist.

Maurice Sendaks Kinderbuchklassiker erklärt nicht, warum Max so außer Rand und Band ist; er zeigt es nur, und genau darin liegt ein Großteil seines Reizes. Aber wenn man aus einem Kinderbuch, das nur aus neun Sätzen und 18 Bildern besteht, einen abendfüllenden Kinofilm machen will, muss man notgedrungen dazuerfinden. Spike Jonze und sein Co-Autor Dave Eggers haben genau das getan – dazuerfunden, vielleicht ein wenig zu viel.

Gleich zu Beginn liefert der Film mehrere mögliche Erklärungen für Max' Wildheit. Da ist der Frust über die ältere Schwester; da ist das Gefühl, der ungeteilten Liebe seiner Mutter (Catherine Keener) nicht mehr sicher sein zu können, weil diese mit Finanz- und Jobproblemen und einem Freund jongliert; und da ist die Trauer über einen abwesenden Vater, von dessen Existenz nur mehr ein Globus mit gravierter Widmung in Maxens Zimmer zeugt. Unter der Zerstörungswut des Krawallmachers steckt eine verletzliche Kinderseele, die Angst hat, zurückgestoßen zu werden, und die darum erst recht »draufhaut«, was das Zeug hält.

Im Buch wird Max wegen seines Ungehörigseins auf sein Zimmer verbannt, in dem bald ein Urwald wuchert und ein Ozean vor der Tür liegt. Leider drückt sich Spike Jonze um den magischen Augenblick, in dem die kindliche Fantasie triumphiert und das Zimmer in einen Urwald transformiert. Im Film rennt Max aus dem Haus, schlüpft durch ein Loch in einem Zaun und kommt zu einem Teich, an dessen Ufer wunderbarerweise ein Segelboot an der Leine liegt.

Aber das ist nur ein kleines Manko. Die »wilden Kerle«, die Jonze und sein Team mit Hilfe von Ganzkörperpuppen und digitaler Manipulation geschaffen haben, sind wunderbar wirklich, schrecklich und anrührend zugleich. Es ist eine Freude, Max und ihnen zuzusehen, wenn sie zu den Songs von Karen O and the Kids trotz Körperfülle scheinbar schwerelos über unebenen Waldboden jagen, Abhänge hinunter rasen, über Büsche springen und – einfach so – Löcher in Stämme schlagen. In einer wunderbaren Szene, in der sich die riesigen Kerle nacheinander auf Max werfen, ist dessen Lust, in diesem Haufen herumzurollen, gestapelt zu schlafen, überall zotteliges Fell und Wärme, beinahe mit den Händen zu greifen. So mancher Zuschauer mag sich an die tröstliche Zuversicht erinnern, die man empfand, wenn man als Kind die Nase im Fell des Lieblingshundes vergrub und dessen Herzschlag spüren konnte.

Vielleicht haben Jonze und Eggers Sendaks Geschichte etwas überpsychologisiert, aber dafür erzählen sie in wunderbaren Szenen und Bildern, dass man Dämonen, auch die eigenen, nur besiegen kann, wenn man ihnen, wie Max den Wilden Kerlen, mit festem Blick in die Augen sieht.

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