Kritik zu Um Gottes Willen

© Kairos Filmverleih

Edoardo Falcones Komödie konfrontiert einen Priester und einen Realisten, wobei der Ausgang weniger voreingenommen erscheint als einst bei »Don ­Camillo und Peppone«

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Sie würden sich für »Götter in Weiß« halten, unterstellt man insbesondere Chirurgen gerne. Familienvater Tommaso, so wie ihn der populäre italienische Charakterdarsteller Marco Giallini spielt, würde diese Zuschreibung ablehnen, weil er überzeugter Realist ist. »Es gibt keine Wunder, ich bin ein guter Operateur«, fertigt er nach einem weiteren erfolgreich verlaufenen Eingriff eine Gruppe von Kollegen und Angehörigen ab. Er sagt es uneitel, weil er es einfach für wahr hält. Genauso wie er für wahr hält, dass er seinem Assistenzarzt keine Operation zutrauen kann und dass die Krankenschwester zu dick ist, weil sie zu viele Kohlehydrate in sich hineinstopft. Wie überhaupt seine ganze Umgebung vor seinem strengen Auge zu versagen droht: Die Tochter redet für seine Ohren dauernd dummes Zeug, ihren Mann nennt er ungeniert einen Kretin, die eigene Ehefrau nimmt er kaum mehr wahr und nun will der Sohn sein Medizinstudium nicht fortsetzen, sondern Priester werden! Da hört das bloße Urteilen für Tommaso auf, er beginnt so allerlei in Bewegung zu setzen, um den Sohn von dieser seiner Meinung nach unsinnigen Entscheidung abzuhalten. Nach einigem Hin und Her verlegt er sich darauf, Don Pietro (Alessandro Gassman), den charismatischen Priester, der den Sohn inspiriert hat, als Scharlatan bloßzustellen. Er geht dafür sogar das Risiko ein, selbst als Betrüger dazustehen.

Ärzte, Priester, Betrüger und Besinnlichkeit: die Zutaten von »Um Gottes Willen« klingen alle nach Fernsehfilmrezept, nach argloser Unterhaltung für das erwachsene Publikum. Aber damit würde man diese kleine, feine Komödie sträflich unterschätzen. Das Regiedebüt des Drehbuchautors Edoardo Falcone nämlich trifft die Stimmungslage des modernen Menschen zwischen Kontrollwahn und Ohnmachtsgefühl punktgenau. Was oberflächlich wie ein leicht ­peinlicher Versuch aussieht, den Katholizismus mit einer Aura modernen Chics als Lösung für moderne Lebensprobleme zu präsentieren, entpuppt sich als ehrliche Bestandsaufnahme über die Grenzen der Macht, die wir über das eigene Schicksal haben.

Die einzelnen Turbulenzen, durch die der Film seine Figuren schickt, wirken vorhersehbar und vertraut. Aber es kommt dann doch immer noch mal anders. Hauptdarsteller Marco Giallini als Tommaso ist dabei eine echte Entdeckung: Mit einem gleichzeitig ausdrucksstarken und sympathischen Gesicht verkörpert er den skeptischen Realisten so bodenständig, unsentimental und überzeugend, dass man seine »Konversion« weniger mit Schadenfreude gegenüber einem Hochmütigen, der fällt, als vielmehr mit Anteilnahme und Entdeckerfreude folgt. Je mehr er zugeben kann, dass er vielleicht nicht in allem recht hat und dass es schlicht entspannend sein kann, manche Dinge tatsächlich einer »höheren Gewalt« zu überlassen, desto besser wird sein Verhältnis zu seinen Mitmenschen. Ob eine Birne vom Baum fällt, weil Gott es so will oder doch aufgrund der guten alten Schwerkraft, da legt sich der Film nicht fest. Aber er demonstriert, wie viel geistige Beweglichkeit hinzukommt, wenn man die Frage zulässt.

Meinung zum Thema

Kommentare

Ihre Kritik trifft die Stimmungslage in diesem Film sehr gut. Er ist angenehm vielschichtig. Im Saal wurde dieser "Komödie" sehr aufmerksam gefolgt mit wenigen Lacheinlagen.

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